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Arafat Abou-Chaker hetzte bei Clubhouse gegen die Medien. Foto: Olaf Wagner
© Olaf Wagner

Berliner Clan-Größen laden zum Clubhouse-Abend Kampf gegen Clankriminelle mit Holocaust verglichen

Männer aus Berliner Großfamilien beklagen sich bei Clubhouse und Instagram über Behörden und Medien. Eine Kabarettistin mischt mit beim Shoa-Vergleich.

Seit einigen Jahren gehen Polizei und Justiz verstärkt gegen kriminelle Mitglieder deutsch-arabischer Großfamilien vor. Üblicherweise wird dann von Clankriminalität gesprochen. Der Begriff ist vom Bundeskriminalamt klar definiert, er bleibt im politischen Raum aber umstritten, weil so womöglich unbescholtene Angehörige der Großfamilien stigmatisiert werden könnten.

Vertreter bekannter Berliner Clans wehren sich nun, von Gegenöffentlichkeit ist die Rede. Dabei haben einige gleich mehrfach das Vorgehen der Behörden mit dem Holocaust und dem Völkermord an den Juden verglichen. Und die Männer aus Berlins bekanntester Großfamilie bedienten rechtsextreme Verschwörungstheorien.

Los ging es schon am Mittwoch auf Instagram. Dort postete ein Spross des Remmo-Clans: „Die uns heute verfolgen, sind die Nachkommen, die damals unsere jüdischen Mitbürger verfolgt und vernichtet haben.“

In einem anderen Text zeigte er ein Foto des Vernichtungslagers Auschwitz und verglich den Umgang mit kriminellen Clan-Männern mit den Anfängen des Nationalsozialismus: „Es fing nicht mit Gaskammern an. Es fing an mit einer Politik, die von wir gegen die sprach“, schreibt der seit Jahren polizeibekannte Mann der Neuköllner Großfamilie.

Anlass war ein Bericht der „Berliner Morgenpost“ über eine Villa der Familie im Süden Neuköllns, die von der Justiz eingezogen worden ist. Das Kammergericht bestätigte dies im September: Demnach soll das Anwesen 2012 offenbar mit Beutegeld von einem nahezu mittellosen Sohn von Clan-Chef Issa erworben worden sein.

Ein Spross des Remmo-Clans vergleicht den Umgang mit Clans bei Instagram mit Auschwitz. Screenshot: Tsp Vergrößern
Ein Spross des Remmo-Clans vergleicht den Umgang mit Clans bei Instagram mit Auschwitz. © Screenshot: Tsp

Die Villa gehört zu jenen 77 Immobilien im Wert von mehr als neun Millionen Euro, die 2018 bei Geldwäsche-Ermittlungen beschlagnahmt worden waren. Nun schlug Neuköllns Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU) vor, aus der Villa ein Jugendzentrum zu machen.

[Organisierte Brutalität: Warum in Berlins Clan-Milieu öfter Schüsse fallen als bei anderen Kriminellen – weiterlesen bei Tagesspiegel Plus]

Auch an anderer Stelle wurde die Shoa verharmlost, diesmal vor größerem Publikum. Arafat Abou-Chaker, einer der bekanntesten Szenegrößen, lud in der Nacht zu Donnerstag zum virtuellen Gespräch über die Audio-App Clubhouse, das bis zu 5000 Zuhörer hatte. Mit dabei waren die Kabarettistin Idil Baydar, eine Anwältin und viele Journalisten.

Abou-Chaker beklagte sich über die Clan-Berichterstattung. Ein Nutzer sagte dazu wörtlich: „Das erinnert mich ganz stark an, wie heißt das noch mal, Zweite-Weltkrieg-Geschichte, hier, wo sie auf die Juden geritten sind.“

Kabarettistin Baydar reagierte und sagte: „Das ist die gleiche Story.“ Ein anderer sagte: „In moderner und legaler Weise.“ Abou-Chaker sagte: „Sippenhaft.“ Damit hat er nach Angaben seiner Anwälte den Umgang mit Clan-Kriminalität gemeint. Obwohl der Begriff im Dritten Reich Anwendung fand und Sippenhaft im Nationalsozialismus praktiziert wurde, hat er sich den Angaben zufolge nicht darauf bezogen.

