Die Restaurantkette Vapiano ist am Dienstag mit Turbulenzen an die Börse gegangen. Foto: obsp

Neue Börsengänge Deutsche Firmen streben an die Börse - soll man einsteigen?

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Einige deutsche Unternehmen wagen den Gang aufs Börsenparkett – Anlegern bieten sich in diesem Jahr gute Chancen. Aber Vorsicht ist geboten. Es sind auch Verlierer darunter.

Trivago, die Meta-Suchmaschine für Hotels, hat es getan. Der Instant-Fotodienst Snap hat es im März getan, Sixt Leasing, Hapag Lloyd, Zalando oder Scout24 ebenfalls. Mit der Restaurant-Kette Vapiano am Dienstag, dem Lieferdienst Delivery Hero, dem Fintech Nada AG und dem Immobilienentwickler Noratis wagen sich diese Woche nun auch gleich vier deutsche Unternehmen aufs Börsenparkett.

Die Häufung ist dennoch eher Zufall als Symptom. Denn seit 2016 bringen immer weniger Unternehmer in Deutschland Aktien unters Volks. Die Zahl der IPOs (Initial Public Offerings, Börsengänge) ist von 15 im Jahr 2015 auf fünf im Jahr 2016 geschrumpft. 2017 könnten insgesamt wieder 15 Firmen aufs Parkett gehen, schätzt der Unternehmensberater Kirchhoff Consult. Deutschland bleibt damit dennoch ein Zwerg im weltweiten IPO-Markt. Nach Erkenntnissen der Experten der Unternehmensberatung Ernst & Young (EY) gingen im ersten Halbjahr 2017 weltweit 772 Firmen an die Börse, 70 Prozent mehr als im – sehr schwachen – Vorjahr. Mehr als die Hälfte gehen auf das Konto von China und den USA.

Im Fokus der Anleger in Deutschland steht aktuell vor allem Delivery Hero. Am Freitag wird der Essens-Lieferdienst erstmals an der Börse notiert. Die Nachfrage der Anleger sei sehr groß gewesen, sickerte aus Kreisen der Konsortialbanken durch. Die Aktien würden also am oberen Ende der Preisspanne bei 25,50 Euro zugeteilt. Delivery Hero fließt dadurch eine knappe Milliarde Euro zu. Ein Teil des Geldes wird an den Hauptaktionär gehen, die Berliner Startup-Schmiede Rocket Internet. Auch der Onlinehändler Zalando, seit 2014 an der Börse, stammt aus dem Portfolio von Rocket Internet.

Mit The Nada Group AG wiederum geht ein erst 2015 gegründetes Fintech- Unternehmen an den Markt. Anders als sonst meist üblich, gibt es bei Nada kein Bookbuilding zur Preisfindung, sondern das Unternehmen verkauft Aktien ausschließlich an Privatanleger zum Festpreis von 2,60 Euro pro Stück. Ziel ist nicht die Stärkung der Kapitalbasis. Vorstand Benjamin Bilski sieht den Börsengang vielmehr als Werbemaßnahme, die den Bekanntheitsgrad steigern soll. Fintechs nutzen das Internet, um Banken und Versicherungen mit neuen, oft günstigen Plattformen und Software Kunden für Finanzdienstleistungen abzujagen.

Vapiano kann sich nur mit Mühe halten

Die Pizza- und Pasta-Kette Vapiano, die 185 Restaurants in 31 Ländern betreibt, musste bei ihrem IPO kleinere Brötchen backen als Delivery Hero. Nach einer Bookbuilding-Spanne zwischen 21 und 27 Euro wurden die Aktien am unteren Ende für 23 Euro zugeteilt, womit die Anleger mit 184 Millionen Euro deutlich weniger locker machten als vom Unternehmen erhofft. Die Banken, die üblicherweise den Kurs einer Neuemission am ersten Handelstag pflegen, schafften es am Dienstag nicht einmal, die Aktie konsequent über dem Emissionspreis zu halten. Am Mittwoch gelang nach wildem Zickzackkurs zumindest die Rückkehr zu einem Miniplus von zwei Cent über dem Ausgabepreis. Dabei will Vapiano einen Gutteil des Emissionserlöses in den Ausbau des Unternehmens stecken und die Zahl der Restaurants auf 330 erhöhen.

