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Die Bildungsverwaltung gestand ein, dass es zahlreiche Vakanzen gibt. „Der Bedarf ist deutlich angestiegen“, sagte ein Sprecher. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
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Berliner Lehrkräftemangel weitet sich aus Hunderte freie Stellen und kein Nachwuchs in Sicht

Mehr Schwangerschaften, mehr Kündigungen und kaum Interessenten: In Berlin ist mancherorts bis zu jede zehnte Lehrerstelle unbesetzt.

An Berlins Schulen sind zurzeit rund 450 Stellen vakant. Dies belegen aktuelle Angaben aus allen Bezirken, die dem Tagesspiegel vorliegen. Demnach ist an den Spandauer Sekundarschulen und an den Förderschulen von Tempelhof-Schöneberg sogar jede zehnte Stelle frei. Die Senatsverwaltung für Bildung wollte die Zahlen nicht bestätigen, gestand aber ein, dass es zahlreiche Vakanzen gibt.

„Der Bedarf ist deutlich angestiegen“, sagte Verwaltungssprecher Martin Klesmann auf Anfrage. Als Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) zum Schuljahresbeginn von nur 80 freien Stellen gesprochen habe, sei noch nicht bekannt gewesen, dass es statt 700 sogar über 850 Kündigungen geben würde.

Zudem seien von den damals benannten 150 Einstellungsvorgängen nicht alle realisiert worden. Im Übrigen habe es sich Anfang August auch nur um eine „Momentaufnahme“ gehandelt, die noch in den Sommerferien erhoben und bereits am 3. August vorgestellt worden sei.

Demnach hat sich die Lage in der Zwischenzeit weiter verschärft. Dazu habe beigetragen, dass es rund 330 Schwangerschaftsmeldungen gegeben habe – mehr als sonst. Um die Lücken zu füllen, würden weitere Einstellungen erfolgen, sagte Klesmann. Aktuell seien mehr als 33.000 Lehrkräfte im Einsatz.

Im Übrigen gebe es in Berlin überdurchschnittlich viele Lehrkräfte für Sprachförderung, Teilungsunterricht, Inklusion oder Integration. Statistisch dürften demnach rund 40 Prozent mehr Lehrkräfte im Einsatz sein als rechnerisch für die Abdeckung des reinen Unterrichts notwendig.

350 Lehrerstellen wurden umgewandelt, um Lücken füllen zu können

Scheeres hatte sich zu Beginn des neuen Schuljahres bemüht, die Lücken nicht allzu groß erscheinen zu lassen. Sie sprach daher auch nicht von "Seiteneinsteigern", sondern von "sonstigen Lehrkräften".

Von nur "80 unbesetzten Stellen" sprach Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) zum Start des neuen Schuljahres. Foto: Wolfgang Krumm/dpa Vergrößern
Von nur "80 unbesetzten Stellen" sprach Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) zum Start des neuen Schuljahres. © Wolfgang Krumm/dpa

Der Gesamtpersonalrat hatte stets widersprochen und auf den Mangel an ausgebildetem Personal hingewiesen. Er wies auch erneut darauf hin, dass 350 Lehrerstellen in Stellen für anderes pädagogisches Personal umgewandelt worden seien, um überhaupt die Lücken füllen zu können: Es wurden also Sozialarbeiter:innen, Betreuer:innen, pädagogische Unterrichtshilfen, Psycholog:innen und Verwaltungskräfte statt Lehrkräften eingestellt – eine reine Notmaßnahme.

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Zudem seien rund 900 Stellen durch Fristverträgler belegt, die kein Fach für die Berliner Schulen studiert hätten und nur deshalb eingestellt wurden, weil man die Lücken nicht anders füllen konnte. Demnach seien insgesamt 2030 Stellen nicht oder nicht adäquat besetzt. Dazu kämen noch die rund 4000 Quereinsteigenden, die zurzeit unterrichten: Sie studieren zum Teil noch ihr Zweitfach nach oder absolvieren berufsbegleitend ihr Referendariat.

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Die Bildungsverwaltung hatte wegen der Mangelsituation versucht, durch eine große Informationswoche im September gegenzusteuern. Es meldeten sich allerdings viel weniger Interessent:innen als erhofft: Durch einen deutschlandweiten Personalmangel gibt es kaum Nachwuchs, zumal Berlin als einziges Bundesland Lehrkräfte nicht verbeamtet.

Angesichts dieser Notlage gab es am Montag wenig Verständnis für die Ankündigung der Bildungsgewerkschaft GEW, für Mittwoch zu einem Warnstreik für die vertragliche Festschreibung kleinerer Klassen aufzurufen: Da es kein gelerntes Personal mehr gebe, sei die Forderung nach kleineren Klassen zum aktuellen Zeitpunkt müßig.

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