Die Tatwaffe, mit der Sharif die Kurden im Mykonos erschoss. Nowak (2), Polizei, dpa (2), AP, Zeichnungen: Christine Böer
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Mykonos-Attentat vor 25 Jahren Mord im Namen der Mullahs

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Iranische Agenten stürmen ein Restaurant in Berlin, erschießen vier Exilanten. Genau 25 Jahre ist das her. Rekonstruktion eines Verbrechens, das die Weltpolitik erschütterte.

Wenn der Sommer in den Herbst übergeht, sich in Berlin die ersten Blätter färben, wird Parviz Dastmalchi nervös. Je näher der 17. September rückt, desto wilder träumt er. Seit 25 Jahren geht das so. Auch wenn die nächtlichen Bilder heute nicht mehr so aufwühlend sind wie in den Neunzigern. In seinen Träumen damals raste Dastmalchi über die Autobahn, auf der sich plötzlich Blöcke türmen, er kann nicht bremsen – und wacht im Moment des Aufpralls auf. Oder der Traum mit dem Galgen: Dastmalchi im Iran, zum Tode verurteilt, die Schlinge reißt bei der Hinrichtung.

Seinen eigenen Tod träumt man nicht. Der Mensch wacht rechtzeitig auf. Beim Psychologen war Dastmalchi nur einmal. Damals, vor 25 Jahren. „Was sollte der erzählen?“, fragt Dastmalchi. „Ich wusste, was ich erlebt habe.“

Heute weiß nicht nur er es. Parviz Dastmalchi überlebte Berlins erstes islamistisches Attentat. Als Zeuge trat er in einem der weltweit spektakulärsten Prozesse wegen Staatsterrors auf. Und Dastmalchi trug dazu bei, dass der Iran heute kritischer betrachtet wird als damals – ja, dass der Blick auf fundamentalistische Anschläge und konfessionelle Schlachten im Nahen Osten ein anderer wurde. In jenen Tagen rückten auch die Kurden ins öffentliche Bewusstsein. Sie sind daraus, wie aktuelle Nachrichten zeigen, nicht verschwunden.

Am Abend des 17. September 1992 stürmten muslimische Fundamentalisten im Auftrag des Iran das Mykonos. Nowak(2), Polizei, dpa(2), AP, Zeichnungen: Chr. Böer
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Dastmalchi ist ein kleiner, lebhafter Mann mit ergrauten Haaren. Meist trägt er Hemd, manchmal Weste. Im Spätsommer 2017 steht der 68-Jährige wieder an dem Ort in Berlin-Wilmersdorf, mit dem sich der Name eines griechischen Lokals verbindet. Mykonos. Er schaut in die Erdgeschossfenster in der Prager Straße 2. Eine Kita öffnet hier, zu sehen sind Puppen, Kissen, Mini-Stühle.

Nichts erinnert mehr an den 17. September 1992, als Dastmalchi hier auf einem Restaurantstuhl Platz genommen hatte. Das Mykonos wurde von einem iranischen Landsmann betrieben, der griechische Speisen servierte. An jenem Donnerstag hatte er zwei Tische zu einer Tafel für acht Gäste zusammengeschoben. Um 19.30 Uhr kamen die Ersten von ihnen, Kurden aus dem Iran. Darunter der Generalsekretär, der Europa- und der Deutschlandvertreter der Demokratischen Partei Kurdistans im Iran.

Dastmalchi stieß später dazu, er ist Perser. Die acht Männer kämpften gegen die Mullahs, die nach der Revolution 1979 im Iran einen Gottesstaat errichtet hatten. Aus Angst vor Irans Geheimdienst Vevak war der Generalsekretär der Kurdenpartei im Exil oft umgezogen, zuletzt hatte er in Paris gelebt. Dastmalchi, der erst als Student, dann als Flüchtlingsheimleiter mit Frau und Tochter in Berlin gewohnt hatte, war von Mitarbeitern des iranischen Konsulats aufgefordert worden, der Opposition abzuschwören und sich zum Regime zu bekennen. Er lehnte ab. Daraufhin zogen die iranischen Beamten 1981 seinen Pass ein. Er kann bis heute nicht in die Heimat zurück.

