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Nur noch Notbetrieb vorgesehen: Eine Erzieherin spielt in einer Kindertagesstätte hinter einer Rollbahn mit Kindern. Foto: Uwe Anspach/dpa
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Berliner Kitas machen wieder dicht Eltern und Träger kritisieren Rückkehr zur Notbetreuung scharf

Die Rede ist von Willkür: Der Landeselternausschuss lehnt neue Corona-Schließungen von Kitas ab. Betreiber beharren auf dem Bildungsanspruch der Kinder.

Die Rückkehr zur Notbetreuung in den Berliner Kitas stößt auf Widerstand bei Eltern und Trägern. Der Berliner Landeselternausschuss Kindertagesstätten (Leak) bezeichnete die Maßnahme als nicht tragbar. Der Verband der Kleinen und Mittelgroßen Kitaträger (VKMK) nannte sie "vollkommen inakzeptabel".

Es würden Instrumente aus der Anfangszeit der Pandemie angewendet, ohne diese an die tatsächlichen Gegebenheiten anzupassen, zu denen auch Testmöglichkeiten zählten, hieß es von Seiten des Leak. Dieser ist das höchste Gremium der Elternvertretung auf Kita-Ebene im Land Berlin.

Eine Schließung von Kitas sei nicht begründbar. „Vielmehr handelt es sich um eine willkürliche Maßnahme zur Reduzierung der allgemeinen Inzidenz, bei der der Einfachheit halber auf die Gruppe zurückgegriffen wird, die ihre Interessen selbst nicht nach außen vertreten kann“, teilte der Leak mit.

Wegen der dritten Corona-Welle hatte der Senat am Donnerstag eine weitere Verschärfung der Corona-Regeln beschlossen. Kitas sollen demnach vom kommenden Donnerstag an wieder in den Notbetrieb wechseln und damit nur noch eingeschränkte Betreuung anbieten. Formal werden die Kitas wieder geschlossen. Eine Notbetreuung soll es aber geben für Kinder aus Familien, die dringend darauf angewiesen sind und in denen mindestens ein Elternteil in einem besonders wichtigen, sogenannten systemrelevanten Beruf arbeitet. Diese Liste umfasst inzwischen 31 Seiten.

Auch Alleinerziehende, die keine andere Betreuungsmöglichkeit organisieren können, und Eltern, bei deren Kindern aus besonderen pädagogischen Gründen eine Betreuung erforderlich ist, sollen das Angebot in Anspruch nehmen können. Eine ähnliche Regelung gab es schon einmal, bis die Kinderbetreuung im März wieder hochgefahren wurde.

Elternausschuss: Mit Tests bleibt nur ein "geringes Restrisiko"

Der Landeselternausschuss forderte demgegenüber, übergangsweise eine Betreuung für alle Kinder zu erhalten und die Ausgestaltung Kitas und Eltern zu überlassen. Spätestens wenn Mitte April die vom Senat angekündigten 500.000 Selbsttests für Kinder zur Verfügung stehen, sollte auf das Kriterium der Systemrelevanz ganz verzichtet werden. Schon jetzt dürften Kinder mit Erkältungssymptomen nicht in die Einrichtungen.

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In der Kombination mit zweimal wöchentlichen Tests bleibe "nur ein geringes Restrisiko, symptomatische ebenso wie asymptomatische Fälle nicht zu erkennen", erklärte der Leak. "Stellt man dieses sehr geringe Restrisiko dem Schaden gegenüber, der durch den Ausschluss aller Kinder von nicht systemrelevanten Eltern von der frühkindlichen Bildung entsteht, ist diese Maßnahme kaum zu rechtfertigen."

Einrichtungen, die selbst schon ausreichend Tests beschafft hätten, sollten deshalb wie bisher im "eingeschränkten Regelbetrieb" weiterarbeiten, der eine Betreuung für alle Kinder nach dem Wechselmodell vorsieht. Darüber hinaus regten die Eltern an, eine digitale Kontaktnachverfolgung wie mit der Luca-App auch in Kitas zu etablieren.

