Jon Ossoff erklärt einem Vierjährigen die Politik. Foto: Joe Raedle/AFPp

Demokrat Jon OssoffDer Anti-Trump aus Georgia

von Thomas Seibert14 Kommentare

Jon Ossoff ist erst 30 Jahre alt und die Hoffnung der Gegner des US-Präsidenten. In seiner Heimat will der Demokrat als Lokalpatriot überzeugen. Am Dienstag wird in Georgia gewählt.

Tief in der amerikanischen Provinz tobt eine Wahlschlacht, die das ganze Land in den Bann schlägt. Mehr als 40 Millionen Dollar haben Republikaner und Demokraten in die Nachwahl in einem Bezirk nördlich von Atlanta im Bundesstaat Georgia gesteckt, bei der an diesem Dienstag ein vakanter Sitz im Repräsentantenhaus von Washington neu besetzt wird. Selbst für US-Verhältnisse ist das eine ungeheure Summe. Medien und Politiker blicken gespannt auf den sechsten Wahlbezirk von Georgia, denn von dort könnte ein politisches Signal ausgehen, das für den ganzen Kongress und Präsident Donald Trump weitreichende Folgen haben könnte.

Jon Ossoff heißt der Mann im Zentrum des Interesses. Der 30-Jährige, der bisher als Helfer im Kongress und als Filmemacher arbeitete, hat als Kandidat der oppositionellen Demokraten für die Nachwahl rund 23 Millionen Dollar an Wahlkampfspenden gesammelt. Die Gegend, die wohlhabende Vororte von Atlanta umfasst, war bisher ein Erbhof von Trumps Republikanern – Tom Price, der neue Gesundheitsminister, hatte den Wahlkreis im vergangenen November mit mehr als 60 Prozent der Stimmen gewonnen. Die Nachwahl wurde fällig, weil Price als Regierungsmitglied sein Parlamentsmandat aufgeben musste.

In der ersten Runde im April sorgte Ossoff für eine Sensation und holte in der Republikaner-Hochburg fast 50 Prozent der Stimmen. Damit lag er weit vor der Republikanerin Karen Handel, die auf 20 Prozent kam und jetzt in der Stichwahl gegen ihn antritt. Laut Umfragen kann Ossoff mit einer hohen Wahlbeteiligung der demokratischen Wähler rechnen. Ob er Handel schlagen kann, ist dennoch offen. Während manche Umfragen einen Vorsprung für den 30-Jährigen sehen, melden andere ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Zeichen für Unzufriedenheit mit Trump

Dass Ossoff überhaupt eine Chance hat, ist angesichts der konservativen Grundausrichtung der Wähler im Wahlkreis ein Wunder – und ein Zeichen für die Unzufriedenheit mit Trump, die bis ins Lager der Republikaner reicht. Weniger als 40 Prozent aller Amerikaner geben dem durch die Russland-Affäre geschwächten Präsidenten gute Noten für seine Amtsführung.

Die Demokraten und ihre Anhänger sehen die Wahl in Georgia deshalb als Chance, Trump eine Lehre zu erteilen. Ossoff wurde zur Verkörperung des „Widerstands“, der Protestbewegung gegen den Präsidenten, die sich zum Teil aus der Ablehnung von Trumps Politik speist und zum Teil aus der Enttäuschung über die Wahlniederlage von Hillary Clinton im vergangenen Jahr.

In den vergangenen Wochen haben sich deshalb Wahlhelfer für Ossoff aus allen Teilen des Landes gemeldet. Laut dem Magazin „Politico“ klopfen 12 000 freiwillige Wahlhelfer für Ossoff an Türen und sprechen die Wähler an. Die Zeitung „Boston Globe“ berichtet von vier Frauen, die sich als Designerinnen für T-Shirts und andere Wahlkampf-Hilfen für Ossoff betätigen – fast 2000 Kilometer von Georgia entfernt. Die Nachwahl sei „ein Referendum darüber, wie unser Land über die Trump-Präsidentschaft denkt“, sagte eine der Aktivistinnen.

Blick auf die Wahlen im kommenden Jahr

Sollte Ossoff in der Abstimmung siegen, dürfte das die Zuversicht der Demokraten mit Blick auf die Wahl im kommenden Jahr stärken, bei der das ganze Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats neu bestimmt werden. Einige in der Opposition träumen schon von einer Mehrheit der Demokraten in beiden Parlamentskammern, was Trumps Kreise erheblich stören würde. Ein Erfolg von Ossoff könnte zudem die wahlkämpfenden Republikaner dazu bringen, sich von Trump zu distanzieren. Dies wiederum würde es für den Präsidenten schwieriger machen, Gesetzesvorhaben durchs Parlament zu bringen.

Obwohl Ossoff von der Trump-feindlichen Stimmung bei vielen Amerikanern profitiert, achtet er mit Rücksicht auf seine Wähler in Georgia darauf, sich nicht völlig vor den bundespolitischen Karren spannen zu lassen. Der 30-Jährige gibt den Lokalpatrioten, auch wenn er seit seiner Kindheit nicht mehr in dem jetzt umkämpften Wahlbezirk gelebt hat. Auf die Frage, ob er sich als Mitglied des „Widerstands“ sehe, antwortete er: „Ich sehe mich als Bürger von Georgia, der das Richtige für Georgia tun will.“

Der Dienstag wird zeigen, ob Ossoff damit die Wähler überzeugen kann. Leicht wird es nicht. Bei allen bisherigen Nachwahlen seit Trumps Amtsantritt im Januar haben die Republikaner die Angriffe der Demokraten abwehren können.

Vor einigen Wochen siegte ein republikanischer Kandidat bei einer Nachwahl in Montana, obwohl die dortigen Demokraten von dem populären Senator Bernie Sanders unterstützt wurden und obwohl der Kandidat der Trump-Partei wenige Tage vor der Wahl einen Journalisten tätlich angriff: Der „Widerstand“ hat bisher noch keinen einzigen Sieg an der Wahlurne vorzuweisen.