Die Namen von 147 Städten stehen auf der Weltzeituhr Foto: Günter Schneider/picture-alliance
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50 Jahre Alex Die Weltzeituhr kennt jeder, niemand ihren Erfinder

Niemand hatte die Absicht, diese irrwitzige Uhr auf dem Alex zu errichten. Und um ein Haar hätte der Designer Erich John sie nie entworfen.

War die Staats- und Parteiführung der DDR der Ansicht, ihr kürzlich eingemauertes Volk hätte ein Recht darauf zu wissen, wie spät es in New York ist, wenn es in Berlin gerade 14.23 Uhr ist? Oder warum sonst ließ sie 1969 auf dem Alexanderplatz eine Weltzeituhr errichten?

Es würde diese Zeitangaben nie mehr selber überprüfen können, es würde die meisten Städte der Erde nie mit eigenen Augen sehen und trotzdem immer wissen, ob die Leute dort gerade frühstücken oder schon Abendbrot essen. Und wer das weiß, braucht gar nicht mehr selber hinzufahren. In New York ist es um 14.23 Uhr erst 8.23 Uhr. Frühstück!

In geschlossenen Gesellschaften wie der DDR Weltzeituhren aufzustellen, könnte andererseits auf einen Hang zu seelischer Grausamkeit deuten. Beide Diagnosen sind wahrscheinlich falsch, glaubt Carsten Kollmeier. Kollmeier ist der zur Zeit wohl größte lebende Propagandist der Weltzeituhr, Geschäftsführer der unlängst gegründeten Weltzeituhr Vertriebs UG. „Haftungsbeschränkt“ vermerkt dahinter vorsichtshalber seine Visitenkarte. Man könnte es auch Startup nennen.

Der Alexanderplatz, so wie ihn die DDR schuf, wird in diesem Jahr 50, die Weltzeituhr wird 50, der Fernsehturm wird 50, Kollmeier wird 48. Hauptberuflich leitet er das Dali-Museum am Leipziger Platz. In dessen Foyer steht etwas schräg ein weißer Flügel, der hat auf der rechten Seite einen Wasserhahn, der pflichtbewusst und ziemlich laut die Aufgabe eines jeden Wasserhahns erfüllt, so dass das leicht gekippte Instrument mit allen vier Beinen in einer großen Pfütze steht. Wenn Kollmeier das Wasserklavier sieht, weiß er, dass er lebt.

Der Gleichgewichtssinn justiert sich neu, alle Sinne beginnen sich zu prüfen. Wie wach eine nur minimale Verschiebung der Koordinaten der Wirklichkeit machen kann! Ein Flügel unter Wasser, eine Weltzeituhr hinter Mauer und Stacheldraht – das ist Dada, das ist Surrealismus. Schon in der DDR sagten manche in genauer Erkenntnis der Lage statt DeDeR vorzugsweise DaDaR.

Erich John ist der Erfinder der Weltzeituhr Foto: Weltzeituhr-berlin.de Vergrößern
Sonne aus Bast, Erde aus Gummi: Erich John, 87, erklärt seine Schöpfung © Weltzeituhr-berlin.de

In der zehnten Etage befindet sich das Büro des Dali-Museums, mit freiem Blick über Berlin, aber auf dem großen Glastisch steht kein Dali, sondern die Weltzeituhr und der Fernsehturm in Ganzmetall, ungefähr dreifaches Taschenformat. Beide sind Wahrzeichen Berlins. Ist es da nicht höchste Zeit, sie angemessen zu ehren?

Das Herz der Zeit schlägt in Berlin

Kollmeier, Anzugträger wie sein Meister, gleichsam ein Bürger mit Falltür – statt an die Realität glaubt er gleich an mehrere –, gibt dem Planetensystem über der Uhr einen leichten Stoß und sieht mit Genuss, wie die Weltzeit darunter beginnt, zu hysterischen Angaben zu neigen. Ein gutes Gefühl. Der wahre Souverän der Welt ist der Souverän ihrer Zeit. „The heart of time beats in Berlin“, sagt Kollmeier langsam, die Wirkung seiner Worte prüfend. Das Herz der Zeit schlägt in Berlin. Wer ein privates Kunstmuseum führt, der sollte schon Talent für prägnante Zusammenfassungen haben. Berlin ist seine Stadt. Eine Weltstadt eben, aber die einzige Weltstadt mit Weltzeituhr.

