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"Wir beede, wa?" Oma und Enkelin 2002 in Berlin Foto: privat
© privat

„Berlin, ick gehe“ Noch einmal mit Oma in die Sonne

Als Sängerin begeisterte Henriette Münch ihre Zuschauer, als Kummerkasten ihre Enkel. Selbst ihr Grabstein bekam eine Hauptrolle. Unsere Autorin nimmt Abschied.

Am Tag, als Oma starb, titelte die Konkurrenz: „Meine Mutter liegt im Sterben. Und ich darf nicht zu ihr.“ Es war Anfang Mai, mitten im größten Corona-Lockdown. Ich stand heulend vor der Tür des Pflegeheims in Mitte, alarmiert vom Anruf meiner Eltern, es gehe wohl zu Ende. „Enkelin von Frau Münch? Na klar, kommse rin, dit wär ja noch schöner“, empfing mich der Pförtner.

Ich hätte ihn umarmen können. Aber ging ja nicht. Also hastete ich die Treppen hoch, dachte über die Schlagzeile nach, und dieses ausweglose Abwägen von Prioritäten wühlte mich noch mehr auf. Doch oben im Zimmer kehrte Ruhe ein. Oma lag auf ihrem Bett, die Pfleger hatten es Richtung Fenster geschoben, doch der schöne Blick aus der Westseite interessierte sie wohl nicht mehr. Die Augen blieben geschlossen, aber ich glaube, sie registrierte, dass wir da waren.

Henriette Münch wurde 94 Jahre alt. Den Großteil davon verbrachte sie in Halle an der Saale, doch im Herzen blieb sie immer Berlinerin. Unvergessen ihr Schlachtruf „Berlin, ick komme!“ am Telefon, bevor sie auflegte und zum Hauptbahnhof fuhr, um uns besuchen zu kommen. Ich freute mich riesig auf diese Wochenenden, ich liebte meine Oma, und sie liebte uns, ihre Kinder und Enkel.

Noch wärmere Erinnerungen habe ich aber an Besuche in Halle. Oma, die abends beim Ins-Bett-Bringen die dicke Daunendecke am Kachelofen wärmte, bevor sie mich damit einmummelte. Oma, die mich morgens mit Kakao weckte, in den ich mein Brötchen mit Butter und Zörbiger Überrübe ditschen durfte, was herrliche Fettaugen auf dem Getränk hinterließ.

Hühnersuppe mit viel zu weichen Bandnudeln. Gezuckerte Kondensmilch aus der Dose trinken. Wir beide ebenso belustigt wie fassungslos vor dem trübe vor sich hin onanierenden Orang-Utan im halleschen Zoo. Und abends einträchtiges Arm-Kraulen bei „In aller Freundschaft“.

„Na kauf dor doch ä Blindenhund!“

Oma war besonders. Das denken sicher alle Enkel, die ihre Oma lieben, aber das macht sie ja nicht weniger besonders. Weltoffen, warmherzig, humorvoll und ihrer Generation irgendwie voraus. Zahlreich die Anekdoten, wie sich wieder ein Hallenser von ihrer offensiven Freundlichkeit angegriffen fühlte. Einmal rempelte sie jemanden an, entschuldigte sich sofort, „ich kann nämlich nicht so gut sehen“.

Henriette Münch, Jahreszahl unbekannt.. Foto: privat Vergrößern
Henriette Münch, Jahreszahl unbekannt.. © privat

Die Reaktion wurde in der Familie stehende Rede: „Na kauf dor doch ä Blindenhund!“ Wenn in der Straßenbahn Mitreisende einen Fahrgast mit offensichtlich nicht ausschließlich deutschen Wurzeln düster anstarrten, lächelte Oma ihn umso demonstrativer an. Bis er betreten wegsah.

Später im Heim verstand sie sich immer am besten mit den ausländischen Pflegekräften und regte sich lautstark über die rassistischen Statements ihrer Mitbewohner auf. Jammern ging ihr völlig ab, sie hasste es, wenn Mit-Rentner sich über ihre Wehwehchen beschwerten. Dabei mangelte es nicht an Gründen: Sie hörte kaum, sah kaum, und der Rücken war nur mit Schmerzmitteln zu ertragen.