An jenem Septemberabend im Mykonos waren die acht Männer dennoch entspannt und voller Hoffnung. Auf dem Tisch standen Grillplatten, Weingläser. Nur Stunden zuvor hatte im Reichstagsgebäude an der ehemaligen Mauer – der Bundestag befand sich noch in Bonn – der 19. Kongress der Sozialistischen Internationale getagt. SPD-Chef Björn Engholm sprach dort mit Sozialdemokraten aus aller Welt, auch mit den iranischen Kurden. Was sie ermutigte, zu glauben, dass die Eliten im Westen sich für den Kampf um einen demokratischen, föderalen Iran interessieren.

Zur selben Zeit besorgten zwei Libanesen in Reinickendorf eine Sporttasche. Abends trafen sie sich mit einem dritten Libanesen im Senftenberger Ring in der Wohnung eines iranischen Studenten. Der war verreist, über den Schlüssel verfügte Kazem Darabi, damals 33 Jahre alt.

Der Iraner lebte seit 1980 in Deutschland. Wochenlang hatte er libanesische Asylbewerber aus Berlin und Westfalen auf das Treffen der Kurden vorbereitet. Zu zweit, zu dritt oder zu viert berieten sich die Männer in Darabis Wohnung in der Detmolder Straße, im „Islamischen Zentrum“ in der Reichenberger Straße und in der Imam-Cafer-Sadik-Moschee in der Koloniestraße. Darabi, stellte das Berliner Kammergericht später fest, galt als „Boss“. Anfang September 1992 flogen zwei weitere Iraner nach Berlin. Den Libanesen stellten sie sich als Sharif und Mohamed vor. Einige der Verschwörer waren zuvor am Kaspischen Meer ausgebildet worden, um im Libanon für die Hisbollah zu kämpfen. Die laizistischen Kurden sind bis heute ihre Feinde.

Das von einem Iraner betriebe griechische Restaurant in Berlin-Wilmersdorf. Nowak(2), Polizei, dpa(2), AP, Zeichnungen: Chr. Böer
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Darabi verbrachte jenen Donnerstag mit seiner Frau und den drei Kindern vorsichtshalber in Hamburg. Als im Mykonos die Gäste eintrafen, erschien als sein Stellvertreter der Iraner Sharif in der Wohnung im Senftenberger Ring. Zunächst befahl er den Libanesen zu beten – als schiitische Muslime huldigten sie den Mullahs im Iran.

Um 21 Uhr klingelte das Telefon im Senftenberger Ring. Es war offenbar der Anruf eines Spitzels – was nie völlig aufgeklärt wurde. Der Unbekannte hatte zuvor verraten, dass sich die Kurden im Mykonos treffen würden, nun gab er das Signal zum Losschlagen. Nach dem Anruf prägten sich die Attentäter noch einmal Porträts der Männer ein, auf die sie im Restaurant treffen würden. Sharif wies zwei Libanesen an, mit einem BMW loszufahren und die eigens besorgten Waffen in der Sporttasche mitzunehmen. Das Auto parkten sie in der Prinzregentenstraße. Der dritte Libanese fuhr mit Sharif in wechselnden Taxis hinterher. In Wilmersdorf angekommen, holte Sharif die Tasche aus dem BMW. Während sein Landsmann mit einem Begleiter im Wagen blieb, gingen sie zu dritt auf das Mykonos zu, einer wachte vor der Tür. Zu zweit traten sie ein. Es war 22.50 Uhr.

„Die Teilnehmer waren gerade beim Essen“, stellte das Gericht fest. „Sie hatten das Nahen der Täter nicht bemerkt.“ Parviz Dastmalchi erfasste die Lage nur instinktiv. „Ich habe mich zu meinem Nachbarn gebeugt, um ihn besser zu verstehen“, sagt Dastmalchi und zeigt an eine Stelle, an der heute Krippenstühle stehen. „Plötzlich tauchte neben mir ein Vermummter auf.“

Das war Sharif, der auf Farsi schrie: „Ihr Hurensöhne!“ Aus der Sporttasche schoss er mit einer Maschinenpistole, Kaliber neun Millimeter, durch den Raum. „Instinktiv stieß ich mich nach hinten“, sagt Dastmalchi. Millisekunden später wäre er getroffen worden, denn Sharif schwenkte die Maschinenpistole. „Der Europavertreter der Partei lag neben mir, sein Mund voller Blut.“

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