Gedenkstätte Deutsche Teilung an der A2 bei Marienborn Foto: picture-alliance /dpa/dpaweb
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Jugendliche und SED-Diktatur Wie die Schule Rechtspopulismus begegnen kann

Jens Hüttmann Anna Arnim-Rosenthal
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Jugendliche können aus der Geschichte von Diktaturen lernen. Sie müssen angeleitet werden, Quellen jeder Art einordnen zu können, erklären unsere Gastautoren.

Als vor einiger Zeit Plakate und Stempeldrucke mit der Aufschrift „Stasi 2.0“ in Deutschland auftauchten, war die Empörung groß. Während Datenschützer und Überwachungsgegner mit dem Begriff gegen Online-Durchsuchungen, Vorratsdatenspeicherung und Einschränkungen der Informationsfreiheit protestierten, werteten Kritiker „Stasi 2.0“ als Relativierung der SED-Diktatur.

Eine Gleichsetzung der Methoden der Staatssicherheit etwa mit denen der NSA vernebele die Unterschiede zwischen Diktatur und Demokratie. War diese Initiative von mutmaßlich jungen Leuten also ein Ausdruck ihres Unwissens über die jüngste deutsche Geschichte?

Schüler leiden unter „historischem Analphabetismus“

Die Klagen sind bekannt: Schüler leiden unter „historischem Analphabetismus“. Folgt man Umfrageergebnissen, sind jungen Menschen in Deutschland nur wenige Fakten der Geschichte von Demokratie und Diktatur nach 1945 bekannt. Lediglich 45 Prozent der nach 1990 Geborenen wissen etwa, dass der 8. Mai 1945 der Tag der bedingungslosen Kapitulation Nazi-Deutschlands ist. Ob Erich Honecker, Willy Brandt oder Wolf Biermann Staatspräsidenten der DDR, Bundeskanzler, SED-Generalsekretäre oder Oppositionelle waren – die Jugendlichen sind sich unsicher.

Auch sind Schüler offenbar nur selten in der Lage, zwischen einer parlamentarischen Konkurrenzdemokratie und der Einparteienherrschaft der SED zu unterscheiden. So werden neben Wissensdefiziten auch Deutungsprobleme sichtbar, die in den Köpfen von Schülern Nostalgie, Verklärung und Mythen über die DDR („Sozialstaat DDR“ oder „Die Stasi dominierte alles!“) entstehen lassen.

Nach der deutschen Einheit hat es etwa zehn Jahre gedauert, bis die Schul- und Kultusministerien die Lehrpläne für das historische Lernen in West- und Ostdeutschland an die Überwindung der Zweistaatlichkeit angepasst hatten. Während noch 1998 zu beobachten war, dass die Vorgaben für Lehrkräfte teilweise aus der Zeit der deutschen Teilung stammten, existieren heute keine Curricula mehr, in denen die deutsche Zeitgeschichte nach 1945 nicht vorkommt.

Unzählige Angebote zur Geschichte der Bundesrepublik und der DDR

Zudem setzt sich für die Gymnasien seit einigen Jahren das Zentralabitur durch. Aus der Steuerungsperspektive erscheint dies wesentlich wirkungsvoller als die Lehrpläne. Was in Abschlussprüfungen jeglicher Schulform behandelt wird, muss vorher auch Unterrichtsgegenstand gewesen sein. In den vergangenen fünf Jahren integrierte etwa die Hälfte aller Länder Abituraufgaben, die sich mit der deutschen Zeitgeschichte nach 1945 auseinandersetzten.

Auch die Schulbücher haben sich dem internationalen Forschungsstand angenähert. Die Geschichten der Bundesrepublik und der DDR werden in der Regel nicht mehr getrennt, sondern gemeinsam dargestellt. Schließlich ist eine nahezu unüberschaubare Sammlung didaktischer Lernmaterialien entstanden, es gibt unzählige Fortbildungsangebote und Projekte auch außerschulischer Bildungseinrichtungen.

Die Neugier der Jugendlichen nutzen, um ihre Urteilskraft zu stärken

Insgesamt sind die Rahmenbedingungen, besonders im Vergleich zu anderen Ländern, nicht so schlecht, wenngleich von nahezu allen Akteuren zu Recht moniert wird, dass ein bis zwei Wochenstunden zu wenig Zeit für den Geschichtsunterricht bedeuten. Hoffnungsvoll stimmt auch ein anderes Ergebnis der Schülerumfragen, das häufig unter den Tisch fällt: Die Schüler würden gern mehr erfahren, etwa über die Friedliche Revolution von 1989/1990, aber auch über die Alltags- und Sozialgeschichte der DDR. Wie also kann diese Neugier genutzt werden, um die historische Urteilskraft von Jugendlichen zu stärken?

Das Interesse junger Leute wird vor allem dann nachhaltig gestärkt, wenn die Zeitgeschichte mit Fragen und Problemen unserer Gegenwart und Zukunft konfrontiert wird. Dieser Wunsch nach mehr Gegenwartsorientierung wird umso verständlicher, als einige Bildungspolitiker angesichts von Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte, dem Wahlerfolg rechtspopulistischer Parteien und der wachsenden Anhängerschaft rechtsextremer Bewegungen die These vertreten, dass die historisch-politische Bildungsarbeit in Ostdeutschland gescheitert sei.