Henriette Münch Mitte der fünfziger Jahre Foto: privat Vergrößern
Henriette Münch Mitte der fünfziger Jahre © privat

Henriette Münch wuchs zunächst in Biesdorf auf. Ihr Vater, Heinrich Becker, verlor als Sozialdemokrat 1933 seinen Posten als Ministerialrat, zu DDR-Zeiten leitete er dann in Leipzig den Börsenverein der Deutschen Buchhändler. Mit ihrem ersten Mann zog Oma nach Berlin zurück, diesmal Pankow, dann Scheidung, sie ging nach Rudolstadt. Dort hatte sie ihr erstes Engagement als Opernsängerin und verliebte sich in meinen Opa, der als Kapellmeister ans dortige Theater kam.

Küss mich: Als Köchin in der Operette "Feuerwerk" Ende der Sechziger in Erfurt Foto: privat Vergrößern
Küss mich: Als Köchin in der Operette "Feuerwerk" Ende der Sechziger in Erfurt © privat
Henriette Münch als junge Mutter in Rudolstadt Ende der Fünfziger Foto: privat Vergrößern
Henriette Münch als junge Mutter in Rudolstadt Ende der Fünfziger © privat

Heirat, Kind, Erfurt, Halle, Enttäuschungen, wieder Scheidung. In Halle blieb sie, bis wir sie vor einem halben Jahr zurück nach Berlin holten. Sie fühlte sich hier immer heimisch, und manches saß so tief, da richteten auch 50 Jahre Halle nichts aus. Klopfte es, kam mit Sicherheit das Klopslied: „Ick sitze da un’ esse Klops uff eemal klopp’s.“ Schade, dass sie ihre Rückkehr wohl nicht mehr recht wahrnahm.

„Die Geschmäcker der Publikümer sind verschieden“

Ihr war zwar alles Unaufrichtige, Aufgesetzte zuwider, alles, was irgendwie „etwas sein sollte“, wie sie sagte. Doch im Zweifelsfall konnte sie selbst ganz gut die Diva raushängen lassen, die sie immer blieb, auch als sie nach der Scheidung von Opa die Bühne hinter sich ließ und als Musiklehrerin an einer Schwerhörigenschule anfing.

[Berliner Lebensskizzen: Weitere Nachrufe finden Sie auf unserer Themenseite.]

Ein Beruf, der sie erfüllte, vielleicht mehr noch als die Bühne, viele Schüler hielten auch nach ihrer Pensionierung Kontakt, überhaupt war sie durch ihre offene und liebevolle Art ein menschlicher Magnet. Wohl auch, weil sie die Leute nahm, wie sie eben waren. „Die Geschmäcker der Publikümer sind verschieden“, wurde sie nie müde zu betonen.

Sobald es irgendwo „menschelte“, blühte sie auf. „Ich freue mich immer, dass ich in meinem Alter noch so viele gute Freunde habe, deren Freundschaft ist mir ganz wichtig“, schrieb sie mir mit Mitte 80. Der engste Kreis bestand aus einigen ehemaligen Kolleginnen, der sogenannten „Truppe“.

Kaffeekränzchen mit der "Truppe" - Henriette Münchs engsten Freundinnen. Foto: privat Vergrößern
Kaffeekränzchen mit der "Truppe" - Henriette Münchs engsten Freundinnen. © privat

Immer vor den Sommerferien stellte sich die Truppe bei ihr zum Heringsessen ein. Wer ihr telefonisch in die Vorbereitungen platzte, wurde abgewürgt: „Liebchen, die Truppe kommt gleich und ich steh mit beiden Beinen im Hering.“ Eine andere Freundin wohnte auf Hiddensee, und diese Urlaube habe ich in herrlicher Erinnerung. Oma liebte den Norden. „Nu geit dat richtig lous!“, frohlockte sie, wenn wir in Neuendorf die Fähre verließen.

Als ich älter wurde, war sie für mich eine der ersten Anlaufstationen in Sachen Liebeskummer. Sie wusste immer Rat. Kein Wunder, sie hatte auch viel durch auf dem Gebiet, wie ich mit den Jahren durch immer gezielteres Fragen begriff. Oma lebte, längst in Rente und nach zwei Ehen, Beziehungsmodelle mit mehreren Beteiligten, die ich immer noch nicht ganz durchschaue.