Kollmeier lässt keinen Zweifel daran, dass er in anderen als Weltstädten gar keine Luft bekommt. „Die Weltzeituhr ist ein Unikat!“, ruft Kollmeier. Sie kommt aus der DDR, aber sie steht für Toleranz und Weltoffenheit. Ist das nicht großartig, um nicht zu sagen, surreal?

Er hat so viel vor zu ihrem 50. Geburtstag im September. Am liebsten würde er allen 147 Städten, deren Namen auf der Weltzeituhr stehen, eine Miniatur-Uhr schicken. Wir gehören zusammen! Aber was heißt Miniatur-Uhr? Die wiegt fast sieben Kilo, massiver Edelstahl, Berliner Fabrikat. Das muss sein, findet Kollmeier, schon wegen der Authentizität. Denn wenn der Direktor des Dali-Museum etwas nicht erträgt, dann sind das die typischen Produkte der Andenkenindustrie. Darum gibt es Kollmeiers Weltzeituhren auch nur bei Dussmann oder Galeria Kaufhof etwa. Bloß kein Ramsch! Er hat bislang allen abgesagt, die seine Uhr zum Souvenir machen wollten.

Wir treffen uns an der Weltzeituhr!

Im Grunde gibt es nur einen Ort, sich mit dem Erfinder der Weltzeituhr zu treffen: an der Weltzeituhr. Wir treffen uns an der Weltzeituhr!, sagen Berliner und Nicht-Berliner seit Jahrzehnten zueinander, auch solche, gerade solche, die noch nie da waren. In welcher großen Stadt kann man sich an einer Uhr verabreden, und jeder weiß, wo die ist? Niemand in Berlin sah im letzten halben Jahrhundert vermutlich mehr Umarmungen als die Weltzeituhr. Auch Bücher tragen sie im Namen, Romane heißen schon lange nicht mehr „Berlin Alexanderplatz“, sondern „Treffpunkt Weltzeituhr“ oder einfach „Die Weltzeituhr“.

Das Areal rund um den Alexanderplatz, so wie die DDR es schuf, entstand vor 50 Jahren. Foto: akg-images / ddrbildarchiv.de Vergrößern
Aufbau. Das Areal rund um den Alexanderplatz, so wie die DDR es schuf, entstand vor 50 Jahren. © akg-images / ddrbildarchiv.de

Die Uhr ist nie allein. Bei Regen suchen Passanten unter ihr Schutz wie unter dem Blätterdach einer Baumkrone. Straßenmusiker lehnen ihre Instrumente an ihren Fuß. Vor allem aber stehen Menschen in ihrem Schatten, oft allein, seltsam anwesend und abwesend zugleich wie jetzt der dicke Mann. Er hat alle Zeit der Welt und zugleich gar keine, denn er wartet. Er ist da und doch nicht da, das Warten ist eine ungemein surreale Tätigkeit.

1968 war das unglaublichste Jahr in Johns Leben

Erich John hat seine Uhr über die Jahrzehnte immer wieder besucht, aber jetzt lehnt er ab. Er gehe auf die 90 zu, da warte er nicht mehr draußen unter irgendwelchen Uhren. Obwohl der Satz „Wir treffen uns an der Weltzeituhr!“ ihn noch immer sehr, sehr glücklich mache. Dagegen sei es beinahe egal, ob die Leute erfahren, wie spät es in Kuala Lumpur ist. Wenn es in Berlin Mitternacht schlägt, ist der nächste Tag in Kuala Lumpur schon sechs Stunden alt.

1968 war das unglaublichste Jahr in Erich Johns Leben. Er war unlängst Dozent an der Kunsthochschule Weißensee geworden und hatte ein halb verfallenes Haus am Stadtrand gekauft, das eigentlich seine ganze Aufmerksamkeit beanspruchte. „Hier ist alles selbstgemacht“, erklärt John schon in der Tür.

Er sieht aus wie ein Seemann bei Flaute, obwohl er aus Böhmen kommt. Aber plattdeutsch spricht er. Wenn es einen Plattdeutsch-Wettbewerb für Böhmen gäbe, Erich John, das Mecklenburger Vertriebenenkind aus dem Elbtal, würde ihn gewinnen. „Har ick bloß nicht klungelt, säd Kaspar“, dachte er im Herbst 1968 im Angesicht der Abgesandten der Partei- und Staatsführung, als die im höchsten Maße interessiert seinen Entwurf einer Weltzeituhr besahen und fragten, ob er dieses eigenartige Instrument auch bauen könne. Hätte ich bloß nicht geklingelt… Die korrekte Antwort hätte lauten müssen: Woanders vielleicht, in der DDR nicht.