Bei Delivery Hero hingegen, die im vergangenen Jahr knapp 300 Millionen Euro umsetzten und 200 Millionen Euro Verluste schrieben, geht ein Gutteil der IPO-Erlöse nicht in den Ausbau des Geschäfts, sondern an die Alteigentümer beziehungsweise in die Tilgung von Krediten. Bisher hat das Unternehmen bereits 1,75 Milliarden Euro von seinen Investoren und Geldgebern verbraucht. Das Geschäftsmodell von Delivery Hero ist dabei so einfach wie risikoreich: Der Börsenneuling verdient an Provisionen, die die angeschlossenen Restaurants für die Online-Vermittlung über Lieferheld oder pizza.de zahlen. Der Markt wächst rapide, doch mit dem niederländischen Unternehmen Takeaway, das in Deutschland unter der Marke Lieferando bekannt ist, hat Delivery Hero heftige Konkurrenz.

Foodora, gehört zu Delivery Hero, das am Freitag an die Börse geht. Foto: imago/Ralph Petersp

Dass die deutschen Anleger bei Börsenneulingen besonders vorsichtig sind, bekam auch der Immobilienentwickler Noratis zu spüren. Das hessische Unternehmen setzt auf Immobilien abseits der Ballungszentren, will mit einer Aufwertung von Wohnungen in B- und C-Lagen Margen erzielen. Die Anleger sind skeptisch: Noratis wurde nur 920 000 von zwei Millionen Anteilsscheinen los und muss die Aktien zum untersten Niveau der Preisspanne bei 18,75 Euro hergeben. Analysten sehen Immobilien-IPOs durchaus kritisch: zwar sei der Markt aktuell sehr stabil, gerade schlechtere Lagen böten noch Renditen, doch schwebe das Risiko steigender Zinsen über der Branche.

Den Schritt aufs Parkett wagen wollen ab dem zweiten Halbjahr oder später noch eine ganze Reihe weiterer Firmen, etwa der Lkw-Zulieferer Jost, der allerdings nur Profi-Anleger in den Kreis der Anteilseigner aufnehmen möchte. Spätestens zum 100-jährigen Firmenjubiläum 2019, vielleicht früher, will mit Otto Bock auch ein Hidden Champion an die Börse. 1919, kurz nach dem ersten Weltkrieg gegründet, ist das Unternehmen inzwischen Weltmarktführer im Prothesenbau. Seit 1990 stieg der Umsatz von 100 Millionen auf jetzt 1,2 Milliarden Euro.

Keine Prognose möglich

Womöglich im Herbst, spätestens jedoch 2018, könnte zudem der mit acht bis zehn Milliarden Dollar bewertete Musik-Streaming-Dienst Spotify Aktien verkaufen, selbst wenn das Unternehmen immer wieder dementiert. Auch bei der Musikerkennungs-Software Shazam steht ein Börsengang im Raum. Mit dem Interieur-Shop Westwing und dem Lieferdienst für Essens-Zutaten, HelloFresh, plant zudem Rocket Internet, weitere Beteiligungen an der Börse zu vergolden. Die Deutsche Bank wiederum will ihre Fondstochter Deutsche Asset Management (besser bekannt unter dem Namen DWS) an Anleger abtreten.

Ob es für Anleger lohnend ist, sich an einem Börsendebüt zu beteiligen und Aktien zu zeichnen, kann niemand verlässlich prognostizieren. Der Blick zurück zeigt jedoch, dass die meisten Emissionen entweder zu hohen Verlusten oder zu großem Zuspruch geführt haben. So ist Snap seit der Erstnotiz Anfang März um 35 Prozent eingebrochen. Im Minus notiert auch die Ausgliederung des Energiekonzerns RWE, Innogy, die seit Oktober am Markt ist. Zum Anlegerhorror mutierte Windeln.de, ein Münchener Onlineshop für Kleinkinder-Bedarf. Auch Rocket Internet belegt, dass sich nicht jeder Börsengang für die Anleger lohnt. Die Beteiligungsgesellschaft, seit Oktober 2014 an der Börse, hat Erstzeichnern bisher ein Minus von fast 60 Prozent beschert.

Zu den Lieblingen der Anleger gehören stattdessen vor allem große Marken, innovative Geschäftsmodelle aus der digitalen Welt oder auch traditionelle Firmen mit starker Marktposition, beispielsweise Zalando, Osram, Wizz Air, Moncler, Paypal oder auch Covestro.

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