Geschichte der SED-Diktatur zeigt, wer wirklich Büttel des Systems war

Diese Einschätzung geht zu weit. Die Ursachen aktueller Gefährdungen der Demokratie können nicht allein mit einem mutmaßlichen Scheitern historisch-politischer Bildung begründet werden. Sehr wohl aber bietet ein Unterricht, der ein kritisches Geschichtsbewusstsein zum Ziel hat, wie der Historiker Martin Schulze-Wessel kürzlich im Tagesspiegel betont hat, Anknüpfungspunkte zur Auseinandersetzung mit Populismus und Extremismus.

Denn die Antidemokraten eint ihre antipluralistische Grundhaltung: Wer anderer Meinung ist und sich ihnen und ihrem Alleinvertretungsanspruch entgegenstellt, wird den „Alt-Parteien“, der „Lügenpresse“ und dem verachteten „Establishment“ zugeschlagen. Demokratie und Pluralität gehören aber zusammen. Um es mit Jürgen Habermas zu formulieren: Das Volk „tritt immer nur im Plural auf“.

Wenn also Rechtspopulisten und Rechtsextreme die Medien als „Lügenpresse“ an den Pranger stellen, wenn Wahlen als „Zettelfalten“ denunziert werden, dann zeigt die Geschichte der SED-Diktatur, dass im Gegensatz zur heutigen Situation Medien und Parteien tatsächlich bloße Büttel des Systems waren.

Warum "Auch wir sind das Volk" besser wäre

Viel Potenzial für gelingende historische Aufklärung bietet die Auseinandersetzung mit dem Slogan „Wir sind das Volk“, den die Demonstranten von Pegida reanimiert haben. Hier lässt sich im Schulunterricht anknüpfen. Als die Menschen in der DDR im Herbst 1989 die Machthaber mit dieser Losung konfrontierten, warfen sie keinen populistischen Satz in den Raum, sondern wehrten sich gegen den Alleinvertretungsanspruch einer Partei, der in Demokratien nicht existiert. Dagegen wäre die Einschränkung „Auch wir sind das Volk!“ ein legitimer zivilgesellschaftlicher Anspruch.

Jugendliche stehen bei einem Besuch der Gedenkstätte Hohenschönhausen auf einem Hof. Foto: Christian Ditsch/imago/epd
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Es reicht nicht allein, Demokratie „mit der Macht der historischen Fakten“ (Martin Schulze-Wessel) vor der Folie von Diktaturen zu erklären. Demokratie sollte nicht nur äußerer Unterrichtsgegenstand sein, sondern muss auch in den angewandten Methoden zum Ausdruck kommen. Dann zeigt sich, dass die Zeitgeschichte nach 1945 in hervorragender Weise geeignet ist, die demokratischen Prinzipien der Kontroversität, Multiperspektivität und Schülerorientierung zu fördern. Demokratie ist nicht nur Gegenstand, sondern Prinzip historischen Lernens.

Rechtsextreme Jugendliche, die ihr Wissen antidemokratisch nutzen

Selbstverständlich birgt die Gegenwartsorientierung die Gefahr, Geschichte zu instrumentalisieren. Bildungsforscher verweisen darauf, dass der kausale Zusammenhang zwischen den Kenntnissen und den Einstellungen eines Menschen empirisch schwer nachweisbar ist. Ein Mehr an Wissen führt nicht automatisch zu politisch und sozial erwünschten Geschichtsdeutungen. Dies illustriert das Beispiel rechtsextremer Jugendlicher, die häufig ein vergleichsweise großes Wissen und Interesse an historischen Themen besitzen und es dennoch antidemokratisch nutzen.

Aus diesem Grund müssen Schüler die Kompetenz erlangen, Quellen jeder Art – ob im Internet oder im Schulbuch – zu kritisieren und einzuordnen. Gerade die sozialen Medien verbreiten alle möglichen „Fakten“, die auf ihren Realitätsgehalt überprüft werden müssen, um falsche historische Bezüge und Analogien zu entlarven.

Durch kritische Urteilskraft entstehen Erzählungen

Schüler sollten dazu befähigt werden, sich mit Geschichte und Geschichten auseinanderzusetzen, die ihnen außerhalb der Schule tagtäglich begegnen – im Fernsehen, in der Presse, in Museen, Gedenkstätten, Ausstellungen, in der Nachbarschaft und in öffentlichen Debatten. Durch kritische Urteilskraft entstehen, wie der Geschichtsdidaktiker Hans-Jürgen Pandel formulierte, in den Köpfen der Schüler Erzählungen, keine Jahreszahlen.

So gesehen reicht es nicht, die Stasi-2.0-Aktion als Zeichen des Unwissens junger Menschen zu interpretieren. Sie hat Potenzial zur Steilvorlage für historisches Lernen im Schulunterricht.

Die Autoren sind Mitarbeiter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Im September ist ein Sammelband zum Thema erschienen: Jens Hüttmann und Anna von Arnim-Rosenthal (Hg.): Diktatur und Demokratie im Unterricht: Der Fall DDR. Metropol Verlag, Berlin 2017, 285 S., 19 Euro.

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