Aber von vorn.

Niemand hatte die Absicht, eine Weltzeituhr zu bauen

Die Aussage Walter Ulbrichts, niemand habe die Absicht, eine Mauer zu errichten, war nicht ganz zutreffend. Richtig dagegen ist: Niemand hatte die Absicht, eine Weltzeituhr zu bauen. Es war nur so, dass der einst verkehrsreichste Platz Berlins nicht immer eine Kriegsbrache bleiben konnte, weshalb die DDR beschloss, sich selbst mit einem rundum neuen Alexanderplatz zum 20. Geburtstag zu gratulieren. Hier würde künftig der Mensch der Zukunft flanieren. Und da entdeckten Arbeiter beim Umgraben des Platzes 1964 die Reste einer Säule, einer Urania-Säule.

Im Kaiserreich hatte die Urania-Gesellschaft überall in Berlin solche Säulen aufstellen lassen, zur wissenschaftlich-technischen Unterrichtung der Bevölkerung. Thermometer zeigten an, ob man richtig angezogen war oder besser hätte zu Hause bleiben sollen, ein Blick aufs Barometer verriet Passanten, ob sich gerade ein Tief der Hauptstadt näherte. Es handelte sich demnach um einen 4,50 Meter hohen Wetterbericht aus Gusseisen, aufgestellt 1892, und ganz oben waren Uhren.

Wäre es nicht schön, wenn diese Urania-Säule einen Nachfolger bekommen könnte? Es war doch sonst kaum noch etwas da vom alten Alexanderplatz. Aber was heißt alt? Schon die Weimarer Republik wollte hier die radikale Moderne. Doch nur die beiden Behrens-Bauten direkt am S-Bahnhof wurden fertig, 1932. Und nur sie hatten mit ihrem Stahlskelett die Bombennächte überstanden. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben. Für eine Säule zur Propagierung der wissenschaftlich-technischen Errungenschaften des Sozialismus. Vielleicht mit Uhr, andererseits trug inzwischen jeder eine am Arm, also wenn, dann eine Überuhr.

Skizze der Weltzeituhr Skizze: Erich John Vergrößern
Entwurf. Es war der 24. Juni 1968, als Erich John die Skizze der Weltzeituhr in seinen Kalender zeichnete. © Skizze: Erich John

Eine Säule zur Propagierung der wissenschaftlich-technischen Errungenschaften des Sozialismus? Erich John fühlte sich nicht angesprochen. Er hatte zuletzt den Zündschlüssel des Wartburg entworfen, dann das Lenkrad und einen Staubsauger. Davor einen Cocktailshaker mit integrierter Zitronenpresse, der wurde ein Hit auf der Leipziger Messe und danach in Australien. Die Australier liebten seinen Cocktailshaker.

Sein größter Erfolg, der reine Zufall

John sitzt im selbstgebauten Wintergarten seines Hauses, über ihm verzweigt sich ein alter Weinstock, der hat schon die ersten neuen Triebe. „Und was für Reben der trägt, unglaubliche Reben!“, sagt seine Frau. Die Wurzeln des Weinstocks sind draußen, aber dann kommt er durchs Glasdach und im Herbst fallen dem Ehepaar die reifen Trauben in den Mund. Ist das das richtige Bild für sein Leben? „Absolut nicht“, sagt John. Und seinen größten Erfolg, die Weltzeituhr, hätte er um ein Haar gar nicht entworfen.

Der 37-Jährige fühlte sich noch nicht einmal gemeint, als Walter Womacka ihm im Treppenhaus der Kunsthochschule Weißensee zurief: „Ihr Formgestalter könnt auch mitmachen!“ Womacka musste das wissen, denn er war der Rektor und zuständig für die Bekunstung des neuen Alexanderplatzes. Er hatte das Haus des Lehrers bereits mit einer Bauchbinde versehen, darauf waren lauter Menschen, deren Augen waren blau vor Zukunft und Wissbegier. Zuletzt entwarf er den Brunnen der Völkerfreundschaft für den Alexanderplatz.

Schuld war die Zeit der Sitzungen.

