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Sandeep Singh Jolly stammt aus Indien und lebt seit 1992 in Berlin. Er ist unter anderem aktiv im Kompetenzteam Mittelstand bei der IHK. Foto: Privat
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75 Visionen für Berlin – Folge 52 Gesundheitstechnologien sparen Zeit und Geld

Sandeep Singh Jolly

Für unsere Serie „75 Visionen für Berlin“ skizziert der Chef der Firma GT German Telematics ein modernes Medizinwesen. Ein Gastbeitrag.

Ich träume von einem Berlin als Hauptstadt für Innovationen, einer echten Smart City im Gesundheitswesen. Schon 2022 könnten wir die Patientenaufnahme per Smartphone anstatt der Plastikkarte erleben. Der Aufruf ins Wartezimmer könnte per App „just in time“ erfolgen. Niemand müsste sich lange im Wartezimmern aufhalten, jeder hätte seine Notfall- und Behandlungsdaten sicher und jederzeit abrufbereit bei sich. Fachleute sprechen von Notfalldatenmanagement (NFDM) und der elektronische Patientenakte (ePA).

[Der Autor studierte Informatik an der TU Berlin und ist seit 2007 Geschäftsführer der GT German Telematics GmbH. Das Unternehmen hat unter anderem ein Lesegerät für die neue Gesundheits- und Krankenversicherungskarte entwickelt. Lesen Sie alle bisher erschienen "Visionen für Berlin" hier.]

Man könnte seine Daten anonymisiert der Forschung bereitstellen („Daten helfen heilen“). Wir könnten Medikamente per Smartphone als e-Rezept in der Apotheke abholen, müssten nie wieder Angst vor Wechselwirkungen haben (elektronischer Medikationsplan, eMP), und würden keine Zeit oder Kosten mehr für Doppeluntersuchungen verschwenden und nie wieder eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung per Post an den Arbeitgeber schicken müssen (Elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, eAU).

75 Visionen Illustration: Katrin Schuber/Tsp Vergrößern
75 Visionen © Illustration: Katrin Schuber/Tsp

Der eArztbrief würde nicht nur Papier sparen sondern auch insgesamt helfen, die Beiträge für die Krankenversicherung zu senken. Und derartige Modelle können die Leistungserbringer und Pflegekräfte im Gesundheitswesen zeitlich entlasten. Ihnen bliebe dann mehr Zeit für die Arbeit am Patienten. Es wäre mit den vorhandenen Möglichkeiten bereits heute machbar.

Jede Berliner:in oder Besucher:in könnte im Bedarfsfall über sein oder ihr Smartphone einen Arzttermin vereinbaren und zeitnah behandelt. Bei Nutzung der aktuellen Technologie kann der Behandlungsprozess beschleunigt, die Versorgungsqualität verbessert und dabei noch die Behandlungskosten für Kostenträger optimiert werden. Durch Künstliche Intelligenz werden in Zukunft 20 Prozent der ärztlichen Leistungen bei Diagnose und Therapie ersetzt werden.

Im Bereich der Prävention werden etwa Geräte, die Vitalwerte messen und sie mit Hilfe von Software auswerten, dabei helfen, dass Patient:innen rechtzeitig ärztlich betreut werden, bevor die Krankheit so weit fortgeschritten ist, dass nur noch ein Klinikaufenthalt helfen kann.Durch die Einführung vorhandener Technologien und Optimierung der Behandlungsabläufe können die Effizienz gesteigert und die Leistungserbringer zeitlich entlastet werden.

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Mit Bereitstellung der gesetzlich vorgeschriebenen und geförderten Telematikinfrastruktur hat die Industrie ihren Beitrag geleistet, damit digitale Funktionen wie die elektronische Patientenakte, elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, den elektronischen Medikationsplan, das eRezept und das Notfalldatenmanagement über Kommunikation im Medizinwesen als Telematikinfrastruktur as a Service (TIaaS) möglich sind.

Damit diese technischen Features auch in der Praxis ankommen, gilt es nun seitens der Politik einen Rahmen für die bessere Harmonisierung und Standardisierung der Datensätze und der verwendeten IT-Systeme im Gesundheitssektor herzustellen.

Damit diese Vision Wirklichkeit werden kann, muss die Berliner Politik sich bei den Vergabeverfahren der Landeskliniken nicht nur an dem „billigsten“ Anbieter orientieren, sondern gezielt den Innovationstreibern aus der Gesundheitsbranche eine faire Chance geben. Dann würden diese Innovationen nicht nur die Patient:innen und die innovativen Unternehmen begeistern, sondern auch den fleißigen Pflegekräften beziehungsweise anderen Leistungserbringern in der Gesundheitswirtschaft und vor allem auch den Kostenträgern bei der Kostensenkung helfen.

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Um in Berlin das Potenzial einer umfassend digitalisierten Gesundheitsversorgung vollständig zu heben, muss dafür aber die Finanzierung der benötigten Strukturen und des ohnehin knappen Personals verstetigt werden. Nur so können alle Beteiligte an einem Strang ziehen, dieser Vision im kommenden Jahr 2022 ein Stück näher zu rücken, damit Berlin eine noch lebenswerte, ökonomisch erfolgreiche und vor allem gesündere Stadt wird.

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