verkrampfte Hand Foto: Marcus Krauss, Alamy
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Nervenkrankheit Huntington Wie die Medizin gegen das langsame Absterben des Gehirns kämpft
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Bei ALS funktionierte es nicht. Doch Huntington ist anders

Es gibt nur einen Haken: Der Wirkstoff von Ionis heftet sich sowohl an mutierte als auch an normale Huntington-RNS an. „Beide enthalten die CAG-Wiederholungen“, sagt Patrick Weydt, Landwehrmeyers Mitarbeiter in Ulm. „Und die Antisense-Moleküle sind zu kurz, um zwischen defekter und normaler RNS unterscheiden zu können.“ Für die Behandlung mache das wahrscheinlich keinen Unterschied. Zwar können die Nervenzellen auf das normale Huntingtin nicht verzichten. Doch die Antisense-Moleküle können bestenfalls die Hälfte der Huntington-Übersetzungen verhindern. Damit bleibe zum einen genug normales Huntingtin übrig. Zum anderen werde genug giftiges Huntingtin verhindert.

Ist der Wirkstoff sicher?

Soweit die Theorie, die Praxis ist noch nicht so weit. Und die Patienten wissen, dass sie nicht mit einer unmittelbaren Wirkung rechnen können. „Diese Studie soll zuerst feststellen, ob die Antisense-Wirkstoffe sicher und verträglich sind“, betont Landwehrmeyer. Unterschiedliche Gruppen von Patienten bekommen daher jeweils eine andere Dosis. Einige erhalten gar kein Medikament, damit die Forscher mögliche Nebenwirkungen der Spritze ins Rückenmark (Lumbalpunktion) von denen des Medikaments unterscheiden können. „Der Wirkstoff besteht aus Erbgutbausteinen, die chemisch haltbarer gemacht wurden“, sagt er. Das sei für den Körper ein fremder Stoff. „Wir können nicht ausschließen, dass das Immunsystem einzelner Menschen darauf reagiert. Obwohl das bei den Versuchstieren ausblieb.“

Deshalb werden nur Patienten behandelt, die sich in einer frühen Krankheitsphase befinden. Sie können noch beurteilen, auf welches Risiko sie sich einlassen. Zusätzlich werde die Therapie mit Aufnahmen im Magnetresonanztomographen überwacht. Die Forscher wollen sicher sein, dass es durch die Therapie nicht zu Entzündungsreaktionen im Rückenmark kommt. „Dafür müssen die Patienten in der Lage sein, ruhig liegen zu bleiben“, sagt Landwehrmeyer.

Hinweise, dass die Antisense-Methode sicher und verträglich ist, gibt es nicht nur aus Experimenten mit Mäusen und Rhesusaffen. Antisense-Wirkstoffe wurden bereits bei rund 100 Patienten mit Amyotropher Lateralsklerose (ALS) eingesetzt, jener hirnzerstörenden Krankheit, an der der britische Physiker Steven Hawking erkrankt ist. Auch hier produziert die Zelle fehlerhafte Proteine, deren Nachbildung blockiert werden soll. Doch wahrscheinlich wird ALS nicht allein durch ein Eiweiß ausgelöst; die Therapieversuche hatten bislang keinen durchschlagenden Erfolg. Huntington dagegen ist eine Erkrankung, der ein einziger Gendefekt zugrunde liegt.

Behandeln, bevor es zu Schädigungen kommt

„Die Wirkung auf den Krankheitsverlauf hängt davon ab, welche Teile des Gehirns das Mittel erreicht“, sagt Landwehrmeyer. Rückenmark, Hirnstamm und -rinde sollten von den Antisense-Molekülen durchsetzt werden. „Alle Symptome, die auf eine Beeinträchtigung dieser Bereiche zurückzuführen sind, könnten sich bessern.“ Unsicher ist er, ob es das Mittel bis zu den Basalganglien schafft, jenen tief im Gehirn gelegenen Kernen, die die Willkürmotorik steuern. Sie sind bei Huntington besonders gefährdet.

„Von den Versuchen mit Nagern wissen wir, dass es etwa vier bis sechs Wochen dauert, bis die Antisense-Moleküle richtig wirken", sagt Landwehrmeyer. Dann halte die Wirkung aber etwa vier Monate an. Das Mittel wäre also einmal im Vierteljahr nötig. Über einen Preis denke noch niemand nach. Er werde sicher hoch sein, meint der Arzt. „Das ist gerechtfertigt. Schließlich reißt Huntington die Menschen aus der Blüte ihrer Arbeitsfähigkeit und zerstört mitunter ganze Familien.“

Es gibt derzeit noch andere vielversprechende Wirkstoffe. Laquinimod, Pridopinin und PF-02545920, ein Wirkstoff der Firma Pfizer, können zumindest die Symptome lindern, sagt der Neurologe. Das Pfizer-Mittel beispielsweise hemme das Enzym Phosphodiesterase 10, das bei Huntington-Patienten zu aktiv ist und deshalb überschießende Nervenzellimpulse auslöst. „Wenn sie funktionieren, könnten wir sie mit der ursächlichen Antisense-Therapie kombinieren.“ Ob sich die Huntington-Schäden im Gehirn, die sich über Jahrzehnte angehäuft haben, mit einem Wirkstoffcocktail rückgängig machen lassen, weiß der Arzt nicht. „Bei Huntington-Mäusen bilden sich die Symptome teilweise zurück, sowohl im Verhalten als auch auf Ebene der Nervenzellschäden.“ Er hofft, dass das beim Menschen ähnlich ist.

Eine Antisense-Therapie würde am ehesten jenen Patienten nützen, die noch gesund sind. „Etwa zehn Jahre vor dem Ausbruch der Krankheit mit Mitte 40 kommt es zu ersten Schädigungen im Gehirn“, sagt Landwehrmeyer. „Das wäre ein guter Zeitpunkt für den Beginn einer Therapie.“ Mit dieser Perspektive wäre auch Wexlers Gentest für die betroffenen Familien endlich sinnvoll.

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