Atahualpa, der letzte Herrscher des Inkareichs, nach seiner Hinrichtung 1533 durch die Spanier. Gemälde aus dem 19. Jahrhundert von Luis Montero. Foto: Wikipedia
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Amerika vor Kolumbus Der unterschätzte Kontinent

Matthias Glaubrecht
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Die Neue Welt war ein hoch entwickelter Erdteil – erst Europas Seuchen führten zum Untergang der Kulturen.

Alles endete und begann, als die Alte Welt der Neuen begegnete. Binnen kürzester Zeit ging eine über Jahrtausende währende Ära zu Ende, einerseits. Andererseits entstand jene Welt, in der wir heute leben. Jener Moment im Oktober 1492, in dem Christoph Kolumbus auf der kleinen Karibikinsel Guanahani den sandigen Strand und damit die Neue Welt betritt, markiert die wohl wichtigste Zeitenwende in der jüngeren Geschichte.

Mit Kolumbus und den ersten noch irrlichternden Fahrten der Spanier quer durch die fremdartige Inselwelt der Karibik und entlang der angrenzenden Küsten des amerikanischen Kontinents wurden nicht nur neue Seewege und Länder entdeckt. In Kolumbus’ Gefolge bereiteten die europäischen Konquistadoren und Kolonisten den Boden, der eine neue Welt entstehen ließ. Was bisher oft verkannt wurde: Die Entdeckung Amerikas sorgte vor allem für den rasanten Untergang jener Alten Welt, die diesen Doppelkontinent lange ausmachte.

Amerika war leer und unberührt - so der Mythos

Bis heute gehört es zum Mythos einer auf Europa zentrierten Geschichtsschreibung, anzunehmen, dass die jenseits der Ozeane liegenden Kontinente – allen voran Amerika, aber auch Australien – leere und von menschlichen Einflüssen lange weitgehend unberührte Regionen waren. Tatsächlich hat das vorkolumbische Amerika deutlich anders ausgesehen, als man es sich bislang vorstellte.

Auch die Alte Welt hat sich verändert, kaum dass die Neue Welt entdeckt war. Tabak und Mais, Kartoffel und Kautschuk, Chili und Silber kamen aus Südamerika nach Europa und Asien. Doch weit mehr noch ging mit Kolumbus’ Ankunft in Amerika eine für Millionen von Menschen vertraute Welt unter. Der sachkundige amerikanische Wissenschaftsjournalist Charles C. Mann skizziert in seinem preisgekrönten Buch „1491“, das basierend auf einer überarbeiteten Neuauflage auch auf Deutsch als „Amerika vor Kolumbus“ erschienen ist (Rowohlt Verlag, 720 Seiten, 29 € 95), ein beeindruckendes Porträt des präkolumbischen Kontinents und eröffnet dabei überraschende Einblicke in die Lebensweise der amerikanischen Ureinwohner.

Mann erzählt die Geschichte dieses Kontinents und seiner indigenen Bevölkerung entlang dreier Thesen. Erstens wurde Amerika sehr viel früher besiedelt als angenommen; mithin sind die indianischen Kulturen sehr viel älter als vermutet. Zweitens waren die beiden Amerikas deutlich dichter besiedelt, die Ureinwohner wesentlich zahlreicher; vermutlich lebten auf dem gesamten Doppelkontinent vor der Ankunft der Kolonisten viele Millionen Menschen, mehr als im damaligen Europa. Und drittens waren die indigenen Kulturen wesentlich weiter entwickelt und wohl auch sehr viel besser an ihre Umwelt angepasst; wobei sie ganze Landschaften formten.

Lange vor den Spaniern gab es viele hoch entwickelte Kulturen

Tatsächlich finden Forscher auf dem Doppelkontinent, im Süden der USA ebenso wie in Amazonien, immer mehr Hinweise dafür, dass Amerika nicht erst nach dem Ende der letzten Eiszeit vor 10 000 bis 12 000 Jahren, sondern bereits mehrere tausend Jahre früher besiedelt wurde. Noch folgenreicher dürfte gewesen sein, dass der Kontinent vor der Ankunft Kolumbus’ insgesamt von bis zu 100 Millionen Menschen besiedelt war. Lange bevor etwa das Inkareich von den Spaniern vernichtet wurde, existierte in Flusstälern und an den Wüstenrändern im Norden und Süden Perus bereits eine Vielzahl unterschiedlicher, hoch entwickelter Kulturen mit reicher Bevölkerung.

Während der letzten Jahrzehnte haben Archäologen nicht nur die Anfänge dieser vorkolumbischen Zivilisation beständig weiter nach vorn verlegt und immer wieder unter Hügeln aus Sand, Geröll und Schutt Stufenpyramiden freigelegt. Darunter sind Zeugnisse prähistorischer Metropolen mit monumentalen Tempelkomplexen, die bereits vor mehr als 5000 Jahren existierten, also noch vor den Pyramiden in Ägypten.

