Wärmendes für den Winter. Eine Ladung Decken, Schlafsäcke und Bekleidung für Obdachlose. Foto: Jens Kalaene/dpa
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Berlin-Mitte Wieder wurde ein Obdachlosencamp in Berlin geräumt

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Nach zahlreichen Bürgerbeschwerden wurde ein illegales Camp im Ulap-Park geräumt. Das Grundproblem aber bleibt bestehen.

Acht Kubikmeter Unrat hatte sich angesammelt, vielleicht ein bisschen mehr, vielleicht etwas weniger, so genau weiß das keiner. Genug jedenfalls, dass die Mitarbeiter der Stadtreinigung zu tun hatten. Sie mussten das illegale Obdachlosencamp im Ulap-Park in Mitte räumen. Es ging nicht anders, daran lässt Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel, zuständig auch fürs Ordnungsamt, keinen Zweifel. Unhaltbare hygienische Bedingungen, zahlreiche Bürgerbeschwerden, es gibt eine Grenze der Toleranz.

Wieder ein Camp. Wieder unhaltbare hygienische Zustände. Solche Räumungen sind nicht neu. Im Tiergarten wurden Lager aufgelöst, auch in Friedrichshain. Wenn das Gesundheitsamt Alarm schlägt, ist Gefahr im Verzug. Bevor in der Vergangenheit am Ostkreuz und am Berghain geräumt wurde, waren Ratten zwischen den Matratzen und leeren Flaschen herumgerannt. Auch die Camps an der Rummelsburger Bucht werden, trotz Fristverlängerung, wohl geräumt.

Mit der Auflösung von Camps ist das Problem nicht gelöst

Doch mit der Auflösung von Camps, ob an der Rummelsburger Bucht oder in Mitte, ist das ursächliche Problem, die Obdachlosigkeit, nicht gelöst. Das weiß auch von Dassel. Aber der Grünen-Politiker steht parteiintern unter besonderer Beobachtung, weil er schon früher Räumungen angeordnet hat, hat er im Fall Ulap-Park detailliert dokumentiert, dass die Bewohner mehrfach gebeten wurden, das verwahrloste Lager zeitnah zu verlassen. Und dass sie selbstverständlich Informationen über Hilfsangebote für Übernachtungen erhielten. „Allen obdachlosen Menschen stehen in Berlin vielfältige und sehr niederschwellige Hilfen zur Verfügung. Menschen in den katastrophalen Bedingungen zu belassen, in denen sie in Grünanlagen oder unter Brücken leben, ist daher keine Lösung“, teilte von Dassel mit.

So sieht es ja auch Ortrud Wohlwend. „Obdachlosencamps tun der Stadt nicht gut. In den Camps gibt es früher oder später Verelendung“, sagt die Pressesprecherin der Stadtmission. „Allerdings sind Räumungen aus unserer Sicht das letzte Mittel. Besser wäre es, den Menschen nachhaltig zu helfen.“ Die Stadtmission hilft zumindest vorübergehend. Drei Notübernachtungsstellen und ein Nachtcafé für Wohnungslose stellt sie zur Verfügung.

Ortrud Wohlwend geht es um die Strategie. Nachhaltige Hilfe, das ist für sie ein Kernpunkt, nur so ist für sie dem Problem beizukommen. Die Menschen bräuchten Wohnungen, sie benötigen die Hilfe von Streetworkern, die soziale Situation werde ja generell immer schwieriger. Wohnungsnot, steigende Mieten, das alles verschärfe die Lage. Sie hat im Herbst ein polnisches Ehepaar getroffen, beide berufstätig, beide wohl im Billig-Lohnsektor. Kann ja nicht anders sein, weshalb sonst leben sie in einem Zelt am S-Bahndamm in Tiergarten? Eine Wohnung hatten sie nicht gefunden. „Die Menschen benötigen konkrete Hilfsangebote, sonst wird die Hoffnungslosigkeit immer größer und festigt sich“, sagt Ortrud Wohlwend.

Menschen müssten Wohnungen erhalten

Die prekäre Situation verschärft sich, zumindest hat sie diesen Eindruck, wenn sie auf ein paar Zahlen blickt. Im Dezember registrierte die Stadtmission in ihrer zentralen Notübernachtung in der Lehrter Straße 9286 Übernachtungen, darunter 902 von Frauen. 120 Plätze bietet die Unterkunft. Aber allein am 16. Dezember übernachteten dort 167 Menschen.

Auch Caritas-Sprecher Thomas Gleißner fordert eine „qualifizierte Wohnungslosenhilfe“. Auch er hat im Prinzip nichts gegen die Räumung der Camps. „Aber wichtig ist, dass die Menschen nicht vertrieben werden.“ Stattdessen sei es nötig, sie zumindest „in Notunterkünfte zu bringen“. Ein Zwischenziel. Die Hauptaufgabe bleibe: Menschen müssten Wohnungen erhalten. Schöne Theorie. Die Praxis sieht düsterer aus. „Es haben ja schon Leute mit normalen Berufen Probleme, ihre Wohnung zu halten.“ Immerhin, die Senatsverwaltung für Soziales engagiere sich, die Kältehilfe sei ausgebaut worden. Die Caritas betreibt unter anderem die Notunterkunft in der Franklinstraße.

Mehrere tausend Obdachlose leben in Berlin, so viel ist klar. Nur weiß niemand, wie viele es genau sind – und wie groß der Bedarf. Damit der Überblick etwas klarer wird, werden irgendwann in nächster Zeit rund 1000 Freiwillige ausschwärmen. In Teams zu je drei Helfern sprechen sie Obdachlose an ihren üblichen Übernachtungsplätzen an und befragen sie. Details des Konzepts will der Senat in Kürze bekanntgeben. Caritas-Sprecher Gleißner registriert’s zufrieden, allerdings nicht ohne kritische Zusatzbemerkung. „So eine Zählung fordern wir ja schon seit Jahren.“

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