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Bauern versuchen, die Böden vor Austrocknung zu bewahren. Auf diesem Feld reift die Wintergerste. Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa
© Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa

Anhaltende Dürre macht Landwirte kreativ Brandenburger Bauer pflanzt Kichererbsen an

Der Wald ist krank, die Ernte in Gefahr, Brandenburgs Böden fehlt das Wasser. Das trifft auch die Landwirte hart. Doch manchen macht die Trockenheit kreativ.

Brandenburgs Landwirte haben es nicht leicht. Ihren Tieren drohen immer wieder neue Seuchen wie Vogelgrippe und Afrikanische Schweinepest (der Tagesspiegel berichtete). Und ihren Feldern machen Trockenheit, Unwetter, späte Fröste und andere Klimafaktoren schwer zu schaffen.

Nicht einmal mehr auf die alten Bauernregeln kann man sich verlassen. „Ist der Mai kühl und nass, füllt’s den Bauern Scheun und Fass“ hieß es einst. Doch der Mai allein reicht eben nicht, sagt Tino Erstling, der Sprecher vom Landesbauernverband Brandenburg (LBV): „Mindestens im März und im April müssen auch genügend Niederschläge fallen, ansonsten spricht man wie jetzt im dritten Jahr in Folge von der für Brandenburg fast schon typischen Vorsommer-Trockenheit.“

Doch der fehlende Regen im zeitigen Frühjahr ist nicht die alleinige Ursache für die Trockenheit.

Weil seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1880 die Tagesmitteltemperatur in Brandenburg von 8,3 Grad Celsius auf 11,1 Grad Celsius im Jahr 2019 gestiegen ist, beginnt auch die Vegetationszeit früher, sagt Carsten Linke, Referent für Klimaschutz und Klimawandel beim Landesumweltamt Brandenburg: „Früher haben wir den Beginn des Vorfrühlings auf Ende Februar, Anfang März datiert. Heute ist es der 6. Februar.“ Der Regen, der eigentlich zur Auffüllung des Grundwassers gebraucht wird, geht dann ins Pflanzenwachstum, was wiederum eine höhere Verdunstung zur Folge hat.

Die Wald- und Ackerböden hingegen sind – übrigens auch wegen des fehlenden Schnees im Winter – schon im Frühjahr so trocken, dass ab Mai nichts mehr aufzuholen ist. Und das schon seit Jahren. „Der Januar 2014 war der letzte Monat ohne Dürreprobleme im Brandenburger Boden“, sagt Carsten Linke.

Es regnet nicht weniger – aber der Niederschlag verteilt sich anders

Dabei habe es im sogenannten langjährigen Mittel, dem ein Zeitraum von 30 Jahren zugrunde liegt, zwischen 1991 bis heute im Land eigentlich nicht weniger geregnet als zwischen 1961 bis 1990: „Das ist die gute Nachricht“, sagt Linke. Und setzt die schlechte gleich hinzu: Die Niederschläge würden sich anders verteilen als in früheren Zeiten, also gerade im Frühjahr, wo sie dringend gebraucht werden, weniger werden: „Da muss man sich beispielsweise nur den April anschauen, wo im Durchschnitt 40,8 Liter pro Quadratmeter fallen. Selbst im regenreichsten April der letzten Jahre im Jahr 2018 waren es nur 33,6 Liter pro Quadratmeter. Und in diesem Jahr fielen gar nur 11,1 Liter.“

Das ist viel zu wenig und schadet nicht nur den Feldern und Äckern, sondern auch dem Wald in Brandenburg immens. Denn der ist krank: Stürme, Schädlinge und Trockenheit machen ihm zu schaffen. Und dann die Feuer. Auch in diesem Jahr gab es bereits knapp 200 Waldbrände, sagt der Waldbrandschutzbeauftragte des Landes, Raimund Engel: „Im gesamten Jahr 2019 waren es 429 Brände, 2018 sogar 512. Und die schwierigsten, weil heißesten Tage und Wochen liegen ja noch vor uns – da kann es schnell wieder richtig schlimm werden.“

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Wenigstens haben die gewittrigen Niederschläge die Waldbrandgefahr ein wenig abmildern können, für die Landwirte brachten sie hingegen wenig Entspannung. Eine Folge der extremen Trockenheit im Frühling ist nämlich, dass der Regen, der dann später im Jahr fällt, von Brandenburgs berühmt-berüchtigten Sandböden nicht mehr aufgenommen werden kann. Es sei denn, er fällt nicht als kurzer heftiger Starkregen, sondern als beständiger gleichmäßiger Landregen über einen längeren Zeitraum hinweg.