Archäologische Funde im Amazonasbecken zeigen, dass selbst diese Urwaldregion keineswegs ohne kulturelle Siedlungsgeschichte war. Vielmehr dürften allein in Amazonien schätzungsweise fünf bis sieben Millionen Menschen gelebt haben. Vorkolumbische Ackerbaukulturen haben bereits vor 3500 Jahren auch dort innovative Landbewirtschaftungsformen hervorgebracht, die große und vernetzte Siedlungen erlaubten, mit einer offenbar hierarchischen, sicher aber arbeitsteilig organisierten sesshaften Bevölkerung.

Schon die Ureinwohner rodeten den Urwald - mit Feuer

Ebenso wichtig ist die neue Erkenntnis, dass diese Ureinwohner am Amazonas und anderswo die Regenwälder über lange Zeit brandrodeten und so erheblich veränderten. Als Kolumbus die Neue Welt betrat, war diese längst keine unberührte Wildnis mehr. Keineswegs also waren Amerikas Ureinwohner vorbildlich ökologisch.

Statt nomadisch abhängig von der Großwildjagd zu sein, lebten sie auf regelrechten Farmen. Sie erbauten und bevölkerten einige der größten und reichsten Städte der Welt, nicht nur in den Anden und in Mittelamerika. Vielerorts haben sie ihren Lebensraum – insbesondere jene von den europäischen Kolonisten für unberührt gehaltenen Urwälder – entscheidend geprägt und so eine blühende Kulturlandschaft gestaltet.

Sogar die vermeintlich undurchdringliche Wildnis des Amazonas-Regenwaldes könnte ein Kunstprodukt sein. Archäologen sehen darin immer häufiger ein Mosaik vom Menschen geschaffener oder wenigstens beeinflusster kleinräumiger Landschaften mit hoher Artenvielfalt vor allem von Nutzpflanzen.

Die dichte Besiedlung ließ fruchtbare Böden entstehen

Mehr als 83 Pflanzenarten, darunter neben vielen Palmenarten insbesondere Ananas, Mais, Maniok, Süßkartoffel, Tabak und sogar Kakao wurden angebaut; letzterer in Ecuador bereits vor 5300 Jahren und damit 1500 Jahre früher als in Mexiko. Infolge der über Jahrhunderte dichten Besiedlung und des Anbaus bestimmter Pflanzen entstanden, vor allem entlang der Hauptströme und der großen Nebenflüsse des Amazonas, dicke Schichten außergewöhnlich fruchtbarer schwarzer Böden, die stellenweise mit Scherben von Töpferwaren, Speiseresten und Holzkohle gespickte terra preta inmitten karger Urwaldböden.

In mancher Hinsicht waren die vorkolumbischen indianischen Kulturen weiter entwickelt als die europäischen Gesellschaften ihrer Zeit. Forscher entdecken, dass die Hochkulturen von Zentralamerika bis in die Anden eine Agrikultur besaßen, die dank eines effektiven Anbaus etwa von Mais Überschüsse produzierte und eine Bevölkerungsdichte ermöglichte, die in Europa undenkbar war. Und dies weitgehend ohne Nutztiere, die so lange als Maßstab für höhere kulturelle Entwicklung galten.

Zugrunde gegangen sind diese Zivilisationen nicht durch die Gewehre der Eroberer aus der Alten Welt, sondern an Seuchen. Eingeschleppt von den Europäern, breiteten sich diese nach den ersten Kontakten in verheerender Weise aus. Gegen die in der Neuen Welt neuartigen Krankheiten wie Grippe, Hepatitis, Typhus, Masern und vor allem die grassierenden Pocken hatten die Ureinwohner Amerikas keinerlei Resistenzen. Die Epidemien erlaubten überhaupt erst einer Handvoll Bewaffneter die Kolonisierung eines ganzen Kontinents, und sie lösten die größte demografische Katastrophe der Menschheit aus. Schätzungsweise zwischen zwei Drittel und bis zu 90 Prozent aller Ureinwohner in Nord-, Mittel- und Südamerika wurden dahingerafft. Im 15. und 16. Jahrhundert wurden ganze Landstriche entvölkert.

Ein globaler Austausch von Pflanzen, Pilzen und Parasiten

Welche Kettenreaktionen die Eroberung Amerikas außerdem hatte, erzählt Charles Mann im „1493“ betitelten follow-up seines ersten Bucherfolgs. Als „Kolumbus’ Erbe“ bereits zuvor auch auf Deutsch erschienen (Rowohlt Verlag, 816 Seiten, 34 € 95), führt das Buch die ökologischen, ökonomischen und sozialen Folgen vor Augen. Die Überquerung des Atlantiks, später des Pazifiks änderte Lebensgemeinschaften und Lebensgewohnheiten überall auf der Erde; sie führte zu einer Angleichung der Welt.

Charles Mann schildert die Verflechtungen und Facetten dieses globalen Austausches von Pflanzen, Pilzen, Parasiten und Viren, von Waren und Wissen. Und das unterfüttert mit einer beeindruckenden Fülle von Fakten, vor deren Hintergrund er seine Thesen vom ökologischen wie ökonomischen Kosten und Nutzen dieser frühen Globalisierung ausbreitet. Beide Bücher zusammen sind spannende Lektüre gerade für jene Generation moderner Globetrotter, die sich leichter als jede andere seit Kolumbus’ Zeiten überall auf der Welt zu Hause fühlt.

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