Aufgeräumt. Die Website Axios soll ausdrücken, was die Website will: Übersicht, Überblick und Konzentration auf die „bullet points“, die wirklich wichtigen Dinge. Screenshot: Tspp

Fasse-dich-kurz-RezeptUS-Webseite Axios sieht sich als Retter des Journalismus

von Thomas Seibert0 Kommentare

Die Nachrichten-Website Axios will im Trump-Zeitalter Allheilmittel für Medien und Manager sein. Unumstritten sind die Newcomer nicht.

Der Präsident macht es vor. Donald Trump liebt Twitter und die 140 Anschläge, in die er knackige Botschaften an Freund und Feind packen kann. Wenn Experten oder Geheimdienstleute dem Staatschef im Oval Office etwas vortragen sollen, werden sie von Trumps Beratern angehalten, sich kurz zu fassen und ihre Informationen übersichtlich in Aufzählungspunkten zu präsentieren. Lange Texte und komplizierte Zusammenhänge langweilen den Präsidenten. Die Nachrichten-Website Axios, die fast gleichzeitig mit Trumps Amtsantritt im Januar an den Start ging, setzt dieselben Schwerpunkte: „Kluge Kürze“ lautet ihr Rezept. Doch unumstritten sind die selbst ernannten Retter des Journalismus nicht.

Axios – ist Griechisch und bedeutet „würdig“ – ist aus dem Umfeld des Magazins „Politico“ hervorgegangen. „Politico“-Mitgründer Jim VandeHei ist einer der Axios-Väter, ebenso wie der frühere Präsidialamtskorrespondent Mike Allen und Roy Schwartz aus dem Management des Magazins. Das von Axios angepriesene Motto der „Klugen Kürze“ beschreibt, was die Website besser machen will als andere Medien: klare Aussagen statt Geschwafel, das Wichtigste in Kürze statt langatmiger Erklärungen. Eben nur Dinge, die der Aufmerksamkeit des Lesers würdig sind.

Noch sind die Newsletter kostenlos

Abonnenten können zehn unterschiedliche Axios-Newsletter aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Technologie und Gesundheit für ihr E-Mail-Fach bestellen. Alle Inhalte sind auch für Nicht-Abonnenten auf der Internetseite gratis – noch. In Zukunft sollen die Newsletter kostenpflichtig werden; in einigen Berichten ist von 10 000 Dollar im Jahr die Rede. Bis es so weit ist, finanziert sich Axios mithilfe von Werbung und aus Zuschüssen mehrerer Großunternehmen. Unter den Geldgebern ist Koch Industries, die Firma der schwerreichen Brüder Charles und David Koch, die als Sponsoren erzkonservativer Politiker über viel Einfluss verfügen.

Dennoch versteht sich Axios nicht nur als unabhängiges Medium, sondern als besserer Nachrichtenlieferant als alle anderen. Insgesamt seien die Medien „kaputt“ und häufig schlicht und einfach „Betrug“, heißt es bei Axios. Die allermeisten Zeitungen und Fernsehsender seien gegen Trump eingestellt. Das größte Problem liege darin, dass „Journalisten für Journalisten“ schrieben statt für den Leser, sagte VandeHei im vergangenen Jahr. Viele Artikel seien schlicht zu lang.

In der Kürze liegt die Würze, schließt Axios daraus und verspricht, sich auf das Wichtigste zu konzentrieren. Die Beiträge der Website sind – wie die Briefings für Trump – knapp gehalten, häufig mit „bullet points“ geordnet und zur schnellen Orientierung mit Hinweisen wie „Warum das wichtig ist“ versehen. Der gestresste Manager soll sich kurz informieren und trotzdem die Schlüsselinformationen mitnehmen können. Axios und Trump seien wie füreinander geschaffen, schrieb Alex Shephard, Nachrichtenchef des Magazins „New Republic“.

Kritiker sind sich nicht sicher, dass Axios den hohen Ansprüchen gerecht wird. Zwar machte das junge Medium bereits mit Exklusivgeschichten auf sich aufmerksam. So vermeldete Axios vor allen anderen die Entscheidung Trumps zum Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen. Auch ist die Verbindung zu mächtigen Unternehmern an sich kein Hindernis für guten Journalismus. Die angesehene „Washington Post“ gehört dem Milliardär und Amazon-Chef Jeff Bezos.

Die Rolle des Stenografen

Problematisch sind andere Dinge. So betonte die „Washington Post“ in einer Erwiderung auf den Axios-Vorwurf der Voreingenommenheit der Medien gegen Trump, wenn der Präsident damit prahle, fremden Frauen zwischen die Beine zu greifen, seien nicht die Berichte über diese Aussage feindselig, sondern die Aussage selbst. Im Übrigen hätten wissenschaftliche Untersuchungen ergeben, dass Hillary Clinton ähnlich häufig Gegenstand negativer Berichte im Wahlkampf gewesen sei wie Trump.

Mit dem selbst gewählten Ziel, auf die sorgfältige Einordnung von Neuigkeiten möglichst zu verzichten, setzt sich Axios zudem dem Vorwurf aus, unkritisch nachzuplappern, was die Mächtigen so von sich geben. Gerade in der Einbettung von Äußerungen und Entscheidungen in den richtigen Zusammenhang und in der Analyse der Motivationen der beteiligten Akteure liegt eine Kernaufgabe des Journalismus in der Nachrichtenflut des Internet-Zeitalters.

Axios will davon nichts wissen, sagen Kritiker. Angesichts des Chaos und der vielen Intrigen in Trumps Weißem Haus spiele Axios die Rolle eines „Stenografen“, der die ganze Vielstimmigkeit einfach aufschreibe, schrieb Shephard. Dabei sind angesichts solcher Zustände vor allem Berichterstatter nötig, die aus der korrekten Distanz heraus die Dinge gewichten. Bei Axios aber lande einfach alles im E-Mail-Fach des Abonnenten.