Aufopfernd. Röhrenspinnen geben ihr Leben für den Nachwuchs. Foto: Anja Junghanns
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Röhrenspinnen Wenn Nichten ihre Tanten fressen

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Bei den Röhrenspinnen opfert die ältere Generation sich auf, damit der Nachwuchs gut ins Leben startet. Mütter und Tanten lassen sich vom Nachwuchs verspeisen.

Röhrenspinnen der Art Stegodyphus dumicola sind außergewöhnlich soziale Tiere. Sie kümmern sich rührend um ihren Nachwuchs, schützen die Kokons und die Eier darin vor den Widrigkeiten der Umwelt, füttern die geschlüpften Mini-Spinnen – und am Ende lassen sie sich sogar von ihnen auffressen. Nicht nur die leiblichen Mütter sind derart aufopferungsvoll, auch die Tanten der Jung-Spinnen geben ihr Leben für das Wohl des Nachwuchses. Das berichten Anja Junghanns und Gabriele Uhl von der Universität Greifswald und Kollegen von der Universität Aarhus in Dänemark im Fachblatt „Animal Behaviour“.

Eklatanter Männer-Mangel

So kurios dieses „super-soziale“ Verhalten ist, so schwierig ist es nachzuvollziehen, wie es sich im Laufe der Evolution der Spinnen entwickeln konnte. Ein erster Anhaltspunkt für eine Erklärung war für die Biologin Anja Junghanns, „dass sich nur 40 Prozent der Weibchen einer Kolonie selbst vermehren“. Die Gründe dafür liegen in der Lebensweise der Röhrenspinnen. Die Tiere leben in Gruppen, die jeweils von einem einzigen Weibchen gegründet werden. Deren Nachkommen bleiben normalerweise in ihrer Kolonie und paaren sich nur mit ihren Geschwistern. Allerdings ist im Durchschnitt nur eine von fünf Jungspinnen männlich. Obendrein sterben diese viel früher als die Weibchen. Bei einem solchen eklatanten Männer-Mangel bleiben fast zwangsläufig Weibchen übrig, die keinen Partner zur Vermehrung finden.

Welche Aufgabe diese kinderlosen Weibchen in der Spinnen-Gesellschaft haben, versuchten die Forscherinnen herauszubekommen, indem sie im Labor Spinnen-Kolonien zusammenstellten und den Tieren mit Wasserfarben Kleckse auf den Hinterleib pinselten, um sie voneinander unterscheiden zu können. So konnten sie verfolgen, wer sich um die Kokons kümmert und wer besondere Risiken eingeht, etwa eine wehrhafte Beute zuerst anzugreifen.

Die eigenen Organe verdauen, damit der Nachwuchs Futter hat

Beide Verhaltensweisen sind für das Überleben der Kolonie entscheidend: Ohne Beute gibt es nichts zu fressen. Und die Kokons sollten im Süden Afrikas tunlichst nicht von der prallen Mittagssonne aufgeheizt oder von einem Schauer durchweicht werden. Also schleppen die Spinnen die Kokons mit den Eiern bei drohender Überhitzung in kühlere Bereiche ihres Baus und schützen sie bei Regenwetter vor Nässe. Auch lassen sich Parasiten leichter abwehren, wenn ein Tier den Kokon bewacht.

Sowohl die leiblichen Mütter wie auch die Spinnenweibchen, die kein Männchen abbekommen haben, kümmern sich in dieser Weise um die Brut – das konnten die Forscherinnen mit Hilfe der farbigen Kleckse herausfinden. Die Mütter sind ein wenig häufiger bei ihrem Nachwuchs. Dafür greifen die nicht verpaarten Kolleginnen häufiger Beute als erste an, gehen also höhere Risiken ein. Ihre Nahrung teilen die Tiere nicht nur selbstlos mit allen anderen Spinnen ihrer Kolonie, sondern würgen später auch noch den Nahrungsbrei wieder heraus, um damit die Jungspinnen zu füttern. Damit nicht genug, zersetzen die Erwachsenen gleichzeitig ihr eigenes Gewebe, um so weitere Nahrung für die Kleinen zu gewinnen. Dieser Kraftakt schwächt die Tiere natürlich enorm, bis sie schließlich sterben – und von den Jungspinnen aufgefressen werden. Die Mütter geben alles, um dem Nachwuchs einen möglichst guten Start ins Leben zu ermöglichen.

Aufopfernde Verwandtschaft

Weshalb aber tun das auch die Weibchen, die sich gar nicht verpaart haben? „Weil diese Röhrenspinnen immer in ihrer Kolonie bleiben und sich so nur mit ihren Geschwistern paaren, sind alle Tiere dieser Gruppe sehr eng miteinander verwandt“, sagt Junghanns. In den Nichten der Weibchen, die kein Männchen abbekommen haben, stecken also sehr viele der eigenen Erbeigenschaften. Wenn man keine Chance auf eigene Nachkommen mehr hat, lohnt es sich daher durchaus, die Kids der eigenen Schwester zu unterstützen – und für sie sogar das eigene Leben zu geben.

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