Wütend. Mitarbeiter von Siemens protestieren in Berlin gegen den geplanten Stellenabbau. Foto: REUTERS/Pawel Kopczynski
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Stellenabbau in Berlin Angst und Zorn bei den Siemens-Mitarbeitern

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Siemens will 870 Stellen in Berlin streichen. Das treibt die Menschen auf die Straße. Für viele steht die Existenz auf dem Spiel.

Die Wut kocht schon hoch, bevor die meisten überhaupt zur Kundgebung gekommen sind. Die ersten IG-Metaller stehen vor der Hauptverwaltung von Siemens, rollen ihre Banner aus. Auf einem steht: „Für augenblicklichen Gewinn verkaufe ich die Zukunft nicht.“ Das hat Werner von Siemens vor gut 130 Jahren gesagt. Jetzt allerdings tue die Konzernspitze genau das. So sehen es die meisten der Anwesenden. Zwei ältere Herren mit Schnurrbärten und Fleecejacken unterhalten sich, einer flucht: „Scheißhauswirtschaft“. „Menschenverachtender Kapitalismus“, entgegnet der andere laut genug, dass es alle Umherstehenden hören können.

Bis ins Gebäude dringt das nicht. Nicht bis zu den Managern und Personalentscheidern, auf die hier alle so wütend sind. Die Protestierenden haben Verstärkung mitgebracht. Etwa 750 Siemens-Angestellte, Metaller und Mitarbeiter von BMW, MAN und die ebenfalls von Arbeitslosigkeit bedrohten Kollegen von Ledvance sind an diesem Freitag pünktlich um zehn Uhr über die gesperrte Nonnendammallee vor die Tore der Hauptverwaltung gezogen – lautstark pfeifend, trötend und rufend. Sie gehen auf die Straße, weil der Industriekonzern fast 900 Stellen in Berlin streichen will.

Betroffen sind das Gasturbinen- und das Dynamowerk, in dem künftig nur noch geplant und verkauft, aber nicht mehr produziert werden soll. 11.500 Beschäftigte hat Siemens in Berlin – an dem Ort, an dem der Konzern einst gegründet wurde. Nun soll jede elfte Stelle verschwinden. Das treibt nicht nur die Beschäftigten auf die Straße, auch die Berliner Industrie- und Handelskammer trauert um die verlorenen Industriestellen.

Viermal wechselte der Werksleiter in den vergangenen vier Jahren

Auch andere Standorte trifft es hart, vor allem Sachsen. Die Werke in Leipzig und Görlitz sollen ganz dicht gemacht werden. Der Ost-Beauftragten der Bundesregierung, Ines Gleicke, macht das Sorgen. „Standortschließungen und betriebsbedingte Kündigungen wären für Ostdeutschland verheerend“, sagte Gleicke am Freitag und forderte Siemens auf, einen „fairen Interessenausgleich“ zu vereinbaren.

Doch hätte es überhaupt so weit kommen müssen? Predrag Savic, Betriebsratsvorsitzender im Dynamowerk in Berlin, hält das Management für schuld. Misswirtschaft, mangelndes Know-How, ständig wechselnde Führungskräfte. Allein in den vergangenen vier Jahren seien vier Werksleiter gekommen. „Der erste konnte es nicht, der zweite durfte nicht, der dritte hat nur gut geredet und vom vierten weiß ich noch gar nicht, was ich von ihm halten soll“, sagt Savic.

Geschichten von Negativbeispielen hört man an diesem Tag genug. Auch Tagesspiegel-Leser melden sich zu Wort. Einer berichtet von drei Mitarbeitern, die an ihrem ersten Arbeitstag die Kündigung bekommen hätten. Das Management habe sich kurzfristig entschieden, eine neu geplante Abteilung doch nicht zu öffnen. Sie sollte ausgerechnet den Namen „Future Labs“ tragen.

In Sorge: Sabrina Schulz. Foto: Vooren
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Zwischen all den Bannern, Overalls und Trillerpfeifen vor der Nonnendammallee steht Stephan Manthei. Der 31-Jährige ist seit 15 Jahren als Dreher bei Siemens. Er fühlt sich schmerzhaft zurück erinnert an die Phase vor drei Jahren, als schon einmal Jobs gestrichen wurden. „Damals haben wir dafür Geld gelassen, dass Jobs erhalten bleiben können. Wir nahmen Lohnkürzungen hin.“ Er dachte, das Werk sei nun so gut aufgestellt, dass so schnell nichts zu befürchten sei. Wütend ist er, trotzdem will er nicht aufgeben. „Die Hoffnung stirbt nie“, sagt er.

Für viele der Beschäftigten geht es um die Existenz

Auch die Politik ist an diesem Freitag gekommen, um sich an die Seite der Belegschaft zu stellen. Kai Wegner von der CDU spricht, Senatskanzleichef Björn Böhning (SPD) versichert, die Politik habe eine „Standleitung in die anderen Bundesländer“, die ebenfalls vom Jobabbau bedroht sind. Man werde sich nicht gegeneinander ausspielen lassen, verspricht Böhning. „Strukturwandel heißt nicht, Strukturen zu zerstören.“

Sabrina Schulz ist eine von denen, die abhängig sind von diesen Strukturen. Seit mehr als fünf Jahren arbeitet sie in der Konstruktion bei Siemens. Bevor am Donnerstag die schlechte Nachricht offiziell überbracht wurde, habe es schon wochenlang Gerede gegeben. Jeden Tag kam sie mit diesem mulmigen Gefühl ins Werk, versuchte, ihre Arbeit trotzdem so gut wie möglich zu machen. „Ich arbeite doch gern für Siemens“, sagt die junge Frau. Trotz der zuletzt meist schlaflosen Nächte. Vor anderthalb Jahren hat sie ein Haus gekauft, und nun?

Neben Schulz steht ihre Kollegin Karolin Kleinert. Die 30-Jährige wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. „Ich bin nah am Wasser gebaut, seit ich schwanger bin“, stellt sie fest. Zurzeit ist sie in Mutterschutz. Sie hätte sicher anderes zu tun, als in den Arbeitskampf zu gehen. „Aber was ist, wenn ich wiederkomme? Was bringt es mir, besonderen Schutz zu genießen, wenn ich danach zurückkehren will und nichts mehr habe?“

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