"Ich akzeptiere nicht, geduldet zu sein"

Patras Bino Bwansi im Oktober 2015 in Berlin. Foto: Veronica Frenzel
Asyl in Berlin Angekommen?

Vor fünf Jahren kam er nach Deutschland, aus Uganda, wo er wegen seiner politischen Arbeit verfolgt wurde. Schnell setzte Patras Bino Bwansi sich für die Belange von Geflüchteten ein, 2013 war er einer der Organisatoren des Camps auf dem Oranienplatz. Eine Aufenthaltserlaubnis hat er bis heute nicht – was ihn nicht daran hindert, sich weiter zu engagieren.

Die meisten Menschen, die illegal in Deutschland leben, verstecken sich. Verlassen ihre Zimmer nur im Notfall, wollen bloß nicht auffallen. Nicht Patras Bino Bwansi, 36, aus Uganda, seit fünf Jahren in Deutschland. Er sucht die Aufmerksamkeit. Wie an diesem sonnigen Herbstsonntag. Auf einer Veranstaltung gegen Rassismus in Kreuzberg geht Bwansi auf die Bühne, in der Hand ein Mikrofon. Gleich wird er einen Workshop halten, Thema: „We are born free“.

Erst mal aber sagt er seinen vollen Namen, erklärt, dass er keine Aufenthaltserlaubnis besitze, dass der deutsche Staat ihm deshalb keine Bürgerrechte gewähre – und dass er trotzdem ein freier Mensch sei. „Niemand hat das Recht, uns unsere Freiheit abzusprechen“, verkündet er den etwa 50 Zuhörern, Schwarze, Blonde, Graue, dabei blickt er, der eigentlich viel lächelt, sehr ernst. Auf die Frage, ob er denn keine Angst habe vor der Polizei, vor der Zukunft, antwortet er: „Angst entmenschlicht.“

Patras Bino Bwansi 2015 bei einer Protestaktion von Flüchtlingen am Europäischen Haus in Berlin. Foto: Kai-Uwe Heinrich Vergrößern
Patras Bino Bwansi 2015 bei einer Protestaktion von Flüchtlingen am Europäischen Haus in Berlin. © Kai-Uwe Heinrich

Patras Bino Bwansi ist ein Kämpfer, immer schon. Ab 2012 hat er das Protestcamp am Oranienplatz mit aufgebaut – damals schrieb der Tagesspiegel zum ersten Mal über ihn – und er war einer der Letzten, der es verließ. In jener Zeit gründete er auch den Verein „African Refugee Union“, der die Deutschen an ihre koloniale Vergangenheit und deren Folgen erinnern will und Verantwortung gegenüber Afrika und den Afrikanern fordert. Seit mehr als zehn Jahren setzt er sich außerdem für die Rechte Homosexueller ein.

Er hat ein Manifest geschrieben für die Rechte von Menschen auf der Flucht

Als Bwansi in Uganda wegen seines Engagements Todesdrohungen erhielt, verließ er seine Heimat. Freunde in Deutschland organisierten seine Flucht. Bwansi landete in einem Flüchtlingsheim in Passau, wo er sich fühlte „wie im Gefängnis“. Bald lernte er Aktivisten der Organisation „The Voice“ kennen, die sich für die Rechte von Asylbewerbern einsetzt, und gründete die erste Passauer „The Voice“-Gruppe. Im August 2012, nach dem Selbstmord eines iranischen Asylbewerbers, organisierte Bwansi den Protestmarsch zum Berliner Oranienplatz, der am 12. Oktober 2012 ankam. In das Passauer Asylbewerberheim kehrte er nie zurück. Der Ausländerbehörde schrieb er, dass er von nun an am Oranienplatz in Berlin lebe. Die Residenzpflicht, die in Bayern noch gilt und die besagt, dass Asylbewerber den Landkreis, in dem ihre Unterkunft liegt, nicht verlassen dürfen, ignorierte er.

Im März 2013 erfuhr er, dass er einen Abschiebebescheid erhalten hatte. Freunde schickten ihm den achtseitigen Brief nach Berlin, in dem als Begründung stand, Bwansi gefährde die öffentliche Sicherheit und Ordnung in Deutschland, da er eine vorsätzliche Straftat begangen habe: Er habe in Passau ein Protestcamp organisiert, sei danach „in die Illegalität untergetaucht“. Über deutsche Freunde fand Bwansi einen Anwalt, der dem Bescheid widersprach. Daraufhin stellte die Ausländerbehörde ihm eine Duldung aus, eine vorübergehende Aussetzung der Abschiebung – die er zurückschickte, mit der Erklärung, er könne den Status eines Geduldeten nicht akzeptieren, da er seine Freiheit einschränke. Später organisierte Bwansi eine Demo unter dem Motto: „Keine Duldung der Duldung“.

Seit der Protest am Oranienplatz vorbei ist, lebt Bwansi in einer Wohngemeinschaft in Neukölln, bei Freunden, seit Kurzem gemeinsam mit seiner sechs Monate alten Tochter. Er verkauft selbst entworfene T-Shirts und Pullover, auf denen steht: „We are all born free“. Er gibt Workshops und hat ein Buch veröffentlicht, es heißt „Mein Name ist Bino Byansi Byakuleka“ und ist ein Manifest für die Rechte von Menschen auf der Flucht, für Menschlichkeit, für die Freiheit. Am kommenden Dienstag stellt er es im Kreuzberger Abgeordnetenbüro der Piratenpartei vor. Veronica Frenzel

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