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Frust statt Freude. Für Fabian Reese und Hertha BSC ist am Mittwoch ein großer Traum geplatzt.

© Ottmar Winter/Ottmar Winter

Nach dem ernüchternden Pokalabend: Bei Fabian Reese klingt es schon nach Abschied von Hertha BSC

Im Viertelfinale gegen den 1. FC Kaiserslautern feiert Fabian Reese sein Comeback für Hertha BSC. In 45 Minuten zeigt er, dass er längst über die Mannschaft hinausgewachsen ist.

Der Plan funktionierte. Er funktionierte perfekt. Oder zumindest nahezu perfekt. Fabian Reese war zur zweiten Hälfte eingewechselt worden, um der Mannschaft von Hertha BSC neue Impulse zu geben. Und nun waren gerade zehn Sekunden vorüber, da stiefelte er mit riesigen Schritten die Seitenlinie entlang, lief seinen Gegenspielern davon und schlug eine erste Flanke in den Strafraum des 1. FC Kaiserslautern.

„Wir hatten direkt nach der Pause eine gute Phase, wo wir den Anschluss hätten erzielen können und auch ein bisschen erzwingen wollten“, sagte Benjamin Weber, der Sportdirektor von Hertha BSC, am späten Mittwochabend. Es war eine Phase, in der sich die zuvor so lethargische Mannschaft räkelte, sich streckte und spannte. Und eine Phase, die ursächlich mit Fabian Reese zu tun hatte, der im Viertelfinale des DFB-Pokals nach exakt 53 Tagen Pause auf den Fußballplatz zurückgekehrt war.

Das war die gute Nachricht. Aber es war zugleich die einzig gute Nachricht an einem Abend, dem der Berliner Zweitligist so sehr entgegengefiebert hatte und der mit der totalen Ernüchterung endete. „Es ist megabitter“, sagte Reese nach der 1:3-Niederlage gegen den 1. FC Kaiserslautern. „Ich bin sehr enttäuscht und ärgere mich, vor allem über die Art und Weise, wie wir das Spiel angenommen haben.“

Es war eine Art und Weise, die Trainer Pal Dardai zur Pause gar keine andere Möglichkeit ließ, als Reese ins Spiel zu bringen. Viel früher als eigentlich geplant und mit der Maßgabe, dass er jederzeit um seine Auswechslung bitten könne, sollte es nicht mehr weitergehen. Aber Reese hielt durch bis zum bitteren Ende und erzielte in der Nachspielzeit sogar noch den Ehrentreffer.

„Ich konnte das Team nicht im Stich lassen“, sagte er. „Ich wollte das Spiel unbedingt gewinnen. Für Kay, für den Verein, für die Stadt. Irgendwie das Ruder rumreißen.“

So wie ihm das schon in der Runde zuvor gegen den Hamburger SV gelungen war, als Reese zwei Tore erzielte. Als er Hertha mit seinem Treffer in der letzten Minute der regulären Spielzeit in die Verlängerung rettete; als er in der letzten Minute der Verlängerung den Treffer zum 3:3 vorbereitete und schließlich im Elfmeterschießen den letzten Elfmeter zum Einzug ins Viertelfinale verwandelte.

Ich bin ein sehr ehrgeiziger Sportler, möchte die größtmögliche Bühne. Für solche Spiele wie heute lebt man, arbeitet, trainiert man.

Fabian Reese, Hertha BSC, über das verlorene Viertelfinale gegen den 1. FC Kaiserslautern

Gegen Kaiserslautern kam mit Reese ein anderer Drive in Herthas Spiel: mehr Zug, mehr Tempo, mehr Überzeugung. In der ersten Hälfte ohne ihn hätte Hertha statistisch 0,47 Tore erzielen müssen; in der zweiten mit ihm 1,2 Tore. Und so bestätigten die beiden unterschiedlichen Halbzeiten am Mittwoch noch einmal, was eh alle wissen: Hertha BSC ist in hohem, fast ungesundem Maße von Fabian Reese abhängig.

Oder anders ausgedrückt: Ohne ihn ist die Mannschaft nur Mittelmaß. Drei Ligaspiele hat Reese durch seine Corona-Erkrankung verpasst. Kein einziges hat Hertha gewonnen.

„Wir wissen, wie Fabi Fußball spielt und wie wichtig er mit seiner Präsenz für die Mannschaft ist“, sagte Pal Dardai. Reese ist im Sommer von Holstein Kiel gekommen. Schon damals galt er als einer der besseren Spieler der Zweiten Liga. Inzwischen ist er viel mehr als das.

Nach seiner Einwechslung zur Pause erzielte Fabien Reese kurz vor Schluss den Ehrentreffer für Hertha BSC.
Nach seiner Einwechslung zur Pause erzielte Fabien Reese kurz vor Schluss den Ehrentreffer für Hertha BSC.

© Ottmar Winter

In nur einem halben Jahr ist Fabian Reese über Herthas Mannschaft hinausgewachsen. Und als er am Mittwochabend in der Mixed-Zone über die verpasste Chance im DFB-Pokal redete, schien es, als nehme dieser Gedanke auch in seinem Kopf immer deutlicher Gestalt an.

Der Start der Mannschaft ins neue Jahr taugt jedenfalls nicht dazu, Reese von einer langfristigen Bindung an Hertha zu überzeugen. „Es ist megabitter“, sagte der 25-Jährige. „Wir wollten alle Spiele gewinnen.“ Stattdessen sprangen in den drei Partien seit der Winterpause zwei Niederlagen und ein Unentschieden für Hertha heraus.

Vor wenigen Tagen hat Reese in einem Podcast des „Kicker“ erstmals offen über den Fall gesprochen, dass der Klub am Ende der Saison den Aufstieg verpasst. Dann, so hat er gesagt, „muss man sich zusammensetzen“.

Am Mittwochabend klang bei ihm die Ernüchterung durch. „Ich bin ein sehr ehrgeiziger Sportler, möchte die größtmögliche Bühne. Für solche Spiele wie heute lebt man, arbeitet, trainiert man“, sagte Reese. „Wir haben die gefühlte Riesenchance, diese wunderbare Geschichte weiterzuschreiben, innerhalb von 45 Minuten kampflos verschenkt. Das ist einfach nur extrem enttäuschend.“

Nach dem ernüchternden Abend bleibt für Hertha nur die allenfalls noch vage Chance auf den Aufstieg. Neun Punkte liegen die Berliner hinter Platz drei, und bereits am Samstag steht mit dem Heimspiel gegen den HSV die nächste anspruchsvolle Prüfung an.

Denn Hertha ist nach dem Pokal-Aus nicht nur mental ausgelaugt, sondern auch körperlich. Die halbe Mannschaft sei von einer Grippewelle erfasst worden, berichtete Trainer Dardai. Mit wem er am Samstag planen kann, ist offen.

Fabian Reese wird mit Sicherheit benötigt werden, aber, so sagte er kurz nach der Niederlage gegen Kaiserslautern: „Heute Abend habe ich nicht den Kopf dafür, irgendwie nach vorne zu schauen.“

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