Der Morgen des 25. Mai 1968 nach den nächtlichen Unruhen in Paris Foto: AFP
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1968 im Tagesspiegel De Gaulles alter Zauberspruch wirkte nicht mehr

Karl Puhlmann

Vor 50 Jahren gab es zwei Tote und viele Verletzte bei nächtlichen Unruhen in Frankreich

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Am 26. Mai blickt der Korrespondent des Tagesspiegels auf die unruhige Lage in Frankreich.


 Nie erhielt de Gaulle auf eine Ansprache an die Nation eine aufrührerischere Antwort. Bis tief in die Nacht hinein überschütteten ihn Gewerkschaftler und Politiker über die Antennen der Rundfunksender mit Anklagen. Und bis zum Morgengrauen dauerten in den Straßen der französischen Städte und vor allem in Paris die Szenen der Meuterei. De Gaulles alter Zauberspruch, die Ankündigung des Referendums, schien das erschreckte Land noch mehr aufgewühlt zu haben.

Zehntausende hatten sich in Paris in der Nähe des Platzes zusammengezogen, auf dem einst die Bastille stand, das Symbol der Knechtschaft. Angeblich waren sie da, um gegen die Ausweisung des Anarchisten Cohn-Bendit zu protestieren. Punkt 20 Uhr legte sich Schweigen über die köchende Masse. Man sammelte sich um die Transistorgeräte, um de Gaulle zu hören. Aber schnell übertönte gröhlendes Gelächter, die Worte des Generals. Und kaum hatte er geendet, als eine wilde Zerstörungsarbeit begann. Die Gewalt war entfesselt. Die Straßen wurden aufgerissen, Pflastersteine flogen gegen die Polizeisperren. Bäume wurden umgesägt und Barrikaden gebaut. Eine neue Taktik anwendend, setzte die Polizei sofort zum Sturmangriff an, hinter Wolken von Tränengas mit Wasserwerfern und Traktoren.

Die Aufrührer mußten daran gehindert werden, sich hinter den. Barrikaden festzusetzen. Sie wichen in Seitenstraßen.aus, stürmten die Börse und Polizeikommissariate, und- immer wieder griff die Polizei an. Viele Stunden tobte so der Guerillakampf, Am Morgen sahen große Teile der Innenstadt aus, als habe sie der Wirbelsturm heimgesucht.

Wie ein Schattentheater hatte de Gaulles Auftritt auf dem Bildschirm gewirkt.

Er sprach aus einer anderen Welt. Was er sagte, schien nicht dem Lande im Aufruhr zu gelten. Wieviele hatten noch den Eindruck, daß er die Ängste der Franzosen in diesen Tagen und Stunden wirklich kennt? Hat er je die Entfesselung auf den Straßen gesehen, auf denen nachts bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen? Hat er je die Abfallberge vor den Häusern gesehen, die Schlangen vor den Bankschaltern und die leeren Regale der Lebensmittelgeschäfte? Kennt er den Grad des Hasses, der nach den Brutalitäten der Polizei in den Studenten brennt? Viele Franzosen bezweifeln es.

Zwischen den Gobelins und dem Goldstuck des Elysee-Palastes feilt der Staatschef an seinem Bild in der Geschichte. Als schon der Aufruhr in den Straßen seiner Hauptstadt wütete, ließ er sich fern von seinem Land, in Rumänien, umjubeln. Seine Gegner verzeihen ihm nicht, daß er tagelang getan hat, als ginge ihn der Fieberanfall seines Volkes nichts an. Zwanzig Tage lang habe die Regierung Irrtümer, Ungeschicklichkeiten und Fehler gehäuft. Und mit einemmal zeige sich der Staatschef mit dem verstaubten Dekor des Elysee-Palastes im Fernsehen, um nach zehnjähriger unbeschränkter Herrschaft mitzuteilen, daß sich Frankreich in einem sozialen Wandlungsprozeß befinde und daß er deshalb eine Vollmacht brauche- eine Vollmacht, die er seit zehn Jahren besitzt. Noch einmal drohe das Land bis zum Referendum zwanzig Tage zu verlieren.

