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Akademische Unterstützung. Die FU Berlin veranstaltet die erste Vernetzungskonferenz für geflüchtete Forscher. Foto: Thilo Rückeis
© Thilo Rückeis

Akademiker im Exil Die Freie Universität unterstützt geflüchtete Forscher

Lisa Kim Nguyen

Ein Mentorenprogramm an der FU Berlin will geflüchteten Forschern den Einstieg erleichtern. Diese Woche fand die erste Vernetzungskonferenz statt.

Die Startbedingungen für geflüchtete Forscher sind nicht einfach: Oft fehlen ihnen die Sprachkenntnisse und das Netzwerk an Wissenschaftlern, um ihre Forschungsarbeit fortzuführen. Mit dem Mentorenprogramm „Academics in Solidarity“ will die Freie Universität Wissenschaftlern im Exil den Einstieg in den akademischen Betrieb erleichtern. Sie initiierte das deutschlandweite Projekt bereits im Juni. Am Donnerstag fand der Auftakt zur ersten Vernetzungskonferenz statt, die bis Freitag andauern wird.

Das Programm will geflüchtete Forscher mit etablierten Akademikern aus Deutschland, Libanon und Jordanien verbinden. Das gibt ihnen die Möglichkeit, ihre Forschungsarbeit zu präsentieren, die sie aufgrund von Krieg und Verfolgung unterbrechen mussten. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 600.000 Euro. Mehr als 80 geflüchtete Forscher nehmen bereits daran teil.

Heute kommen die meisten geflüchteten Wissenschaftler aus dem Nahen Osten. In ein Land, das seine eigene Geschichte mit Ausgrenzung und Flucht von Wissenschaftlern hat: Zwischen 1933 bis 1945 haben etwa 19 Prozent der Akademiker, überwiegend jüdischer Herkunft, in Deutschland ihre Lehrstellen verloren. Azade Seyhan ist Professorin für deutsche und komparative Literatur am Bryn Mawr College in Pennsylvania und an der American Academy in Berlin. In ihrer Eröffnungsrede zieht sie Parallelen zwischen geflüchteten Forschern während des Zweiten Weltkrieges und den Forschern von heute.

Historische Parallelen. Literaturwissenschaftlerin Azade Seyhan spricht über akademische Exilanten in der Türkei und den USA. Foto: Lisa Nguyen Vergrößern
Historische Parallelen. Literaturwissenschaftlerin Azade Seyhan spricht über akademische Exilanten in der Türkei und den USA. © Lisa Nguyen

Viele Exilanten gingen damals in die USA, darunter auch die Philosophin Hannah Arendt und Sozialpsychologe Erich Fromm, die später weltberühmt wurden. Doch der akademische Erfolg kam nur bedingt. Die deutschsprachigen Wissenschaftler mussten ihre Arbeiten auf Englisch verfassen, um überhaupt gelesen zu werden.

Neben der Sprachbarriere haben viele Wissenschaftler nicht auf Anhieb eine Professur gefunden. Viele von ihnen wurden später in traditionell afroamerikanische Universitäten im amerikanischen Süden versetzt.

Auch deutsche Exilanten in der Türkei hatten Schwierigkeiten

Neben den Vereinigten Staaten war auch die Türkei ein Zielland für viele Exilanten, unter anderem für Ernst Reuter, der 1948 Oberbürgermeister von Berlin wurde. Sie mussten sich dem türkischen Wissenschaftsbetrieb anpassen und ihre Arbeiten auf Englisch oder Türkisch verfassen.

Türkische Studenten, die zuvor in Deutschland studierten hatten, unterstützten die Forscher bei Übersetzungen. Zu ihnen gehörte auch Azade Seyhans Vater, der in den dreißiger Jahren als Gaststudent in Deutschland gelebt hatte.

Auch der Ökonom Alexander Rüstow, der den Begriff des Neoliberalismus prägte, ging ins Exil in die Türkei und war gezwungen, fachfremd zu unterrichten. Eine solche unfreiwillige "Interdisziplinarität" werde auch heutzutage von geflüchtete Forschern verlangt, sagt Seyhan.

Neben Vernetzungsmöglichkeiten will die Konferenz die Forscher auch in anderen Bereichen unterstützen: In Workshops wird zum Beispiel gezeigt, auf was Forscher achten müssen, wenn sie sich in Deutschland bewerben. Mit dieser Hilfe können Wissenschaftler ihre Forschung häufig weiterführen. Doch mittel- oder langfristige Perspektiven haben bislang nur die wenigsten.

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