Wilhelm von Humboldt (1767 - 1835) auf einem Bild von Gottlieb Schick von 1808, das aus der Gemäldesammlung des Deutschen Historischen Museums stammt. Foto: picture alliance / dpa
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250. Geburtstag Wilhelm von Humboldts "So viel Weibliches in mir"

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Geschlechtergerechtigkeit, Empathie, offene Ehe: Der Gelehrte Wilhelm von Humboldt war seiner Zeit oft weit voraus. Zum 250. Geburtstag des Tegeler Visionärs.

Wie liebt ein Mann, wie liebt eine Frau? Wilhelm von Humboldt fand, er selbst liebe eher wie eine Frau. Seiner Verlobten Caroline von Dacheröden schrieb er: „Zehnmal nenne ich mich DEIN, ehe dich einmal MEIN. Ich weiß nicht, ob alle Männer ebenso lieben, es soll in meinen Gefühlen viel Weibliches sein.“ Und er fuhr fort: „Man sagte mir mehr als einmal, man könnte mit mir wie mit einer Frau reden, und neulich schrieb mir die Forster, sie möchte mich Schwester nennen. Ich find es nicht unwahr.“

Viel Weibliches: Der Ehe war das offenbar zuträglich. Fast vier Jahrzehnte waren Wilhelm und Caroline von Humboldt verheiratet, ihre Beziehung war auf eine Weise offen, frei und innig, wie es auch heute noch ungewöhnlich wäre. Humboldts „weibliche“ Gabe, im Gespräch auf die Gedanken des anderen einzugehen, haben später auch Männer gerühmt. „Wenn man mit ihm redet, so ist es immer, als wenn man mit sich selbst redete, nur unendlich leichter. Man kennt sich selbst allemal besser, wenn man ihn verlässt“, schrieb sein Freund Friedrich Gentz, und Friedrich Schiller lobte: „Im Gespräch mit ihm entwickeln sich alle meine Ideen glücklicher und schneller.“

Die Liebe, die Geschlechter, die Sprache, das Gespräch. Wilhelm von Humboldt (1767 - 1835) hat viel über das Männliche und das Weibliche nachgedacht. Bekannt ist er jedoch aus anderen Gründen: als Bildungsreformer, der in Preußen das humanistische Gymnasium einführte und ein Schulsystem der „allgemeinen Menschenbildung“ ohne Ansehen des Standes anstrebte, als Gründer der Berliner Universität, als Staatsmann und Diplomat, als Begründer der vergleichenden Sprachwissenschaft – und als Bruder des bekannteren Weltreisenden Alexander von Humboldt (1769 - 1859). Vielleicht war er aber auch ein „Vordenker der Geschlechterforschung“? So tituliert ihn jedenfalls die 2006 gegründete „Wilhelm von Humboldt Stiftung“. Die widmet sich nicht etwa der Förderung der Bildung, der Diplomatie oder der Sprachforschung, sondern – Überraschung! – der Sexualmedizin.

Er trat einem geheimen Freundschaftsbund bei

Die Liebesgeschichte zwischen Wilhelm von Humboldt und Caroline von Dacheröden begann mit einer Dampfmaschine. Zu diesem Zeitpunkt war Humboldt 21 Jahre alt, und er hatte eine sehr gelehrte Kindheit und Jugend hinter sich. Seine Mutter, auf deren blassem Gesicht „nie die Spur eines Affekts zu sehen war“, wie eine Bekannte berichtete, legte viel Wert auf eine exzellente Bildung mit herausragenden Hauslehrern. Standesgemäß sollten die adeligen Brüder einmal führende Positionen im preußischen Staat bekleiden. Wilhelm und Alexander litten unter dem frühen Tod des Vaters und empfanden ihre Jugend auf Schloss Tegel und im Stadthaus der Familie am Gendarmenmarkt als einengend und öde.

In lebendigen Kontakt mit dem weiblichen Geschlecht kamen sie erst, als sie um 1785 begannen, die Berliner Salons zu besuchen. Alexander interessierte sich mehr für Männer, aber Wilhelm entbrannte für die schöne Henriette Herz, die Gründerin des ersten Berliner Salons. Ach Jette, mit ihren schwarzen Locken, mit ihrem Geist, ihrem Witz! Doch Henriette war verheiratet, ihr Mann Marcus Herz veranstaltete im Nebenzimmer Vorlesungen über ernste Themen. Für „Unsinn“, sagte er, sei seine Frau zuständig. In deren Salon wurde auch gesungen und gespielt und manches ausgeheckt. Henriette gab Wilhelms Liebeswerben nicht nach, aber sie lud ihn ein, einem geheimen Freundschaftsbund beizutreten. Die Mitglieder schrieben einander lange Briefe und offenbarten ihre innersten Gefühle.

Wilhelm und Caroline trafen sich allein in der Laube

Zum Bund gehörte auch Caroline von Dacheröden, die in Erfurt und auf dem väterlichen Gut Burgörner lebte. Wilhelm wollte sie kennenlernen – und nutzte dafür die erste deutsche Dampfmaschine, die in der Nähe von Burgörner stand, als Vorwand. Er schrieb einen Brief an Carolines technikbegeisterten Vater, gab vor, die Maschine besichtigen zu wollen, und erwirkte so eine Einladung aufs Gut. Es gelang den beiden, sich allein in der Laube zu treffen.

Das Entzücken war wechselseitig. „Als du fort warst, mein Wilhelm, war eine fürchterliche Leere in meinem Herzen“, schrieb Caroline, „ich blieb an einem Baum gelehnt stehen und mein volles, volles Herz erleichterte sich durch Tränen.“ Wilhelm ritt durch die Nacht zurück. „Wieso konnt’ ich sie nicht zu der Länge eines Lebens ausdehnen, die Augenblicke, da ich in wonnevoller Entzückung in deinen Armen lag!“

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