"Ein was?" "Selfie, Oma, Selfie!" Unsere Autorin Constanze Nauhaus und ihre Großmutter 2018 Foto: privat Vergrößern
"Ein was?" "Selfie, Oma, Selfie!" Unsere Autorin Constanze Nauhaus und ihre Großmutter 2018 © privat

Als ich zum Studium nach Leipzig ging, wohnte ich bei ihr, bis ich ein eigenes Zimmer fand. Jeden Morgen pendelte ich von Halle nach Leipzig, wir waren eine gute WG.

„Mit der Liebe ist es gar nicht so einfach, stimmt’s, mein Schatz?“

Und wenn sie mich in Leipzig besuchen kam, freuten sich auch meine Freundinnen, vor allem die, bei denen es gerade kriselte. Dann gingen wir abends auf der Karl-Heine-Straße ein Weinchen trinken und sie erzählte uns, wie das so sein kann mit den Männern und den Frauen, mit den Frauen und den Frauen, und überhaupt.

Große Liebe: Sowohl zum Norden als auch zu den Urenkeln. Hier 2012 an der Ostsee Foto: privat Vergrößern
Große Liebe: Sowohl zum Norden als auch zu den Urenkeln. Hier 2012 an der Ostsee © privat

In einem Brief, den sie mir 2010 ins Auslandsjahr nach Italien schickte, schrieb sie angesichts aktueller Entwicklungen: „Mit der Liebe ist es gar nicht so einfach, stimmt’s, mein Schatz?“ Das Herzensleben ihrer „Schätzel“, ihrer „Liebchen“, ihrer „Püppendinger“, da hat sie immer richtig mitgelitten und -gejubelt.

So liebevoll und heiter sie war, so gut war sie aber auch im Verdrängen. Ihre leibliche Mutter starb an den Folgen der Geburt 1925. Und auch später spukten Gespenster durch ihr Leben, von denen ich als Kind allerdings nie etwas mitbekam. Mit Mitte 70 ließ sie sich noch mal auf eine Therapie ein, und ich glaube, dass sie dadurch ihren Frieden fand. „Ein Vorbild für alle alternden Großmütter“, so bezeichnete sie eine Freundin von mir einmal.

Am Ende galt sie im Pflegeheim als Dementeste von allen

Mit den Jahren wurde ihr Kopf unzuverlässig. In ihre Briefe schlichen sich Fehlerchen ein, hier ein „r“ zu wenig, da eins zu viel, die Schrift wurde zittriger, irgendwann ergaben ihre Sätze im Gespräch keinen Sinn mehr, sie fragte uns alle zwei Minuten das Gleiche.

Am Ende galt sie im Pflegeheim als Dementeste von allen, doch sie erkannte uns meistens noch. Zumindest schien ihr immer klar zu sein, dass uns eine liebevolle Beziehung verbindet. Welche genau, wusste sie nicht mehr, das tat auch wenig zur Sache. Manchmal sah sie in mir ihre Mutter, manchmal tatsächlich mich, manchmal ihre Freundin. Dann benahm sie sich wie ein verliebter Teenager, hielt meine Hand und kicherte: „Wenn mein Papa dich erst kennenlernt!“

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In diesen letzten Jahren fiel im Familienkreis oft der Begriff vom „Abschied zu Lebzeiten“. Ich empfand ihn irgendwie als unpassend. Mit meiner klugen, begeisterten Oma konnte man zwar keine komplexen und irgendwann überhaupt keine Gespräche mehr führen, nur noch erraten, was sie mitteilen wollte. Doch ich versuchte wie wir alle, mich auf die neue Oma einzulassen, und als meine erste Tochter – ihr sechstes Urenkelkind – zwei und sie selbst 92 war, konnten sich beide in gleichem Maße für Bilderbücher und die Tiere begeistern, die ich aufmalte.

"Fühl mich schon ganz heimisch": Henriette Münch kurz nach dem Umzug ins Betreute Wohnen. Foto: privat Vergrößern
"Fühl mich schon ganz heimisch": Henriette Münch kurz nach dem Umzug ins Betreute Wohnen. © privat

Als Kind hatte ich eine Heidenangst vor dem Tod und allem, was damit vermeintlich Gruseliges zusammenhängt. Erst durch den Abschied von meinem Opa vor einem halben Jahr ist meine Beziehung zum Tod entspannter geworden. Und durch Omas geradezu friedlich.

