Begeistert in Venedig. Was früher eine Bildungsreise war, wird Mitte des 20. Jahrhunderts zum Massentourismus. Foto: picture-alliance/ dpap

Tourismusgeschichte Sommerfrische und andere Abgründe

Rüdiger Hachtmann
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Adlige gingen auf Grand Tour, Revolutionsfans besuchten schon seit 1789 Stätten des Umsturzes, Abenteurer vereinnahmen bis heute abgelegene Weltregionen: Die Geschichte des modernen Tourismus ist kein Spaziergang.

Nach der klassischen Definition des Grimmschen Wörterbuchs gilt als „Tourist“ der „Reisende, der zu seinem Vergnügen, ohne festes Ziel, zu längerem Aufenthalt sich in fremde Länder begibt“. Noch nicht mitgedacht haben die Brüder Grimm, dass im Begriff des Touristen wie des Tourismus bereits die Masse mitschwingt, die sich im Reise- und Urlaubsverhalten vom adligen oder bürgerlichen Individuum deutlich abhebt. Die Etablierung der britischen Seebäder, mit denen der moderne Tourismus begann, lag schon ein knappes Jahrhundert zurück, als die Grimms 1838 die Arbeit am Wörterbuch aufnahmen. Und die Eisenbahn als das Verkehrsmittel, das den Massentourismus voranbringen sollte, haben sie noch selber erlebt.

Was den Tourismus seit seiner Entstehung begleitet, ist die Tourismusschelte. Einst wie heute legen viele Touristen Wert auf die soziale Distinktion gegenüber den Touristenmassen. Kritisch sind auch die meisten Versuche, Erscheinungsformen des Tourismus unter ein theoretisches Dach zu fassen. Bis heute einflussreich ist Hans Magnus Enzensberger mit seiner kapitalismuskritischen „Theorie des Tourismus“ von 1958. Enzensberger behauptete, die „Flut des Tourismus“ sei vom Wunsch nach Freiheit getragen, bleibe jedoch zwangsläufig eine vergebliche „Fluchtbewegung aus der Wirklichkeit, mit der unsere Gesellschaftsverfassung uns umstellt“. Denn in der kapitalistischen Warenwelt könne „Freiheit als Massenbetrug“ inszeniert werden.

Ein anderer kulturhistorischer Ansatz ist das Theorem von den touristischen Reisen, deren Hauptinhalt der Symbolkonsum sei. Dies geht auf das Kapitaltauschkonzept Pierre Bourdieus zurück. Demnach ist Symbolkonsum sowohl die Besichtigung von kulturellen Sehenswürdigkeiten, aber auch der Kauf von Souvenirs und anderen Konsumgütern des Gastlandes oder auch exotische oder dramatisch inszenierte Erlebnisse. Zu Hause wird das erworbene symbolische oder kulturelle Kapitel in soziales Kapital verwandelt. Andere Tourismuswissenschaftler haben mit Seitenblick auf den religiös aufgeladenen Prototourismus vor allem des Mittelalters kulturbeflissene Reisende als säkulare Pilger qualifiziert.

Die Sommerfrische ist der klassische Urlaub der Kleinbürger

Alle Tourismustheorien verkürzen und muten oft wie Varianten einer weiterhin allgegenwärtigen Tourismusschelte an. Angesichts der Vielschichtigkeit des Gegenstandes sowie aufgrund der Dynamik, der der Tourismus in den letzten Jahrzehnten unterworfen war, bietet es sich an, den Blick stattdessen auf seine Formen und Phasen zu lenken. Der großbürgerlich und adlig geprägte Individualtourismus entwickelte sich aus der Grand Tour junger Adliger durch Mitteleuropa und Italien, bei der diese nicht nur in die „Etiquette“ der Höfe eingeführt wurden, sondern auch antike Kulturstätten, Kirchen, Klöster, Schatz- und Kunstkammern besichtigten. Die in der Aufklärung aufkommende bürgerliche Bildungsreise diente der Horizonterweiterung im buchstäblichen und übertragenen Sinn. Neben den Stätten antiker Kultur vor allem Italiens, seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch Griechenlands, waren die modernen, für ihre wissenschaftlichen und technologischen Innovationen bekannten englischen Industriestädte attraktive Reiseziele.

Auch der Mitte des 18. Jahrhunderts zunächst in Großbritannien, Ende des Jahrhunderts dann auf dem Kontinent aufkommende mehrwöchige Besuch von Seebädern war ebenso wie die Reise zu Heilquellen im Binnenland und ein längerer Aufenthalt in den Kurorten lange Zeit ein Privileg des Adels und des vermögenden Bürgertums. Ende des 19. Jahrhunderts weitete sich der Bädertourismus zunächst auf die Mittelschichten und im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts schließlich auf Teile der Unterschichten aus. Die „Sommerfrische“ im engeren Sinne war dann ab Ende des 19. Jahrhunderts ein genuin kleinbürgerliches Phänomen. Begünstigt durch eine privilegierte Urlaubsgesetzgebung für Beamte, später auch für Angestellte blieb die Sommerfrische bis Mitte des 20. Jahrhunderts populär. Sie war eine ausgeprägt familiäre Form des Urlaubs in einem ländlichen Umfeld.

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