Doch das ist nach Ansicht von Meteorologen derzeit nicht zu erwarten. Und so rechnen Brandenburgs Bauern auch in diesem Jahr mit einer eher unterdurchschnittlichen Ernte sowohl bei Raps als auch bei Getreide. Dazu hätten Spätfröste bis zu minus 10 Grad im April, permanente Winde und intensive Sonneneinstrahlung neben den fehlenden Niederschlägen zwischen März und Mai geführt, heißt es in einer Pressemitteilung des Landesbauernverbandes.

„Natürlich versuchen wir, uns auf die veränderten Bedingungen einzustellen“ sagt Sprecher Tino Erstling. Und weist den oft erhobenen Vorwurf zurück, die Landwirte würden immer über das Wetter klagen: „Pflanzenbau findet nun mal unter freiem Himmel statt und ist einfach direkt vom Klima abhängig.“

Zwischenfrüchte verhindern brache Felder

Das weiß auch Thomas Gäbert. Er hat sich bereits als Student und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Berliner Humboldt-Universität theoretisch mit dem Problem beschäftigt, wie man die schwachen Böden in den meisten Regionen Brandenburgs besser nutzen und zugleich schützen kann. Seit einigen Jahren setzt er seine Erkenntnisse als Leiter eines landwirtschaftlichen Betriebs mit 1000 Milchkühen und 4000 Hektar Land in Trebbin im Landkreis Teltow-Fläming in die Praxis um.

„Um die Böden vor Austrocknung und anderen Schäden zu bewahren, versuchen wir, sie ganzjährig mit einer Pflanzenschicht bedeckt zu halten", erzählt der 37-Jährige. So werde derzeit gerade die Wintergerste geerntet. Danach lägen die Felder bis zur Aussaat von Mais im Frühjahr nächsten Jahres eigentlich brach.

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Um das zu verhindern, würde man bereits in der nächsten Woche sogenannte Zwischenfrüchte wie Senf, Sonnenblumen, Rettich, Klee und Erbsen, oft sogar als Mischung, anbauen. Schon Mitte August habe man dann eine geschlossene Pflanzendecke, die nicht nur die Infiltration verbessere, sondern auch die Humusbildung unterstütze.

Gäbert experimentiert auch mit dem sogenannten Tiefenrettich, der mit seiner starken Wurzel den Boden auf natürliche Weise für die nachfolgenden Pflanzen wie etwa Mais lockert.

Sein spannendster Versuch aber fängt gerade an, Hülsen zu bilden. „Ich hatte darüber gelesen, dass Kichererbsen unbedingt nährstoffarme und trockene Böden brauchen“, erzählt er. „Das ist hier ja nun wirklich kein Problem, und so haben wir beschlossen, auf zehn Hektar Kichererbsen anzubauen.“ Fast hätte die Coronakrise das Experiment noch verhindert, aber irgendwie gelangte das Saatgut dann doch noch von Mittelitalien nach Trebbin. „Am 8. Mai haben wir es ausgesät, am 15. Mai kamen die ersten Blätter. Und wenn wir Glück haben, gibt es eine gute Ernte.“

Wann genau die sein wird, weiß Thomas Gäbert noch gar nicht genau. Kichererbsen werden bislang vor allem in der Türkei, in Indien und in Australien angebaut, in Deutschland gibt es noch wenig Erfahrungen damit. Eine große Mühle zur Verarbeitung habe er schon gefunden, allerdings sei die weit entfernt, in Köln: „Mein Traum wäre, direkt nach Berlin zu liefern, also dort einen Abnehmer zu finden, der aus den in Brandenburg angebauten Kichererbsen frischen Hummus für die Hauptstadt macht.“

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