Seit Gründung des Max-Delbrück-Centrums hat die Molekularbiologie die Medizin völlig verändert. Foto: Katharina Bohm/MDC
p

Genomforscher Jens Reich im Interview „Die Keimbahn ist nicht heilig“

15 Kommentare

Seit 25 Jahren werden am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin Gentechniken erforscht, die immer wieder Anlass für politische Auseinandersetzungen sind.

1992 war die Verbindung von molekularbiologischer Grundlagen- und anwendungsorientierter medizinischer Forschung noch etwas Neues. Heute ist das Wissen über Biomoleküle wie Gene und Proteine längst Bestandteil der medizinischen Praxis und das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) ein international anerkanntes Forschungszentrum. Bei der holprigen Gründung vor 25 Jahren war das noch nicht absehbar, erzählt der Genomforscher, DDR-Bürgerrechtler und ehemalige Bundespräsidentschaftskandidat Jens Reich (78), der den Campus in Berlin-Buch seit fast 50 Jahren kennt.

Herr Reich, das MDC ist ein Kind der Wende. War der Neuanfang der ostdeutschen Forschung nötig?

Natürlich waren Veränderungen dringend nötig, in der Forschung sowie im ganzen Land. Aber auf dem Campus Buch wollte man diese Reform selber machen. Wochenlang haben Mediziner und Forscher 1990 zusammengesessen und einen Plan ausgearbeitet, wie nun alles besser werden könnte. Der wurde eingereicht beim Forschungsministerium im Westen, das sich darauf aber nicht eingelassen hat. Stattdessen wurden Professoren aus dem Westen geschickt mit der Aufgabe, die Forschungsarbeit in Buch zu evaluieren. Das hat viele Ressentiments erzeugt.

Genomforscher, DDR-Bürgerrechtler, Bundespräsidentschaftskandidat: Jens Reich (78) Foto: David Ausserhofer/MDC
p

Hätte man es anders machen können und sollen?

Der Einigungsvertrag legte fest: Die Akademie der Wissenschaften sind aufzulösen, anders als die Universitäten, die fortgeführt wurden. Damit waren wir ab dem 3. Oktober 1990 in der Warteschleife, bis das MDC gegründet wurde. Das gesamte Grundlagenforschungspotenzial der DDR aufzulösen, das war nicht gut. Hätte man ernst genommen, dass sich die DDR-Bürger selbst befreit haben, dann hätte man so etwas nicht in den Einigungsvertrag schreiben dürfen.

Hat die Gründung des MDC diese Wunden rasch geheilt, oder hatte es Gründungsdirektor Detlev Ganten schwer?

Er hat es nicht leicht gehabt. Es ist ihm gelungen, gute Forscher aus West-Labors zu berufen, die sich dafür begeistern konnten, in den „Busch“ zu gehen und etwas Neues aufzubauen. Nicht zuletzt dank Ganten konnte eine ganze Reihe von Leuten weitermachen, auch wenn ihre wissenschaftlichen Methoden für die moderne Molekularbiologie nicht mehr optimal geeignet waren. Er hatte erkannt, dass man besser nicht Tabula rasa macht. Das MDC ist eines der Institute, wo wirklich versucht worden ist, das was da ist, zu erhalten.

In der DDR waren Sie als Forscher kaltgestellt aufgrund ihres Engagements als Bürgerrechtler. Was war der Grund, sich politisch zu engagieren?

Ich konnte als Forscher in verschiedene Ostblock-Länder reisen und mir wurde rasch klar, dass die Sowjetunion kollabieren würde. Ich machte mir Sorgen über die Folgen und kam zu dem Schluss: Es gibt Wichtigeres als meine Forschung – die Zukunft meiner Kinder, meiner Familie. Also haben wir diesen privaten „Freitagskreis“ gegründet, so eine Art politischen „Think Tank“.

Damals ging es um die Veränderung der DDR, heute bedrohen Klimawandel, Umweltverschmutzung und „alternative Fakten“ Natur und Gesellschaft. Müssen sich Forscher politisch mehr einbringen?

Forscher sind heute praktisch rund um die Uhr eingebunden. Ich wundere mich, wie das überhaupt zu schaffen ist. Kongresse, Publikationen, Promotion, Literatur lesen, Experimente ... Daher zögere ich zu sagen, dass Forscher auch noch politisch aktiv werden müssen. Aber natürlich sollten Forscher ihre Kompetenzen auch einbringen. Als Beispiel für politisches Engagement tauge ich aber nicht. Ich bin mit dem Inkrafttreten des Einigungsvertrags am 3. Oktober 1990 aus der Politik ausgestiegen. Es hat mir einfach nicht gefallen.

Im Ethikrat haben sie aber lange mitgewirkt, Stichwort Stammzelldebatte.

Das ist etwas anderes, das ist Politikberatung. Um wirklich etwas zu bewirken, muss man die Politik zum Beruf machen.

Was würden Sie raten, wie mit neuen gentechnischen Methoden wie der Crispr-Genschere umzugehen ist? Müssen wir die Debatte über Gentherapie neu führen?

Mit Crispr oder anderen neuen Gen-Editier-Techniken ist im Grunde nichts Neues dazugekommen. Nur ist es jetzt etwas weniger spekulativ als früher, ob solche Eingriffe möglich und sicher sind. In Pflanzen, Tieren und isolierten Zellen funktioniert die Technik bereits. Also hat man jetzt die Diskussion wieder, die man auch schon vor zwanzig Jahren hatte.

Unstrittig ist, ob Crispr für die Behandlung von Patienten eingesetzt werden kann und sollte. Aber sollten Forscher auch deren Ei- und Samenzellen verändern dürfen, um die Weitergabe krankheitsverursachender Gene an kommende Generationen zu stoppen, die sogenannte Keimbahntherapie?

