"Man hat alle Möglichkeiten in Deutschland"

Artem Yourchenko Mitte September 2015 im Volkspark Wilmersdorf. Foto: Fabiana Zander Repetto
Asyl in Berlin Angekommen?

Einwanderer wie ihn wünschen sich deutsche Politiker: super Schüler, super Abi, Begabtenstipendium, Ingenieursstudium. Und doch dauerte es Jahre, bis klar war, dass Artem Yurchenko bleiben darf. Ein 14-Jähriger könne alleine in Russland leben, fand die Ausländerbehörde, als er 2002 nach Berlin kam – und wollte ihn abschieben.

„Das war eine schwierige Zeit mit dem ganzen Hin und Her“, sagt Artem Yurchenko heute. Als er 14 Jahre alt war, starb seine Mutter in Russland. Weil es keine Verwandten dort gab, die sich um ihn hätten kümmern können, nahm ihn seine Schwester in Berlin bei sich auf. Sie ist 13 Jahre älter, lebt seit 1997 in Berlin, arbeitet als Krankenschwester und hat mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft.

Er musste den Verlust der Mutter verarbeiten und sich in dem fremden neuen Land zurechtfinden. Trotz allem und obwohl er kein Wort Deutsch konnte, als er hierherkam, war er schon nach einem Jahr in der 9. Klasse Jahrgangsbester. „Du hast wohl einen Taschenrechner gefressen“, frotzelten die Mitschüler. Lehrer schwärmten von seiner „außergewöhnlichen Auffassungs- und Beobachtungsgabe“, zudem könne er als Klassensprecher andere gut motivieren.

Artem Yurchenko im Jahr 2005. Foto: Uwe Steinert Vergrößern
Artem Yurchenko im Jahr 2005. © Uwe Steinert

Mit 17 bekam er ein Begabtenstipendium der Hertie-Stiftung, seine Lehrer engagierten sich für ihn, der Tagesspiegel berichtete. Die ganze Zeit über war sein Aufenthaltsstatus unklar gewesen – nun ließ sich endlich auch die Ausländerbehörde überzeugen. Die Abschiebung wurde ausgesetzt, Yurchenko bekam eine Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr, dann für die Zeit bis zum Abi und dann noch eine Verlängerung. Heute ist er 28 Jahre alt und macht seinen Master in Elektrotechnik. In der Freizeit baut er Mini-Computer und löst die IT-Probleme von Freunden. Um einen gut bezahlten Arbeitsplatz muss er sich wohl keine Sorgen machen.

Die Verbindung nach Russland ist locker geworden

Er habe nichts geschenkt bekommen und immer hart gearbeitet, sagt Yurchenko. Das Geld für das Studium verdiente er sich nebenher. Dabei sei er immer fair behandelt worden. „Man hat in Deutschland alle Möglichkeiten“, davon ist er überzeugt. Man müsse sich aber ein festes Ziel setzen und es konsequent verfolgen. Ihm habe geholfen, dass er so jung war, als er hierherkam, und dass er sofort Deutsch lernen musste, um in der Schule mitzukommen und Freunde zu finden. Am meisten lernte er Deutsch vor dem Fernseher und indem er mit seiner Schwester Zeitung las.

Gelegentlich ist er zu Besuch in Russland. Doch die Verbindung ist locker geworden. „Seit ich 14 war, lebe ich mit Kopf und Seele in Deutschland“, sagt Yurchenko. Seit zwei Jahren ist er deutscher Staatsbürger. Also alles bestens?

Der unfreiwillige Wechsel von einem Land ins andere und die Unsicherheit, ob er in Deutschland bleiben darf, haben Spuren in seinem Leben hinterlassen. Artem Yurchenko ist sehr auf Sicherheit aus. Zu Prüfungen meldet er sich erst an, wenn er sicher ist, dass er sie besteht. Eine Familie möchte er, wenn überhaupt, erst dann gründen, wenn seine Existenz absolut gesichert ist.

Ingenieure wie er sind auch im Ausland gefragt. Doch Berlin dauerhaft zu verlassen, komme für ihn nicht infrage, sagt er. „Höchstens mal für ein Jahr.“ Das Nest, das er sich hier mühsam gebaut hat, seine Freunde, seine Schwester, Menschen, auf die er zählen kann, sind ihm extrem wichtig. Auch achtet er sehr darauf, was er von sich preisgibt. „Information ist Macht“, sagt Yurchenko – und hält sich auch bei Facebook, Twitter sehr zurück. Seine Mail-Adresse beginnt mit „anonymous“. Claudia Keller

Dieser Beitrag erschien zuerst in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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