Inzidenz inzwischen so hoch wie in anderen Altersgruppen

In den Kitas wie in den Schulen gebe es ein stärkeres Infektionsgeschehen als noch im vergangenen Jahr, auch wegen der Virus-Mutationen, hatte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) in einer Pressekonferenz nach der Senatssitzung die Rückkehr zum Notbetrieb begründet. Auffällig sei, dass es vermehrt in ihrem Umfeld zu Ansteckungen komme, schließlich gebe es auch auf dem Hin- und Rückweg Kontakte.

Michael Müller verkündete am Donnerstag die Rückkehr der Kitas zur Notbetreuung. Foto: imago images/photothek Vergrößern
Michael Müller verkündete am Donnerstag die Rückkehr der Kitas zur Notbetreuung. © imago images/photothek

Die Sieben-Tage-Inzidenz in der Altersgruppe von null bis vier Jahren lag am Sonntag bei 141,2. Das war mehr als der Berliner Durchschnitt von 129,1, aber ungefähr auf dem Niveau von Jugendlichen und Erwachsenen mittleren Alters. Deutlich gesenkt wird der Landesschnitt von den Senioren, deren Inzidenz dank der Impfungen inzwischen weit unter 100 gefallen ist. Im vergangenen Jahr, war die Sieben-Tage-Inzidenz bei den Kita-Kindern meist weit unter dem Niveau der anderen Altersgruppen.

Träger: Nur überproportionaler Anteil rechtfertigt Schließungen

Ähnlich wie der Leak forderte auch der Träger-Verband VKMK, die Menge der Tests und den Anteil der positiven Fälle in die Bewertung des Infektionsgeschehens einzubeziehen. Eine hohe Inzidenz bei den Kita-Kindern allein will er noch nicht als Rechtfertigung für Einschränkungen in der Betreuung gelten lassen. Erst ein "überproportionaler Beitrag" der Kinder im Kita-Alter zur Pandemie wäre für den VKMK ein "nachvollziehbares Argument für Kitaschließungen", erklärte der Verband bereits am Donnerstag. "Nur liegt eben bisher keine Überproportionalität der Jüngsten vor."

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Stattdessen verwies er darauf, dass es ein "umfangreiches und erprobtes Schutzkonzept" gebe - mit umfangreichen Hygienemaßnahmen, einem vorgezogenen Impfangebot fürs Personal sowie der Beschaffung von FFP2-Masken und Schnelltests. "Wir fordern den Berliner Senat deshalb dringend dazu auf, seinen 'Schlingerkurs' zu beenden und Pläne zu erarbeiten, die ein Bildungsangebot für alle Kinder auch in Zeiten der Pandemie sichern!"

Der VKMK vertritt die Interessen von mehreren Dutzend Trägern mit 9200 Plätzen in 186 Einrichtungen. "Nach nunmehr einem Jahr gelingt es dem Senat immer noch nicht, ein Konzept zu realisieren, das über das ständige Öffnen und Schließen der Kitas hinausgeht", kritisierte der VKMK im Anschluss an die Sondersitzung der Regierung.

"Ständiges Wegsperren der Kinder einzige Idee des Senates"

Das Kindeswohl sei "nicht ansatzweise einbezogen worden", beklagte der Verband. Geschäftsführer Lars Békési schrieb: "Ein ständiges Wegsperren der Kinder scheint erschreckenderweise die einzige Idee des Senates zu sein." Das Vorgehen sei nicht von den Empfehlungen der Wissenschaft gedeckt und zeige "ein erschreckendes Krisenmanagement".

Dem Senat fehle ein Plan für eine Öffnung und auch für ein Ende des Notbetriebs. "Somit haben Träger, Fachkräfte und Eltern wieder einmal keine sichere Planungsgrundlage für die nahe Zukunft", teilte der VKMK-Geschäftsführer mit. "Viele Träger werden mittlerweile nur noch durch ihre soziale Verantwortung von einem Streik abgehalten." (mit dpa)

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