Aber dann beobachtete sich der Schöpfer des Wartburglenkrads, des Cocktailshakers und des neuen Staubsaugers „Omega“ sich dabei, wie er eine Weltzeituhr in seinen Taschenkalender zeichnete, in immer neuen Ansichten.

Schuld war die Zeit der Sitzungen.

Die Zeit der Sitzungen ist einzigartig, sie war es auch an der Kunsthochschule. Mit gewöhnlichen Uhren nicht messbar, dehnt sie sich erst unmerklich, dann immer weiter aus, und macht fast jeden zum Maler, zumindest zum Zeichner. Es war der 24. Juni 1968, Erich John hörte nicht mehr zu. Er dachte über die Zeit nach. Nebenan in der Tschechoslowakei war Prager-Frühlings-Zeit, in West-Berlin war die Zeit der Studenten und des Rock'n Roll. Und hier? War Mauer-Zeit. Aber gibt es die denn, eine Mauer-Zeit? Vielleicht war er für die Zeit des Rock'n Roll schon ein wenig alt mit 37, doch die Prager Frühlingszeit hätte er gern gehabt.

Dank der Mauer hatte das Land, in dem ein böhmischer Bauernjunge Formgestalter wurde, überlebt, die Mauer war ein verzweifelter Akt der Selbstverteidigung gewesen, das wusste John, aber manchen gefiel sie doch entschieden zu gut. Als sei sie ein gelungenes Bauwerk für die Ewigkeit. Und John zeichnete. Er zeichnete die Mauer-Zeit, die Zeit-Mauer weg. Die Zeit kennt keine Grenzen, sie macht, was wir alle tun sollten: Grenzen überschreiten! Es gibt nur eine Zeit: die Zeit der Welt. Aber woher kommt die Zeit der Welt?, überlegte John und antwortete: Sie kommt aus dem Weltall! Also muss das Sonnensystem auf die Uhr.

Der Erich ist verrückt geworden!

Die Leute aus seinem Dorf hätten gesagt: Der Erich ist verrückt geworden! Was Zeit ist, wussten sie genau. Wenn der Hahn kräht, ist es Zeit aufzustehen, wenn die Sonne am höchsten steht, ist es Mittag, und den Rest weiß die Kirchturmuhr. Für die Leute aus seinem böhmischen Dorf waren die Dinge, mit denen er sich befasste, böhmische Dörfer. Manchmal verstand er selbst nicht, welche Laufbahn er da genommen hatte. Ein Bauernjunge als Designer, als Formgestalter.

Die Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz Foto: picture alliance / akg-images Vergrößern
Der Nerv der Zeit. Oft verstehen die Kinder die Uhr besser als die Erwachsenen. © picture alliance / akg-images

Im Westen, ahnte er, wäre das undenkbar gewesen. Im Westen sollte alles wieder so sein, wie es immer war: Frauen gehörten an den Kochtopf und Bauernjungen auf die Felder. Da waren Lebensläufe wie der seine nicht vorgesehen.

Der erste Entwurf sah fast aus wie das Original

„Den Kalender hab ich noch, der ist im Keller!“, sagt John und steht auf, ihn zu holen. Es ist still im Haus, als plötzlich ein unmissverständliches Kuckuck! Kuckuck! ertönt. Sollte John, der Erfinder der Weltzeituhr, sich wirklich von einem Kuckuck sagen lassen, was die Stunde geschlagen hat? Doch vielleicht würde ihn diese Frage verstimmen? John kommt mit dem Taschenkalender von 1968.

Zuerst überzeichnete er den 24. Juni, und dann die ganze folgende Woche. Und all diese Entwürfe sahen fast schon aus wie die Uhr, die jeder kennt. Mit Planetensystem obendrüber. John hat jetzt eine Bastdekokugel in der Hand – das ist die Sonne – und einen kleinen blauen Gummiball – das ist die Erde – , beide an Holzspießen, um die verschiedenen Neigungen ihrer Achsen zu demonstrieren. Auf die Achsenneigungen, sagt John, kommt alles an.

Kurz darauf die Ausstellung. Zwei Dutzend Entwürfe waren zu sehen, meist Säulen, aber auch ein Regenschirm als Weltzeituhr, jede Sparre eine Zeitzone. Doch nur vor Johns Entwurf blieb die Kommission lange stehen, der Ost-Berliner Chefarchitekt Joachim Näther, Womacka und führende Genossen. Was sahen sie?

