Berlin dreht am Rad. Windrad der Stadtwerke in Sputendorf. Foto: promop

Berliner Stadtwerke Regional erzeugter Ökostrom auf dem Vormarsch

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Zwei Jahre nach ihrer Gründung werben die Berliner Stadtwerke jetzt massiv um neue Kunden. Bis 2023 sollen rund 230 Millionen Euro investiert werden – in neue Kapazitäten und in Effizienz.

Berlin hat jetzt noch ein weiteres kommunales Unternehmen, das lustige Sprüche klopft. „Wir sind das Volt!“, tönen die Stadtwerke, und „100 Prozent Haltung – 0 Prozent Spaltung“. Solche Lustigkeit ist insbesondere von BSR und BVG bekannt, aber davon abgesehen liegt der Fall der Stadtwerke komplett anders: Das 2014 gegründete Tochterunternehmen der Berliner Wasserbetriebe (BWB) hat aktuell 17 Mitarbeiter und Hunderte Konkurrenten, die ebenfalls Ökostrom anbieten.

„Power to the People“

Doch jetzt will der Bonsai groß rauskommen. Am Mittwochabend stand der Auftakt zur Werbekampagne („Power to the People“) an. Denn die Stadtwerke haben inzwischen genug Kapazitäten aufgebaut, um knapp 30 000 Berliner Durchschnittshaushalte mit regional erzeugtem Ökostrom zu versorgen. Das Gros stammt von einem knappen Dutzend Windräder im Umland. Hinzu kommen mehr als 130 Solarstromanlagen. 69 davon sind sogenannte Mieterstromanlagen, die mit Wohnungsbaugesellschaften, Genossen- und Eigentümergemeinschaften errichtet wurden. Dabei wird der Strom nicht wie üblich komplett ins allgemeine Netz eingespeist, sondern möglichst direkt von den Hausbewohnern verbraucht. Wenn der Solarstrom nicht reicht, wird das Netz angezapft.

Die Stadtwerke wollen in den nächsten Jahren 230 Millionen Euro investieren

Während der rot-schwarze Senat dem Stadtwerk auf Druck der CDU weder Werbung noch den Zukauf externer Strommengen erlaubt hatte, wurde unter Rot-Rot-Grün das Betriebegesetz entsprechend geändert und Startkapital bereitgestellt. Rund 230 Millionen Euro wollen die Stadtwerke in den nächsten sechs Jahren investieren. Ein Drittel davon soll in die Entwicklung neuer Windkraftprojekte fließen, ein weiteres Drittel ist für Quartierskonzepte mit Mieterstromangeboten eingeplant, 22 Prozent sollen Effizienzmaßnahmen zugute kommen. Letzteres geschieht vor allem mit dem Ziel, die CO2-Bilanz des Landes zu verbessern: Bis 2050 will Berlin klimaneutral sein, was auch einen radikalen Umbau der Energieversorgung bedeutet.

Lokalpatriotismus als Verkaufsstrategie

Zwar wird die weitaus meiste Energie zum Heizen von Gebäuden verbraucht, aber in der CO2-Bilanz von Privathaushalten und öffentlichen Einrichtungen ist der Strom ebenfalls ein bedeutender Posten: Pro Kilowattstunde „Graustrom“ entsteht knapp ein halbes Kilo CO2, was pro Durchschnittsberliner und Jahr fast eine Tonne des Klimagases bedeutet – bei einer Gesamtemission von knapp sechs Tonnen pro Jahr und Einwohner.

Bürgernah wollen die Stadtwerke vor allem dank ihrem Tarif werden: 8,20 Euro Monatsgrundpreis und 25,95 Cent pro verbrauchter Kilowattstunde liegen teils deutlich unter den Tarifen von Platzhirsch Vattenfall und anderen Konkurrenten. In Online-Vergleichsportalen lassen sich zwar noch günstigere Tarife finden, aber gegen die tritt das Stadtwerk mit Lokalpatriotismus an: BWB-Chef Jörg Simon verweist auf „Know-How, Arbeitsplätze und Wertschöpfung bei unseren Partnern und in der Stadt“. Hinzu kommt das Argument, dass lokal erzeugter Strom teuren und landschaftsschädlichen Netzausbau vermeidet.

Zeit für Wachstum

Nutzern von „Mieterstrom“, also Solaranlagen auf Dächern, bieten die Stadtwerke einen noch günstigeren Tarif. Neukundenboni gibt es im Gegensatz zu vielen anderen – kommunalen wie privaten – Stromanbietern zwar nicht, aber einige tausend Kunden haben die Stadtwerke trotzdem schon; unter anderem Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne).

Stadtwerke-Chef Andreas Irmer sah in den anfänglichen Beschränkungen für das Unternehmen nach eigenem Bekunden keinen großen Nachteil: Man habe in Ruhe Kapazitäten aufbauen können, ohne sich mit Altlasten wie schlecht ausgelasteten Kraftwerken herumschlagen zu müssen. Und jetzt kann das Wachstum beginnen, das laut Koalitionsvereinbarung „dauerhaft zu 100 Prozent in öffentlicher Hand“ stattfinden soll. Und falls die Nachfrage das Angebot an „echtem“ Ökostrom übersteigen sollte, dürfen die Stadtwerke – ebenso wie andere Grünstromanbieter – auch Strom aus hocheffizienter, gasbefeuerter Kraft-Wärme- Kopplung anbieten.

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