Bei Twitter droht Baydar erst mit Klagen, dann zeigt sie sich einsichtig

Später entdeckte die in Celle geborene Baydar kritische Kommentare beim Kurznachrichtendienst Twitter. Dort wurde ihr vorgeworfen, den Umgang mit Clankriminalität mit dem Holocaust verglichen zu haben. So etwas, also den Holocaust-Vergleich, habe sie nicht gesagt. Das sei eine „dekontextualisierte Verdrehung“. Und Abou-Chaker selbst erklärte in dem Clubhouse-Raum: „Keiner will hier den Holocaust verleugnen und keiner sich auch vergleichen mit Juden.“

Die Kabarettistin Idil Baydar. Foto: Doris Spiekermann-Klaas Vergrößern
Die Kabarettistin Idil Baydar. © Doris Spiekermann-Klaas

Bei Twitter drohte Baydar später sogar mit Unterlassungsklagen, schrieb von „Rufmord“. Am Donnerstagmorgen kam dann die Einsicht. „In der aufgeregten Debatte habe ich Dinge gesagt, die so nicht stehen bleiben dürfen. Natürlich ist die Berichterstattung über ,Clans‘ nicht vergleichbar mit dem Antisemitismus der Nazi-Zeit. Es tut mir sehr leid, wenn es im Eifer des Gefechts so klang.“

Den Tweet löschte sie dann später und verfasste einen neuen: „Ich setzte die Diskussion um Arabische Großfamilien, dem Holocaust, der Shoa nicht gleich. Wenn der Eindruck entstanden ist, bedauere ich das sehr.“

Auch sonst scheint Baydar eine besondere Sicht auf den Umgang mit Clan-Kriminellen zu haben: Die Polizei fülle „Clancomputer“ mit „allen Namen, die irgendwie arabisch klingen“, selbst wenn „du ein Snickers geklaut hast“. Baydar stimmte auch den Vorstellungen von Szenegröße Abou-Chaker zur „Pressefreiheit“ zu.

Baydar beklagt Berichte „auf dem Rücken unserer Leute“

Abou-Chaker sagte, in der Presse sei „vorne bis hinten“ alles gelogen. Baydar meldete sich im Online-Talk und sagte, es gäbe schlechte Journalisten, jene von der Springer-Presse, die „dämonisieren, zum Satan machen“ – und das „auf dem Rücken unserer Leute“, wen immer sie damit meint.

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Und die Kabarettistin sagte, es gebe auch gute Journalisten, „die auf unserer Seite stehen“. Abou-Chaker entgegnete aber: „Kein Journalismus besitzt die Eier, um die Wahrheit zu sagen. Weil keiner will sich mit dem Axel-Springer-Verlag anlegen.“ Und Baydar stimmte zu.

Der Talk, zu dem Abou-Chaker eingeladen hatte, dauerte mehr als vier Stunden. Ihm geht das Interesse der Behörden und der Presse an den Großfamilien jedenfalls zu weit. Talk-Gäste sagten über die Berichterstattung über Clans, das sei keine Pressefreiheit, sondern „Hundefreiheit“. An anderer Stelle wurden Lüge und Pressefreiheit gleichgesetzt.

Arafat Abou-Chaker im aktuell laufenden Prozess vor dem Landgericht Berlin. Foto: imago images/Olaf Wagner Vergrößern
Arafat Abou-Chaker im aktuell laufenden Prozess vor dem Landgericht Berlin. © imago images/Olaf Wagner

Meinungsfreiheit gelte auch auf Clubhouse, sagte der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, Frank Überall, am Donnerstag. „Wenn aber gegen Journalistinnen und Journalisten gehetzt, Verschwörungserzählungen verbreitet oder sogar der Holocaust verharmlost werden, dann ist dort wie überall Schluss mit lustig.“

Arafat Abou-Chaker will nicht Clanchef genannt werden

Neben Verschwörungstheoretischem blieb noch etwas vom Clan-Talk bei Clubhouse hängen: Abou-Chaker will nicht Clanchef genannt werden, er kenne nur den Denver-Clan. Und er sei nicht vorbestraft, wie er mehrfach an diesem Abend sagte.

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Gegen ihn und drei seiner Brüder läuft seit Monaten ein Prozess vor dem Berliner Landgericht. Sie müssen sich wegen versuchter schwerer Erpressung, gefährlicher Körperverletzung, Nötigung, Beleidigung und Untreue verantworten. Ihr Opfer soll der Rapper Bushido gewesen sein.

Im Juni wurde Arafat Abou-Chaker am Landgericht wegen Körperverletzung und Bedrohung zu einer Geldstrafe von 14.850 Euro verurteilt. In einem Geschäftshaus hatte er im März 2018 einem Hausmeister zwei Finger in die Augen gedrückt und einen Kopfstoß versetzt.

Diese Vorstrafe ist im Bundeszentralregister eingetragen. Seine Brüder sind wegen diversen Vorwürfen wie Schutzgelderpressung, Raub, Geldwäsche, Drogen- und Waffenhandel aktenkundig.

- Klarstellung: Die Aussagen von Arafat Abou-Chaker in der früheren Version dieses Beitrags sind konkretisiert worden. Abou-Chaker war zunächst missverstanden worden, weil er pauschal von „Sippenhaft“ sprach. Wir haben seine Aussagen präzisiert und deutlich gemacht, dass er den angeblichen Kampf gegen Clankriminelle nicht mit dem Holocaust verglichen hat und sich in dem Clubhouse-Talk ausdrücklich dagegen ausspricht, den Holocaust zu leugnen oder mit dem Kampf gegen die Clankriminalität zu vergleichen. Die Redaktion

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