"T-i-i-i-m-e is on my side" - das glaubte die DDR

Eine Gesellschaft zu begreifen, heißt nicht zuletzt ihre Zeitvorstellungen zu verstehen. Die Stones sangen unlängst: „T-i-i-i-m-e is on my side.“

Genau das glaubte auch die DDR, noch: Die Zeit ist auf unserer Seite. Die Zukunft gehört uns! Zu Beginn des Jahrzehnts hatte sich fast ganz Afrika vom Kolonialismus befreit, und über die Studentenbewegung im Westen konnte man vieles sagen. Für den Geschmack der DDR-Führung mussten diese jungen Leute dringend zum Friseur und was sie hörten, verdiente nie und nimmer den Namen Musik.

Aber eine Sache hatten sie ganz richtig erkannt: Der Kapitalismus ist am Ende. Und dann der Weltraum: Der erste Mensch im Weltraum war ein Bürger der Sowjetunion! Am 12. April 1961 umkreiste Juri Gagarin im Raumschiff Wostok 1 die Erde. Die Kommunisten sahen voller Stolz in den Weltraum. Wer hätte je für möglich gehalten, dass das Zarenreich als erstes Land in den Kosmos aufbricht? Dagegen wohnten die Amerikaner noch immer hinterm Mond, obendrauf standen sie erst ein Jahr später.

Moskau ließ Ulbricht gewähren

Ja, die DDR glaubte an sich. T-i-i-i-m-e is on my side. Nachdem die Grenze geschlossen war, konnte sie statt ans bloße Überleben endlich an die Zukunft denken. Und Walter Ulbricht beschloss, die DDR zu einem Hochtechnologieland zu machen, einem flexiblen Hochtechnologieland. „Neues ökonomisches System der Planung und Leitung“ hieß das Schlüsselwort. Moskau betrachtete den Ehrgeiz seines Satellitenstaates nicht mit übermäßiger Sympathie, aber Chruschtschow ließ Ulbricht gewähren. Sie hatten beide mit der Roten Armee vor Stalingrad gelegen, das verbindet.

Erich John im Inneren der Weltzeituhr Foto: akg-images / Günter Schneider Vergrößern
Verborgen. Das Innere der Uhr bleibt wenigen Auserwählten, wie Erfinder Erich John, vorbehalten. © akg-images / Günter Schneider

Kein Zweifel, als die Auswahlkommission gebannt vor Johns Weltzeituhr stand, sah sie in die eigene Zukunft. Mag sein, manch einer erblickte zwischen den kreisenden Planeten auch Juri Gagarins Raumschiff. John wurde beauftragt, ein Modell zu fertigen, und dann stellte ihm der Minister für Bauwesen jene fatale Frage: Können Sie diese Uhr denn auch bauen? „Ich erbat mir 14 Tage Bedenkzeit“, erinnert sich John.

Die Weltzeituhr ist eine Linde

Er ist kein Umkehrer, war er noch nie. In seinem böhmischen Dorf Kartitz im Elbtal, nur 20 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, entstand 1945 die Narodny Vybor, die tschechische Nationalverwaltung. Sie sammelte alles ein, was irgendeinen Wert hatte, Radios, Uhren, Fahrräder. Eines Tages kam Erich Johns Vater nach Hause, unfähig ein Wort zu sagen. Denn erst was man ausspricht, ist in der Welt. Aber irgendwann brach es doch aus ihm heraus: „Alles ist weg, wir sind enteignet, der Hof hat einen neuen, einen tschechischen Besitzer.“

An diesem Tag kam sein Vater nicht zum Abendbrot, und plötzlich durchfuhr seinen Sohn ein furchtbarer Gedanke. Er rannte in den Wald hinterm Haus und sah plötzlich seinen Vater, sah auch das Seil. Er warf sich auf seinen Vater, es war ein ungleicher Kampf, aber er blieb am Ende Sieger.

Kurz darauf verließ die Familie das Haus, den Hof, den Garten, die Obstwiesen. Vor dem Haus lag angekettet sein Hund, sah ihn unverwandt an und verstand alles. Der Junge durfte keinen Hund mitbringen in das tschechische Arbeitslager. Zum letzten Mal sah er in der Mitte des Dorfplatzes die alte Linde, an der sich die Dorfbewohner trafen und durch deren hohlen Stamm er bis in die Krone geklettert war. Die Weltzeituhr, aber das wusste nur er, würde eine Nachfahrin dieser Linde sein. Kartitz, sein böhmisches Dorf auf dem Alexanderplatz.