Als Ehrenamtliche hatte sie lange Zeit Sterbende im Hospiz begleitet. Sie sang ihnen vor, sagte ihnen Gedichte her und erlebte viele letzte Atemzüge mit – eine „bewegende Erfahrung“, wie sie mir schrieb. Bewegend ist gar kein Ausdruck für diesen Moment, das weiß ich nun auch.

Der letzte Nachmittag mit Oma

Der letzte Nachmittag mit Oma also. Wir stießen mit Sekt an, aßen Erdbeeren, streichelten sie, deren Atem immer schneller wurde. Morphium wäre da gewesen, aber sie machte nicht einen Moment den Eindruck, als kämpfe sie mit oder um irgendetwas. Ich fragte mich, wie das sein kann, wenn doch der Sauerstoff so offensichtlich nicht mehr ausreicht – ihre Beine wurden blau, ihre Stirn immer kühler. Doch vermutlich war sie schon ganz woanders, ab und zu seufzte sie.

So absurd das klingen mag angesichts dieser Situation, aber ich hatte Zeitdruck. Ich flüsterte ihr ins Ohr, Oma, ich muss die Kleine stillen, aber ich wär doch so gern dabei.

Bühnenerfahren wie sie war, tat sie in dem Moment, als ich mit dem Telefon in der Hand traurig und resigniert ein Taxi rufen wollte, plötzlich einen tiefen Atemzug. Und zu allem Überfluss brach die Abendsonne zwischen den Wolken hervor und schien ihr mitten ins Gesicht.

„Nicht erschrecken, es kann sein, dass sie nach einer Minute oder zwei noch mal atmet“, warnte uns mein Vater. Was sie tatsächlich tat, wir erschraken natürlich und mussten lachen. Was Oma sicher nicht gestört hat. Dass Trauer und Albernheit irgendwie zusammengehören, davon konnte sie ein Liedchen singen.

Nach dem wirklich letzten Atemzug verabschiedete sich auch die Sonne wieder, und wir waren allein. Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich dem Pflegeheim für dieses sensible Abwägen, diese Stunden bin.

Am Ende noch eine absurde Bürokratie-Story

Doch Berlin wäre nicht Berlin, wenn es ans Ende ihres Lebens nicht noch eine absurde Bürokratie-Story gesetzt hätte. 1925 wurde meine Urgroßmutter im Südosten der Stadt beigesetzt, da war Oma eine Woche alt. Wo genau sich das Grab befand, wussten wir lange nicht, das wusste nicht mal Oma selbst.

Henriette Münch mit ihren Eltern Ende der zwanziger Jahre. Ihr leibliche Mutter starb 1925 bei ihrer Geburt. Foto: privat Vergrößern
Henriette Münch mit ihren Eltern Ende der zwanziger Jahre. Ihr leibliche Mutter starb 1925 bei ihrer Geburt. © privat

Doch vor einigen Wochen machten meine Eltern mit etwas Glück und viel Rechercheaufwand in alten Kirchenbüchern die Grabstelle ausfindig. Kein Hinweis mehr auf die Urgroßmutter, das Grab ist mittlerweile zum dritten Mal neu belegt. Aber just die Stelle daneben war frei.

Alpha und Omega, dachten wir, hier soll Oma hin. Und auf den Grabstein alle beide, Mutter und Tochter.

Wir standen vor dem grünen Rechteck, planten schon die Bepflanzung – Immergrün, kein Efeu – und wussten uns, alle nah am Wasser gebaut, nicht zu lassen vor Rührung. Euphorisch hielten wir dem Steinmetz den Schriftentwurf unter die Nase. „Jeht nich.“ Der Steinmetz holte uns zurück in die Berliner Realität. „Dit darf ick nich weil die Mutta liegt da ja nich mit drinne sondern daneben!“ Das müssten wir mit „der Kirche“ klären.

Wir zurück zur Friedhofsverwaltung. „Wir müssen uns da juristisch absichern“, hieß es dort.

Wovor, ist uns zwar bis heute nicht klar, aber das Problem ist nun kreativ gelöst: Die beiden bekommen den vermutlich einzigen Grabstein auf der Welt mit einer eingravierten Fußnote. Oma hätte das sicher köstlich amüsiert.

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