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Pompeji? Nein, Kreuzberg. Die Fliesen im U-Bahnhof Yorckstraße sind seit 2016 weg. Foto: Jörn Hasselmann
© Jörn Hasselmann

Berliner Bahnhof hat seit Jahren keine Fliesen mehr Pompeji an der Yorckstraße

Der U-Bahnhof Yorckstraße ist eine besondere Zumutung für die Fahrgäste. Das wird in den nächsten Jahren nur allmählich besser.

In diesem U-Bahnhof lassen sich Weltuntergangsfilme drehen. Oder Szenen aus Weltkriegsbunkern. Der wichtige Umsteigebahnhof Yorckstraße an der Grenze von Schöneberg und Kreuzberg ist seit mehr als vier Jahren die mit Abstand schäbigste Station der Stadt.

Keine Fliesen mehr, weder an Wänden noch auf dem Bahnsteigboden. Die Decke nackter roher Beton, lose hängende Kabel, verstaubte Holzplatten. Überall, wirklich auf jedem Quadratmeter der gesamten Station: Graffiti. Eine dicke Staubschicht lagert über allem, dämpft die Farben. Ein Leser brachte es in einer Zuschrift so auf den Punkt: Wie eine Ausgrabung in Pompeji. 

Ein Besuch. Ein Aushang im Format DIN-A-3 verheißt am Eingang Bauarbeiten vom „16.09.2019 bis vsl. Frühjahr 2021“. Auch Menschen, die nicht mit Berliner Baustellen vertraut sind, erkennen sofort: Das kann nicht stimmen. 

Stimmt auch nicht, sagt BVG-Chefsprecherin Petra Nelken: Die Arbeiten hätten sich verzögert. Da, wo früher mal eine verglaste und überdachte Eingangshalle direkt am S-Bahnhof war, steht ein weißes Zelt, provisorisch mit Latten gesichert.

Nelken erklärt: „Aktuell laufen die Arbeiten am Ausgang zur S1. Hier wird die gesamte Betonkonstruktion instand gesetzt, ein neues Eingangsgebäude errichtet sowie neue Fahrtreppen eingebaut. Der Gang erhält eine neue Fliesenverkleidung.“ Und: „Die Inbetriebnahme ist im Spätsommer 2021 vorgesehen.“

Mit diesem Ausgang zur S-Bahn ist nur ein kleines Stück fertig

Damit endet dann auch das Leben der provisorischen Fußgängerampel. Denn bekannt geworden war der Umbau des Eingangs zunächst, weil den vielen Fahrgästen, die von der S1 zur U7 umsteigen wollten, ein mehrere Hundert Meter langer Fußmarsch zur nächsten regulären Ampel empfohlen wurde. Natürlich hielt sich kaum jemand daran; die meisten überquerten die stark befahrene Yorckstraße auf eigene Faust. Nach heftiger Kritik lenkten die Behörden ein und installierten eine zusätzliche Ampel. 

Das Schild ist überholt im Eingang. Die BVG will es aktualisieren Foto: Jörn Hasselmann Vergrößern
Das Schild ist überholt im Eingang. Die BVG will es aktualisieren © Jörn Hasselmann

Doch mit diesem Ausgang zur S-Bahn ist nur ein kleines Stück fertig. Erst anschließend, also ab Herbst 2021, will sich die BVG der restlichen Station annehmen, die der Tagesspiegel schon 2018 als „schäbig“ bezeichnet hatte.

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Zur Vorgeschichte: Im Jahr 2016 stellten Experten bei einer Untersuchung fest, dass 70 Prozent der Fliesen lose sind, also die Gefahr droht, dass sie ins Gleisbett fallen. Im selben Jahr waren an einer anderen Station der U7, nämlich Gneisenaustraße, die Fliesen von der Wand auf einen Zug gefallen. Dementsprechend vorsichtig reagierte die BVG: „Zur Sicherstellung der Betriebssicherheit wurden die Fliesen gesondert, bereits vorab, entnommen“, teilte die Sprecherin mit. Erst nach dem kompletten Abschlagen habe man begonnen, eine Grundinstandsetzung zu planen.

Attraktiv ist anders. Graffiti auf Holz oder Beton.  Foto: Jörn Hasselmann Vergrößern
Attraktiv ist anders. Graffiti auf Holz oder Beton.  © Jörn Hasselmann

Die BVG beauftragte ein Planungsbüro, „es folgten weitere komplexe Abstimmungen und eine europaweite Ausschreibung, die einige Jahre in Anspruch nahmen, so dass mit der eigentlichen Sanierung des Eingangsgebäudes erst im letzten Jahr begonnen werden konnte“, sagte Nelken. 

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Nach ihren Angaben „erfolgt in der Bahnsteighalle derzeit in den nächtlichen Betriebspausen eine Betonsanierung“. Zumindest für die Wände stimmt das nicht; die Graffitis sind Jahre alt, wie Fotos zeigen. Die Betonsanierung sei „zeitlich sehr aufwendig und für den Fahrgast nur wenig wahrnehmbar“, heißt es. 

Dass Fahrgäste nie Bauarbeiter sehen, erklärt die BVG so: Gearbeitet wird nur nachts, wenn knapp vier Stunden lang keine regulären Züge fahren.

Ausfahrt der U7 aus der Höhle. Foto: Jörn Hasselmann Vergrößern
Ausfahrt der U7 aus der Höhle. © Jörn Hasselmann

Um so mehr Zeit haben Fahrgäste, sich über den Zustand zu wundern. Dieser im Wortsinne unterirdische Zustand wird noch lange anhalten. Wegen „der sehr kleinteiligen Arbeiten dauert die Sanierung noch bis Herbst 2023“, sagte Nelken. Sieben Jahre nach dem Abschlagen der Fliesen könnte der Bahnhof also neue haben.

Immerhin am Bahnhof Bismarckstraße geht es voran

Vor vier Jahren hatte die BVG eine Zeichnung veröffentlicht, auf der die künftige Bahnsteighalle zu sehen ist. Durch den Verzicht auf die abgehängte Decke wird die Station höher, weiter und heller wirken. Letztlich hat sich die BVG jetzt dank der kaputten Fliesen durchgesetzt gegen die Verkehrsverwaltung. Diese hatte 2016 Bedenken gegen die Totalsanierung angemeldet und wollte die 1971 vom Hausarchitekten der Verwaltung, Rainer G. Rümmler, entworfene Station lieber unter Denkmalschutz stellen.

Seit Jahren ist auch die Station Bismarckstraße eine Baustelle. Hier geht es aber immerhin voran. Foto: Jörn Hasselmann Vergrößern
Seit Jahren ist auch die Station Bismarckstraße eine Baustelle. Hier geht es aber immerhin voran. © Jörn Hasselmann

Die Kosten beziffert die BVG auf zwölf Millionen Euro. Immerhin ist bereits seit 2016 ein Aufzug fertig, die U-Bahn-Höhle ist also auch für Rollstuhlfahrer zu erreichen.

Der Bahnhof Yorckstraße ist zwar ein Extrembeispiel, aber kein Einzelfall. Ebenfalls seit Jahren wird auf der ebenfalls wichtigen Umsteigestation zwischen U2 und U7 gebaut, Bismarckstraße.

Hier sehen Fahrgäste aber, dass es vorangeht. Die Hintergleiswände haben bereits ansehnliche grüne Fliesen bekommen, die – so wie früher – in der Farbe changieren. Irgendwann wird es auch an der Yorckstraße so weit sein.

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