Er wollte diese Uhr bauen, egal wie

Die Menschen würden sich an seiner Uhr treffen, sie würde Schatten spenden und vor dem Regen schützen wie der alte Baum. Die Dinge gehen vielleicht doch nie ganz verloren, sie wandeln nur ihre Gestalt. Und Erich John wusste: Er wollte diese Uhr bauen, egal wie.

Er fuhr nach Rathenow. Hier stand die Wiege der optischen Industrie Deutschlands. In Rathenow hatte der Pfarrer Johann Heinrich August von Duncker einst die Vierspindelschleifmaschine erfunden; mit Brillengläsern, bearbeitet von seiner eigenen Vierspindelschleifmaschine, konnte er seine Sonntagspredigt wieder lesen. Die Optischen Werke Rathenow waren noch immer technische Avantgarde, allerdings folgte ihr Design dem Grundsatz: Egal, wie's aussieht, Hauptsache, es funktioniert! Bis Erich John kam. Als erstes schufen sie gemeinsam ein Opernglas von umwerfender Eleganz. Vergoldet wurde es in den Westen verkauft, DDR-Bürger schauten durch verchromte Gläser.

Es folgte noch eine Vielzahl von Mikroskopen, unter anderem das Schülermikroskop, das jeder kennt, der in der DDR groß wurde. Aber der Höhepunkt von Johns Zusammenarbeit mit den Rathenowern war zweifelsohne die Schleif- und Poliermaschine Minosupan. Kollmeier, der größte lebende Propagandist der Weltzeituhr, geht in die Knie vor der Schleif- und Poliermaschine Minosupan. Was für ein avantgardistisches Design! Die würde er sich glatt in seine Küche stellen. Sie schleift Gesteinsproben auf bis zu dreihundertstel Millimeter dünn, sagt John, die wurde ein Hit auf dem Weltmarkt!

Carsten Kollmeier ist Chef der Weltzeituhr Vertriebs UG. Foto: weltzeituhr-berlin.de Vergrößern
Vermarkter. Carsten Kollmeier ist Chef der Weltzeituhr Vertriebs UG. © weltzeituhr-berlin.de

Mal was anderes als immer nur Klärbecken!

Im Herbst 1968 stellte er den Rathenowern ein seltsames, vergleichsweise klobiges Instrument auf den Tisch und hatte dazu nur eine Frage: „Können wir das bauen?“ Entgeistert besahen die Ingenieure die Weltzeituhr, die optische Herausforderung konnten sie nirgends entdecken. „Bisher habe ich immer für euch gearbeitet“, erläuterte, sorgfältig die Silben trennend, der Formgestalter. Den Rest des Satzes ergänzten die Rathenower allein. Oben ein Blechring als Nordhalbkugel, unten ein Blechring als Südhalbkugel, in der Mitte der Äquator als Stundenband.

Das muss sich bewegen, aber wie? „Wir bauen eine Drehbühne“, sagte John. „Zu kompliziert, wir bauen eine Spinne!“, widersprach der Chefkonstrukteur. Am Ende kamen sie auf ein Trabant-Getriebe. Bloß würde die Zeit der Welt mit dem Trabant-Getriebe zu rasen beginnen. Also auseinanderbauen, neue Zahnräder einsetzen und wieder zusammenbauen. Natürlich konnten sie an der ungewöhnlichen Vorrichtung nur nach Feierabend arbeiten, aber gut bezahlt. Auch der VEB Wasseraufbereitungsanlagen Rathenow machte mit, denn der hatte Schweißanlagen. Auf seinem Betriebshof entstand das Stahlgerüst der Rotunde. Das war doch mal etwas anderes als Klärbecken, Klärbecken, Klärbecken!

Beinahe wäre alles umsonst gewesen.

Trotzdem, beinahe wäre alles umsonst gewesen. „Ich brauchte zwei große Kugellager mit 1,20 Meter Durchmesser“, erklärt der Besitzer einer Kuckucksuhr. Es gab keine Kataloge, aus denen John hätte bestellen können, aber schließlich fand er den Kranbau Eberswalde. Natürlich könne John die Kugellager bekommen, versicherte jovial der Kranbau. Vielleicht in drei Jahren? Frühestens.

Jetzt noch aufgeben?