Die Keimbahn ist nicht heilig, nicht unantastbar. Zumindest hat sie mit den modernen zellbiologischen Technologien ihre Heiligkeit längst verloren. Wenn man eine Hautzelle in eine Eizelle umwandeln kann, dann verpufft der mythische Charakter, den die alten Entwicklungsbiologen durch die Erfindung des Begriffs der „Keimplasmas“ konstruiert haben. Ich kann der Heiligkeit der Keimbahn nichts mehr abgewinnen, das hat ja mittlerweile religiöse Züge. Wer heute eine Erbkrankheit biomedizinisch heilen will, muss Genfähren entwickeln, die nachweislich die Keimzellen unberührt lassen. Das heißt, die Gentherapie und Heilung des Individuums muss so gestaltet werden, dass seine Kinder immer noch eine gewisse Wahrscheinlichkeit haben, die Krankheit zu erben. Das ist absurd. In anderen Ländern, Großbritannien beispielsweise, geht man viel pragmatischer vor – ohne leichtsinnig zu sein oder die Probleme nicht zu sehen.

Aber bei den meisten Erbkrankheiten besteht doch gar keine Veranlassung, defekte Eizellen mühsam mit Crispr zu reparieren, wenn von der gleichen Frau Eizellen ohne Genmutation in der Petrischale liegen, die sich mit Hilfe von Präimplantationsdiagnostik identifizieren lassen.

Klar, da wo es nicht unbedingt nötig ist, sollte man es auch nicht machen. Vor zehn Jahren galt diese Präimplantationsdiagnostik aber noch als so verwerflich, weil das „Selektion von Leben“ sei. Es ist schon erstaunlich, dass eine Methode, die nur mit äußerster Mühe für extreme Fälle und unter der Aufsicht eines Genehmigungskomitees eingeführt werden konnte, nun plötzlich die ethisch akzeptable Methode der Wahl sein soll.

Haben Sie als Genomforscher nicht Bauchschmerzen, dass noch immer wenig über die einzelnen Funktionen der Gene bekannt ist, die Forscher wie George Church von der Harvard Universität gleich im Dutzend per Keimbahntherapie verändern wollen, um die Veranlagung zu Krankheiten wie Diabetes zu bekämpfen?

Was Church hier machen will, ist an der Grenze zur Solidität. Alle Mutationen, die an Diabetes-Entstehung beteiligt sind, aus dem Genom zu spülen … das geht nicht am Menschen, jedenfalls noch nicht. Ich würde abraten, so schnell vorwärtszugehen. Wir müssen erst einmal populationsgenetische Fragen beantworten, was mit Techniken wie Gene Drive …

… also einer Methode zum schnellen Verteilen von Genveränderungen in allen Individuen einer Art …

… in natürlichen Populationen von Tieren oder Pflanzen passiert. Also etwa ganze Mückenpopulationen so zu verändern, dass sie Menschen nicht mehr schaden können. Wenn man darüber nachdenkt, was das alles bedeuten kann für die Umwelt und so weiter, dann schwillt einem der Kopf. Man muss da sehr vorsichtig rangehen und sich erst einmal mit Hilfe von systematischen Experimenten im Labor klarmachen, was es bedeutet, das Genom im großen Stil umzuschreiben. Wenn wir mehr wissen, was man machen kann und was besser nicht, dann kann man darüber nachdenken, das auch am Menschen einzusetzen. Vorsichtig zu sein, darf aber nicht bedeuten, dass man sich abhängen lässt. Denn es wird Leute geben, die voranpreschen. Ganz auszusteigen, das wäre gefährlich. Das ist auch bei der Biowaffen-Frage so. Man ist nicht automatisch auf der guten Seite, wenn man nur sagt, dass man das alles nicht macht und nicht erforscht. Dann fehlt die Kompetenz, um etwa auf den Einsatz einer Biobombe zu reagieren. Wir müssen bei aller Vorsicht kompetent bleiben.

Das heißt, das weltweite Moratorium, Crispr vorerst nicht in der menschlichen Keimbahn einzusetzen, sollte eingehalten werden, das Forschen aber möglich sein?

Bei diesem Moratorium sind wir in Deutschland billig davongekommen. Denn es verbietet nur Verfahren, die in Deutschland ohnehin verboten sind. Es sagt nur: Man soll am menschlichen Genom so lange nicht herumfummeln, bis klar ist, dass das geht. Diese Zurückhaltung kann ich nachvollziehen, aber es kann schnell zu spät sein.

Ist das womöglich auch die Angst davor, dass solche öffentlichen Debatten sich verselbstständigen und in ideologischen Grabenkämpfen enden? Die Grünen, für die Sie 1990 immerhin fürs Bundespräsidentenamt kandidiert haben, lassen eine differenzierte Diskussion über Crispr oder andere Gentechniken ja kaum zu.

Das ist nach wie vor mein Problem mit dieser Partei. Ob Crispr oder andere Gentechniken – das ist alles von Bakterien erfunden worden. Dass es unnatürlich sei, das zu nutzen, ist eine Ideologie.

In der DDR wurden Sie wegen ähnlich offener Worte zur Persona non grata, auf dem MDC-Campus ging man ihnen aus dem Weg. Was bedeutet es ihnen, anlässlich des Jubiläums nun zum Ehrenmitglied des MDC ernannt worden zu sein?

Das macht mich verlegen. Das MDC kann zu Recht feiern, denn es hätte ja auch ein fürchterlich bürokratischer Laden werden können.

Das Gespräch führte Sascha Karberg.

Infos zu den öffentlichen Jubiläumsfeierlichkeiten: http://mdc-berlin.de/symposium25

Zur Startseite