Und Action. Jährlich zählt die Verkehrsverwaltung über 2000 Dreharbeiten in Berlin. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
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500 Schachspieler gesucht Ungewöhnliches Casting für große Filmproduktion

Anima Müller

Bei einem Massencasting in Moabit sucht eine Agentur 5000 Komparsen für zwei internationale Großproduktionen.

Heute will Joshua Böhm sich entdecken lassen. Zwei Stunden lang steht der junge Mann mit buntem Hut am Sonnabend vor der Tür der Agentur „Filmgesichter“ in Moabit, um seinen Anmeldebogen abzugeben. Dann geht alles ganz schnell: Jemand knipst ein Porträt und nimmt seinen Bogen. In drei Wochen weiß er, ob er mit dabei ist. Extra aus Neuruppin ist er heute zum Casting angereist, er war als erster da. Mittlerweile zieht sich eine mehrere hundert Meter lange Schlange die Thomasiusstraße entlang: Rentner mit Hunden, Teenager, die Einverständniszettel ihrer Eltern wedeln. Eltern, die ihre Kinder kämmen.

Sie alle wollen Komparsen in mindestens einer von zwei Großproduktionen sein – einer Serie für Netflix und einem amerikanischen Kinofilm. Bis zum 21. August sucht die Agentur 5000 Menschen. Davon sollen 2500 „russischstämmige oder osteuropäische“ Männer sein, 500 Frauen und Männer mit „süd-, mittelamerikanischen und südeuropäischen Wurzeln“, 800 von ihnen Erwachsene und Kinder mit „arabischem/türkischem/nordafrikanischen/persischem Erscheinungsbild“. Dazu 500 Männer und Frauen mit „afrikanischer/afroamerikanischer/asiatischer Herkunft“ und hunderte „mittel-/nordeuropäische“ Männer mit Bundeswehr- beziehungsweise militärischer Erfahrung.

Besonders gewünscht sind bei den aktuellen Produktionen auch Menschen mit „Business-Look“. Von denen gebe es immer zu wenig, sagt Agentur-Inhaberin Johanna Ragwitz. „Film ist immer auch Klischee“, sagt sie. Ausgewählt werden die Komparsen nach Bildern. Deswegen müssen sie während der Castings auch nicht singen oder tanzen. Auf dem Anmeldezettel können sie noch verschiedenste andere Angaben machen: Neben Namen, Wohnort und Geburtsjahr zum Beispiel auch, ob sie einen Smoking oder eine Spiegelreflexkamera besitzen. Die Kameras werden manchmal benötigt, um Fotografenmeuten und Blitzlichtgewitter darzustellen.

Ein solches Massencasting komme schon mal vor, sei aber für deutsche Filme eher unüblich, sagt Ragwitz. Vor allem caste die Agentur, wenn von einer Gruppe gewünschten Aussehens zu wenige Menschen in der Kartei seien. Deutsche Produktionen drehen üblicherweise mit ein paar hundert Komparsen - wobei es auch Ausnahmen gebe wie „Babylon Berlin“. Für die Serie seien mehrere tausend zum Einsatz gekommen.

Überall in Berlin wird gedreht

Die beiden neuen Produktionen werden in Berlin und Brandenburg gedreht. So wie viele andere Serien und Filme: Laut Umwelt- und Verkehrsverwaltung meldeten Filmteams im vergangenen Jahr 2144 mal Dreharbeiten an, für die Straßen gesperrt oder Schilder angebracht werden mussten. 2017 waren es sogar 2642 Dreharbeiten im öffentlichen Raum. Dabei müsse es sich laut Verwaltung allerdings nicht jedes Mal um verschiedene Produktionen handeln, manche Teams drehen mehrfach draußen.

Und das an verschiedensten Orten in der Region. Die neue Amazon-Serie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ von Philipp Kadelbach soll auch in West-Berlin gedreht werden.Filme wie „Inglourious Basterds“ oder „Der Pianist“ entstanden unter anderem in der Außenkulisse „Berliner Straße“ im Filmpark Babelsberg. Und der Kreuzberger Chamissokiez ist eine beliebte Szenerie für Historienfilme.

Auch die beiden Produktionen, für die „Filmgesichter“ gerade castet, sollen in Berlin und Brandenburg gedreht werden. Worum es geht, wer sie produziert und wie die Titel lauten, will die Agentur aber noch nicht verraten. Auch in der Schlange weiß das keiner so genau. Die Fortsetzung von „4 Blocks“, rät ein junger Mann. Hinweise könnte der Castingaufruf geben: Gesucht werden auch 500 männliche Schachspieler zwischen 18 und 50 Jahren. Spielorte sollen unter anderem die ehemalige Sowjetunion, die USA, Mittelamerika, der Nahe Osten und das heutige Russland sein.

Bei der Netflixproduktion könnte es sich um die geplante Mini-Serie „The Queen’s Gambit“ handeln, die auf einem Roman von Walter Tevis von 1983 beruht. Darin geht es um eine amerikanische Waise, die während des Kalten Krieges ihr Schachtalent entdeckt und sich mit russischen Spielern misst.

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