Auf der Leipziger Messe fand John die Firma „Rothe Erde“ aus Dortmund, Großwälzlagerhersteller. Lieferzeit: drei Monate. Erich John schrieb eine etwas freche Karte an das Zentralkomitee der SED, sinngemäß: Entweder ich bekomme 10 000 DM für meine Kugellager oder die Uhr ist gestorben. Er bekam sie. So war die Weltzeituhr von Anbeginn eine deutsch-deutsche Gemeinschaftsuhr, Gesamtkosten 480000 Mark.

Athen fehlte auf der Uhr

Reaktionäre Kleinstädte wie Bonn etwa waren auf dem Blechring der nördlichen Hemisphäre trotzdem nicht vermerkt. Auch Athen, die Wiege der europäischen Kultur, fehlte, weil dort gerade eine nicht hinnehmbare Militärdiktatur herrschte. New York wegzulassen, war dagegen nicht möglich. Aber am liebsten gravierte man die Namen fortschrittlicher Städte oder solcher mit guter Prognose wie Murmansk, Omsk, Hanoi oder New Delhi.

Hinter New Delhi steht „+ 30’“, auch hinter Kabul oder Rangun: plus 30 Minuten. „Ich Idiot!“, ruft John, die haben die falsche Zeit, nicht ich! Heute würde er solche unwissenschaftlichen Egosonderzeiten nicht mehr vermerken. Sollen die doch an seiner Uhr nachschauen, wie spät es bei ihnen wirklich ist!

Im Sommer ist sie immer spät

Formgestalter sind die natürlichen Sympathisanten von Normierungen aller Art. Aber was John wirklich ärgert, ist, wenn die Leute sagen, seine Uhr gehe falsch. Nur weil sie im Sommer immer anzeigt, wie spät es vor einer Stunde war. „Es gibt keine Sommerzeit, es gibt sie nicht!“, erklärt John und rammt den Dekoball aus Korbgeflecht an ihren Achsen in die Tischplatte.

Aber manchmal sind Sonderzeiten doch etwas Wunderbares. Auf einem Foto vom 4. November 1989 scheint die Uhr zu schwimmen, da war sie wie eine Insel in einem endlosen Menschenmeer. Das war die Sonderzeit Wendezeit, noch bei geschlossener Mauer. Der Alexanderplatz sollte wie der Rote Platz in Moskau nicht zuletzt ein Aufmarschplatz sein, das wurde er dann auch, nur etwas anders als gedacht.

John hat seine Uhr über die Jahrzehnte immer wieder gegrüßt, meist nach Art der Passanten im Vorübergehen. Am liebsten sah er, wenn Schulkinder davor standen, die ihren Großeltern erklärten, wie sie funktionierte. „Mensch John, was hast du da gemacht? Das versteht doch kein Mensch!“, brüllte ihn sein Kunsthochschulkollege Selman Selmanagic an, als sie fertig war. Eigentlich hatte er große Hochachtung vor dem Bauhäusler Selman Selmanagic, der Ungar hatte sein Diplom noch bei Mies von der Rohe gemacht. Heute weiß John, was er ihm hätte antworten sollen: „Du vielleicht nicht, aber die Kinder!“

1997 kam Istanbul hinzu

Schon bei der ersten großen Wartung 1985 wurde aus gegebenem Anlass Athen nachgraviert, aber auch Kopenhagen, Wien und Rom. 1997 kam auf ausdrücklichen Wunsch des Regierenden Bürgermeisters Istanbul dazu.

Die Weltzeituhr kennt jeder, doch Erich Johns Namen kannte keiner in der DDR. Die Uhr? Na, das Volk hat sie gebaut. Dass jetzt sogar Bücher über ihn geschrieben werden – soeben erschien Heike Schülers „Weltzeituhr und Wartburglenkrad“ –, ist kein schlechtes Gefühl, wenn man schon 87 Jahre zählt. So spät noch einen Namen bekommen! Und zwar den eigenen.

Aus Johns Wohnzimmer ruft es drei Mal „Kuckuck!“ Ein Erbstück meiner Frau, erläutert John. Die Graphikerin Brigitta-Maria John hat die Schrifttypen der Städtenamen entworfen. Auch sie ist ein Vertriebenenkind, ihr blieb nur diese Uhr. Leider hat sie der Holzwurm gefressen, sagt der Formgestalter, aber bevor der Wurm fertig war, habe ich sie Stück für Stück, Eichenblatt für Eichenblatt nachgeschnitzt. Auch den Kuckuck.

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