Das Forschungsteam von Bénédicte Savoy steht auf dem Campus der TU Berlin. Foto: TU Berlin/Phil Derap

Provenienzforschung Eine Berliner Weltgeschichte des Kunstraubs

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Umstrittener Umgang mit Raubkunst: Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy gründet an der Technischen Universität Berlin das Projekt "Translocations".

Die Berliner Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy hat Versäumnisse der Provenienzforschung am Humboldt-Forum scharf kritisiert. Jetzt macht sie sich mit einem Team an der Technischen Universität (TU) auf den Weg, die „Weltgeschichte des Kunstraubs“ zu erforschen. Das auf drei Jahre angelegte Projekt „Translocations“ (Verlagerungen) finanziert Savoy mit ihrem Leibniz-Preis von 2016.

Der mit 2,5 Millionen Euro höchstdotierte deutsche Wissenschaftspreis wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) vergeben, die Ausgezeichneten müssen ihn in ihre Forschung investieren. Savoy ist an der TU Professorin für die Kunstgeschichte der Moderne – und seit März dieses Jahres auch Mitglied des Collège de France in Paris.

Ein digitaler Atlas des Kunstraubs seit der Antike

Bei „Translocations“, das Savoy am Mittwoch vorstellte, soll es um die historischen Grundlagen der Provenienzforschung gehen: Was lösten Verlagerungen quer durch Zeiten und Länder aus? Wie wurden sie wahrgenommen, erinnert und instrumentalisiert? Dazu entsteht ein digitaler Atlas, der Translokationen visualisiert. Eine Bild-Datenbank soll zeigen, wie Wegnahmen, aber auch Rückgaben von Kulturgütern inszeniert und dargestellt wurden.

Der Zeitraum, den „Translocations“ bearbeitet, reicht von der Antike über die Kolonialzeit bis ins 21. Jahrhundert. Im Forscherteam – neben Savoy arbeiten acht Postdocs, vier Doktoranden und Doktorandinnen und drei Masterstudierende mit – sind acht Nationen vertreten. Eine Doktorandin arbeitet am Collège de France und wird dort assoziierte Nachwuchswissenschaftler in das Projekt integrieren.

Öffentliche Museen als politisch-kunstgeschichtliche Unternehmung

Mit dem Vorhaben an ihrer Heimatuni – Savoy kam 2003 als Juniorprofessorin an die TU Berlin – knüpft die 45-jährige Kunsthistorikerin an eines ihrer großen Forschungsthemen an. Schon in ihrer 2009 auf Deutsch erschienenen Dissertation hatte sie sich mit dem französischen Kunstraub in Deutschland während der napoleonischen Besatzung befasst. In der Bundeskunsthalle Bonn kuratierte sie 2010 die große Ausstellung „Napoleon – Traum und Trauma“, es folgte unter anderem eine Pariser Ausstellung zu den Humboldt-Brüdern.

Savoy forschte auch zur umstrittenen Berliner Nofretete-Büste als „deutsch-französische Affäre“. Anlässlich der Verleihung des Leibniz-Preises lobte die DFG, Savoy beleuchte Prozesse des „nation building“ aus der Perspektive der Museums- und Sammlungskultur. Die Entstehung der öffentlichen Museen in Deutschland sehe sie als politisch-kunstgeschichtliche Unternehmung.

Weit über die Erforschung einzelner Objekte hinaus

Entsprechend streng ist Savoys Blick auf das derzeit entstehende Humboldt-Forum. Die zweifelhafte Herkunft vieler ethnologischer Sammlungsgegenstände, die im wiederaufgebauten Berliner Stadtschloss gezeigt werden, würde verdeckt, kritisierte sie in einem viel beachteten Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. Sie begründete damit ihren Rückzug aus der Expertenkommission des Humboldt-Forums. Die Gründungsintendanz widersprach: Über die Herkunft jedes Objekts werde geforscht und informiert. Mit ihrem Projekt an der TU will Savoy nun weit über die Erforschung einzelner Sammlungsgegenstände hinausweisen.

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