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Altenheime schränken die Besuchserlaubnis bis auf das Nötigste ein. Foto: Holger Hollemann/dpa
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Alterswissenschaftlerin über Senioren und das Coronavirus „Manche Kontakte kann man nicht unterbinden“

Kai Gies

Über 80-Jährige sind die bei Covid-19 am meisten gefährdetste Gruppe, gleichzeitig fürchten sie die Isolation. Eine Alterswissenschaftlerin im Interview.

Vor allem ältere Menschen sind von den Auswirkungen des Coronavirus stark betroffen. Der Virologe Christian Drosten schätzt die Sterblichkeitsrate bei über 80-jährigen Coronavirus-Patienten gar auf 20 bis 25 Prozent. Manche Senioren treibt die Furcht vor Ansteckungen in die soziale Isolation.

Dabei kann Einsamkeit krank machen. Forscher der französischen Universität Versailles Saint-Quentin-en-Yvelines stellten in einer Studie fest, dass Alleinlebende 1,5- bis 2,5-mal häufiger psychisch erkranken als andere Menschen. Zu den Krankheiten zählen Depressionen und Angststörungen. Der statistische Zusammenhang zwischen dem Alleinleben und Erkrankungen bestand vor allem bei Menschen, die sich einsam fühlten.

Die Professorin Vjera Holthoff-Detto, Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Alexianer Krankenhaus Hedwigshöhe, erklärt, wie man mit den Ängsten von Senioren umgeht und ob eine Selbstisolation die richtige Maßnahme ist.

Frau Professorin Holthoff-Detto, gibt es derzeit viele ältere Patienten, die sich Sorgen wegen des Coronavirus machen?
Das ist in der Klinik definitiv ein Thema, sowohl für Besucher als auch für die Patienten selbst. Die Hygienevorschriften sind angepasst an die Situation, es gibt Aushänge, die auf einzelne Maßnahmen hinweisen. Natürlich haben ältere Menschen auch Fragen dazu. Aber wir beobachten da keinen allzu starken Anstieg.

Bei uns gibt es allerdings eine spezielle Krankenhaussituation, in der die Patienten ständig mit verschiedenen Krankheiten konfrontiert sind. Grundsätzlich fragen ältere Menschen schon aus eigenem Gesundheitsinteresse häufiger nach als jüngere.

Wie kann man ältere Menschen beruhigen, ohne die Risiken der Krankheit zu verharmlosen?
Ich denke, es ist sehr wichtig, dass wir nicht verharmlosen oder beschwichtigen. Zunächst müssen wir jedem Nicht-Infizierten klar sagen, was er tun kann, um möglichst nicht krank zu werden. Wenn jemand bereits infiziert ist und sich in ärztlicher Behandlung befindet, sollte man die Krankheitssymptome ganz offen kommentieren. Meine größere Sorge ist aber, dass Menschen aus Angst vor der Infektion gar nicht mehr vor die Tür gehen und sich nicht mehr ausreichend selbst versorgen. Stellen Sie sich vor, jemand ist 86 Jahre alt, geht normalerweise einmal am Tag einkaufen und tut das jetzt gar nicht mehr.

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Sie halten eine Selbstisolierung also für schädlich?
Eine Selbstisolierung, in der die Menschen noch versorgt sind, befürworte ich. Aber bei alleinstehenden älteren Menschen funktioniert das nicht so einfach. Man muss ihnen also erklären, wie sie sich beim Einkaufen verhalten müssen. Sie sollten immer zwei Meter Abstand von anderen halten und nicht gerade zu den Haupteinkaufszeiten losgehen.

Noch besser wäre es, sich Hilfe zu holen und einen Bekannten die Einkäufe für mehrere Tage erledigen zu lassen. Diese Dinge klingen vielleicht banal, sind aber ungeheuer wirksam.

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Wie sollten Alten- und Pflegeheime mit dem Thema umgehen, gerade was den Kontakt mit Angehörigen angeht? Sollte der Kontakt zugelassen werden oder ist das Infektionsrisiko zu groß?
Es gibt ja auch Hygieneempfehlungen in diesen Fällen. Das ist eine Frage, die wir uns als Krankenhaus genauso stellen. Wir müssen stets abwägen: Wie gesundheitsfördernd ist der persönliche Kontakt zu Angehörigen im Verhältnis zum Ansteckungsrisiko? Ich denke, jeder Angehörige, der Zeichen eines Infektes – Fieber, Schupfen oder Husten – hat, sollte im Moment von Besuchen absehen.

Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen: Wenn etwa jemand wirklich schwer erkrankt ist und der Besuch deswegen nicht verschoben werden kann. Man reduziert also die Besuche auf ein Minimum, ohne sie komplett zu unterlassen. Es gibt viele Lebenssituationen, gerade in Heimen oder im Krankenhaus, in denen man den Kontakt der Familie zum Erkrankten nicht unterbinden kann. Viele Besuche sind auch wichtig für die Genesung.

Können ältere Menschen mit dem Infektionsrisiko besser umgehen, weil sie schon viele schwierige Situationen erlebt haben?
Ich glaube, die Sorge um die eigene Gesundheit ist ähnlich groß wie bei Menschen im mittleren Lebensalter. Aber die Zuversicht der Älteren, das alles bewältigen zu können, ist groß. Das heißt nicht, dass sie keine Angst hätten, zu erkranken. Viele haben in ihrem Leben gelernt, wie wichtig es ist, ärztliche Anweisungen zu befolgen. Patienten im höheren Lebensalter sind nach unserer Erfahrung sehr umsichtig und zuverlässig. Wenn sie verstehen, worum es geht, und genaue Handlungsanweisungen haben, dann befolgen sie die auch, zum Vorteil für alle anderen.

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