Studentenführer Rudi Dutschke (M, mit erhobener Faust) sowie der Schriftsteller Erich Fried (li.) marschieren am 18. Februar 1968 in Berlin an der Spitze eines Demonstrationszuges gegen den Vietnamkrieg. Foto: Chris Hoffmann/dpa
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Berlin-Bücher Der lange Atem der Bewegung

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Die Studentenbewegung hatte Helden - und Tausende in der zweiten Reihe, die die Revolte durch die Jahre trugen. Ein Zeitdokument von Lothar Binger

Etliche Personen, die 1968 in der ersten Reihe der Studentenbewegung standen, haben 50 Jahre danach das mediale Interesse genutzt, um sich noch einmal im besten Licht darzustellen. Die bewegten Zeiten, die eine für die Entwicklung der Bundesrepublik wichtige Inbesitznahme der demokratischen Verfasstheit durch eine junge, unbelastete Generation markierte, waren aber nicht nur ins Werk gesetzt durch die Leitfiguren wie Rudi Dutschke, Christian Semler oder Fritz Teufel. Hinter der ersten Demo-Reihe liefen vielmehr Tausende, die in den Jahren nach 1968 an vielen Stellen die Gesellschaft ganz praktisch veränderten und mit ihrem Engagement erst eine Öffentlichkeit schufen für viele Themen, die heute selbstverständlich geworden sind - von einer demokratischen und gewaltfreien Kindererziehung über neue Frauenrollen, Beziehungsmodelle oder dem Protest gegen Atomkraftwerke und der Entdeckung der Ökologie als Schicksalsfrage der Menschheit.

Der Kulturhistoriker Lothar Binger präsentiert unter dem Titel „68 - selbstorganisiert und antiautoritär“ zum Abschluss des Gedenkjahres eine politische Biografie, die aus der Perspektive eines damaligen Aktivisten der zweiten Reihe sehr präzise diese Jahre der Veränderung von 1968 bis 1978 festhält. Der 1941 geborene Binger hat die Revolte von 1968 aus dem Blickwinkel eines jungen Familienvaters erlebt, der in Berlin mit Frau und Kleinkindern das Ringen um neue Beziehungsmodelle und freie Sexualität in den Wohngemeinschaften wie auch die schwierige Suche nach freiheitlichen Erziehungskriterien in der antiautoritären Kinderladenbewegung erlebt. Der eruptive Aufbruch, der eigentlich schon 1967 begann mit der Gründung der Kommune 1, dem Tod von Benno Ohnesorg bei den Protesten gegen den Schah vor der Deutschen Oper, den Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg und dem Attentat auf Rudi Dutschke, war ja nur das Vorspiel für die weitere Entwicklung und Ausdifferenzierung der (west)-deutschen Linken.

Schon 1968 beginnt der Zerfall der Studentenbewegung

Das Gefühl der Gemeinsamkeit, dass sich in den Vollversammlungen, Demos und Teach-Inns immer wieder neu auflud, währte ja nicht lange. Schon 1968 begann der Zerfall der Studentenbewegung in die Spaßfraktion der Mitglieder der Kommune 1, die wie Rainer Langhans das esoterische Selbstwohlsein zum Lebensmittelpunkt machten, den Apologeten einer kommunistischen Kader-Ideologie nach chinesischem Vorbild oder denen, die sich auf einen terroristischen Irrweg zur angeblichen Befreiung der geknechteten Arbeiterklasse mit Waffengewalt machten. Binger, der selbst Agitationstheater machte, ein früher Hausbesetzer war, sich im Umfeld der Agitprop-Band „Ton Steine Scherben“ bewegte und Mitgründer der „Gruppe Undogmatischer Marxismus“ war, präsentiert ein eindringliches Zeitdokument. Auch am „Info Bug“, einer Infozeitschrift der undogmatischen Gruppen in Berlin, die ein Vorläufer der linken Tageszeitung „Taz“ war, arbeitete er mit.

Der Mythos vom Mariannenplatz

In dem großen Bogen über ein bewegtes Jahrzehnt widersteht Binger jeder Versuchung, die damaligen Zeiten nachträglich mit einem Glorienschein linker Selbstgefälligkeit zu versehen, sondern bleibt nüchterner Dokumentarist. Denn dieses Jahrzehnt war eben bei allen ehrlichen Bemühungen der Aktivisten, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern, auch eine Zeit der Irrungen und Verirrungen oder der falschen Frontstellungen. So räumt Binger im Zusammenhang mit dem bis heute nach Georg von Rauch benannten Haus am Kreuzberger Mariannenplatz mit dem Mythos auf, dass der Jung-Terrorist von den „Bullen“ ermordet wurde. Dieser schoss vielmehr zuerst aus nächster Nähe auf die Polizisten, die seinen Ausweis sehen wollten.

Für die Generation, die diese West-Berliner Zeit selbst erlebt hat, ist Bingers Buch eine gedruckte Zeitreise zurück in eine Zeit, als vieles noch möglich schien - bevor sich Lebensentwürfe zwischen beruflicher Tätigkeit und Familiengründung verfestigten, ideologische Träumereien von der revolutionären Wende platzten oder der lange Marsch durch die Gesellschaft begann. Die verschiedensten Gruppen, die Stadtteilarbeit in Kreuzberg oder Charlottenburg machten, die revolutionären Lehrlingsprojekte und Agitprop-Theater - sie alle finden sich wieder. Von besonderem Wert sind die vielen Auszüge aus Flugblättern und Streitschriften, die heute faszinierend-befremdlich wirken. Binger schlägt den Bogen bis zum Tunix-Kongress im Januar 1978, genau zehn Jahre nach dem legendären Vietnam-Kongress in der Freien Universität. Das Treffen der 20 000 Teilnehmer markiert den Beginn einer ganz eigenständigen Entwicklung, weg vom elitären Stellvertretertum: Richtschnur des eigenen Handelns waren nicht mehr die Theorien der revolutionären Überväter von Marx bis Mao oder die selbst ernannte Rolle als Avantgarde zur Befreiung der Arbeiterklasse, sondern der Aufbruch in eine Alternativkultur, in der die eigenen Bedürfnisse zusammenkamen mit dem Protest gegen die atomare Aufrüstung, der Bedrohung des Weltklimas und der Atomkraft. Wer wissen möchte, aus welchen Quellen sich die Gründung der Grünen speiste oder auch die „Taz“, der findet bei Binger viel zum Schmökern und Nachdenken.

Lothar Binger: 68 - selbstorganisiert und antiautoritär. Die Jahre 1967 - 1978. Selbstverlag (ISBN 978-3-00-060647-2). Bestellungen: https://68selbstorganisiert.wordpress.com, 463 Seiten, 19,68 Euro.

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