Eine Niederlage würde seinen Nimbus beschädigen

Hinter vorgehaltener Faust. Dass er aus der Partei ausgeschlossen werden könnte, fürchtet Björn Höcke nicht mehr. Foto: imago/Christian Thiel
AfD-Politiker Björn Höcke sucht seinen Weg aus der Deckung

Es ist schwer zu sagen, was bei Höcke echt ist und was Inszenierung. Ein Ex-Fraktionskollege bezeichnete ihn einmal als „Chamäleon“, das sich perfekt seiner Umgebung anpasse. Auf der Bühne ist er der Demagoge, der seinem Publikum sagt, was es hören will. Im persönlichen Gespräch gibt Höcke den nachdenklichen, heimatverliebten Politiker. Bei einer Neonazi-Demonstration in Dresden 2010 war er einer von denen, die im Chor riefen: „Wir wollen marschieren!“. Vor den Schülern der nahbare Pädagoge.

Das Gespräch dauert mittlerweile eine Stunde, da sagt Höcke, er müsse jetzt los. Im Norden Erfurts findet ein Schweigemarsch statt gegen die drohende Schließung des örtlichen Siemens-Werks. Auch Höcke will da hin, schließlich bemüht er sich, im Osten die AfD als eine Partei der „kleinen Leute“ zu präsentieren. Höcke packt seine Sachen, draußen nieselt es. Er braucht einen Schirm. „Den AfD-Schirm?“, fragt die Sekretärin. „Natürlich den AfD-Schirm“, sagt Höcke. Den kann man später auf allen Bildern gut erkennen.

Höcke, der „Tiger im Käfig“?

Weil Höcke zu einer Arbeiterdemo aber nicht mit seinem großen Dienstwagen fahren will, steigt er mit den anderen aus der Fraktion in einen blauen Minibus. Die Kollegen plaudern, machen Witze über Höckes Privatauto, einen Lada. Einer erzählt von seiner Magenverstimmung. Mit seinem gut geschnittenen Anzug und dem schwarzen Mantel, wirkt Höcke ein wenig fehl am Platz, er schaut aus dem Fenster. Eingeweihte haben dem „Spiegel“ erzählt, Höcke fühle sich in Thüringen wie ein „Tiger im Käfig“. Es scheint zu stimmen.

Bislang hat Höcke nie die große Bühne auf Bundesparteitagen gesucht, hat sich nie zur Wahl gestellt. Das hängt auch damit zusammen, dass nicht klar ist, ob er eine Mehrheit finden würde. Eine Niederlage würde seinen Nimbus beschädigen. Vielleicht braucht er so einen Posten aber auch nicht, um Einfluss in der Partei zu nehmen. Das glaubt sogar Ex-Parteichefin Petry. „Seine inzwischen immer zahlreicheren Anhänger sind längst fest auf allen Ebenen verankert und bestimmen wahrnehmbar den Ton“, sagte sie vor einigen Wochen. Unter dem Einfluss von Höcke und Alexander Gauland vollziehe die AfD einen Richtungswechsel. Zu einer „sozialpatriotischen Partei“, wie Petry das nennt. Vor allem im Osten verfolgte die AfD bereits im Wahlkampf diesen nationalen Kümmerer-Kurs. Sie forderte soziale Gerechtigkeit – für Deutsche.

Doch Höcke scheint sein Einfluss nicht mehr zu reichen: Wenn er sich nicht in den Bundesvorstand wählen lässt, werde er bei Neuwahlen eine Kandidatur für den Bundestag erwägen, sagt er. „Dann wäre das die politische Spielwiese.“

Manche sehen Höcke als „spiritus rector“ des „Flügel“

Wie wichtig Höcke in der Partei jetzt schon ist, zeigte sich Anfang September. Da hat der „Flügel“ zum jährlichen Treffen unterhalb des Thüringer Kyffhäuser-Denkmals eingeladen. Mit seinem rotbraunen Sandstein ist das massive Bauwerk weithin sichtbar. Die Spätsommersonne scheint, als die Parteiprominenz auf dem Parkplatz vorfährt. Wer sich hier blicken lässt, hegt mindestens Sympathien für den „Flügel“. Aus den Autos steigen die Landeschefs von Niedersachsen, Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt. Auch Parteivize Alexander Gauland und Jörg Meuthen, der AfD-Chef, sind dabei.

Die Treffen dienen dazu, dass sich die „Flügel“-Leute noch besser vernetzen können. Denn der „Flügel“ ist kein Verein, er hat keine Struktur, nur ein kleines Machtzentrum. Bei den Zusammenkünften werden Handynummern ausgetauscht, Mailadressen, man kann sich in Whatsapp-Gruppen eintragen lassen.

Je nach Quelle wird die Anhängerschaft des „Flügel“ auf zehn bis 30 Prozent der AfD-Mitglieder geschätzt. „Der Flügel ist von einigen Parteifreunden als Machterlangungsstruktur missverstanden worden“, sagt Höcke. Er sei vielmehr ein loses Netzwerk. „ Und wie das bei losen Netzwerken so ist, verbinden sich Partei-Freunde in den einzelnen Landesverbänden informell, um Mehrheiten zu generieren, wenn es um Parteitage geht.“

Es bleibt die Frage, welchen Einfluss Höcke auf den „Flügel“ hat. Einige sähen ihn als dessen „spiritus rector“, sagt Höcke. Also als jemanden, von dem sich der „Flügel“ geistig leiten lässt.

Vermutlich trifft es das sogar. Höcke ist zwar gut darin, seine Feinde in der Partei zu identifizieren, aber er ist kein besonders gewiefter Machtstratege. Seine Führungsrolle beruht vor allem auf der Bewunderung seiner Anhänger. Einige tragen sogar Jute-Beutel mit Höckes Konterfei, auf denen steht: „Geht aufrecht!“.

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