Selbst de Gaulles Anhänger konnten 'ihre große Enttäuschung nicht verbergen. Und seine Kritiker zeigten sich erbarmungslos. Wieder sei dem General nichts anderes eingefallen, als die Zuflucht zum Plebiszit und zur Drohung, den Staat ohne Chef und ohne Regierung zu lassen, falls das Volk dem schon oft gehörten Versprechen einer großen Sozialreform im Zeichen der Mitbestimmung nicht glauben wolle. Die politische Fairness hätte den Rücktritt der Regierung und die Ausschreibung von Parlamentswahlen verlangt. Doch wieder habe der General Frankreich wie ein politisch unterentwickeltes Land behandelt.

Auch das neue Referendum folgt jedoch nur der Logik der "direkten Demokratie".

In der Krise, die das Land schüttelt, und vor den Anklagen seiner Gegner braucht der General ein neues Vertrauensvotum. In der fünften Republik ist die Regierung ein Kabinett von Verwaltern, nur der Staatschef regiert, er allein entscheidet, er ist verantwortlich. Und schon verkünden die Gaullisten dem erschreckten Land ihre sichere Überzeugung, daß die Volksabstimmung Frankreich vor dem Sturz in den Abgrund retten wird. Denn nach der gaullistischen Propaganda ist die Anarchie nicht das Resultat der Politik de Gaulles, sondern das Werk seiner Gegner. Und die Angst des Bürgertums vor der Anarchie ist immer noch die Gaulles bester Verbündeter.

Nur hat der Fernsehauftritt nichts an den Gefahren der Stunde geändert. Ungeduldig warten die Gewerkschaften am Verhandlungstisch auf ein erstes praktisches Zugeständnis der Regierung und der Unternehmerschaft, um den Streik wenigstens auf den lebenswichtigen Gebieten beenden zu können. Vor allem die kommunistischen Gewerkschaftsfunktionäre brauchen einen schnellen Erfolg. Sie sind dem wachsenden Druck ihrer Basis ausgesetzt. Schon wurden sie des Verrats und der Zusammenarbeit mit dem gaullistischen System angeklagt. Ein führender kommunistischer Funktionär legte sein Amt nieder, seiner Ansicht nach hätte das gaullistische Regime gestürzt werden können.

Einige Tage war der gaullistische Staat wie von der Bildfläche verschwunden. Die einzige intakte Organisation schien der kommunistische Apparat zu sein. Sogar die Polizei, die in Frankreich noch stets den Massenströmungen, gefolgt ist, hatte zu schwanken begonnen. Aber hätten die Kommunisten die Macht halten können? Ihre Spitzenfunktionäre haben eine lange Erfahrung, auch sie fürchten die Anarchie, denn sie wissen, welche politischen Gegenkräfte das Chaos in Frankreich mobilisiert.

Heute muß die kommunistische Gewerkschaft der Regierung zumindest ernsthafte soziale Zugeständnisse abzwingen, um der Unruhe in den eigenen Reihen Herr zu werden. Die jakobinischen Kanzelreden, mit denen die Kommunisten de Gaulles Rücktritt forderten, waren zunächst nur eine Fassade. Schon mußten die Gewerkschaftsführer dazu übergehen, ihre Truppen mit Straßenumzügen zu. beschäftigen und zu ermüden. Und dabei wurde beobachtet, wie der kommunistische Ordnungsdienst Ruhestörer der Polizei übergab.

Einen um so schwereren Stand wird die Regierung in den endlich eröffneten Verhandlungen haben.

Die Gewerkschaften haben mächtige Druckmittel. Sie halten die Werke besetzt. Und schon drohten sie, im ganzen. Land Gas und Elektrizität abzuschalten. Zuviel Zeit wurde mit der subtilen Vorbereitung von de Gaulles Fernsehschau verloren. Und so hatte der Innenminister nicht Unrecht, wenn er feststellte, daß in den Straßenkämpfen der Mob der Pariser Unterwelt immer mehr in die vorderste Front rückt. Die Geschichte der Pariser Revolten kennt für diese Entwicklung bestürzende Beispiele.

Irgendwo sind deshalb auch die Gewerkschaften und die Regierung geheime Verbündete. Beide sind vom Sturm der Ereignisse bedroht. Ob der Monarch im Elysee noch einige Monate länger im Amt bleibt, scheint in den explosiven Stunden, die das Land erlebt, nur geringere Bedeutung zu haben.

 

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