Motor unter Verdacht. Der Dieselantrieb ist in Verruf geraten, Elektromobilität ist angesagt. „ Foto: dpa
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Krise des Diesel Gabriel lehnt einen Ausstieg ab

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Sigmar Gabriel (SPD) lehnt einen Ausstieg aus dem Diesel ab. Industrie und Gewerkschaft üben sich im Schulterschluss..

Die Herren sind sich einig im Saal „Harmonie“ des Frankfurter Congress Centers. Von Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) über Matthias Wissmann, Präsident des Automobilverbandes VDA, IG Metall-Chef Jörg Hofmann, die Chefs von Audi und Daimler, Rupert Stadler und Dieter Zetsche, Wolf-Henning Scheider, Chef des Zulieferers Mahle, bis zu Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht und Achim Dietrich-Stephan, erster Arbeitnehmervertreter bei ZF Friedrichshafen. Einen festen Ausstiegstermin für den Verbrennungsmotor darf es nicht geben, fordern sie bei einem gemeinsamen Kongress von VDA und IG Metall am Dienstag im Rahmen der Internationalen Automobilausstellung IAA. Ebenso wenig Fahrverbote für den Diesel. Und die technische Entwicklung der Auto-Mobilität müsse für alle Optionen offen sein, Autokäufer und Beschäftigte brauchten endlich Sicherheit darüber, welche Antriebstechnologien noch eine Zukunft haben.

„Wer baut die Autos der Zukunft?“, lautete die Frage des Kongresses. Mit Genugtuung vernahmen die Manager, Gewerkschafter und die anwesenden Automobil-Beschäftigten, dass der Vizekanzler dabei voll auf die deutschen Hersteller und ihre Beschäftigten setzt. „Wir müssen aufhören, über Probleme der Diesel von gestern zu reden“, sagte Gabriel. „Wir müssen uns aber mehr anstrengen als früher. Auch das Auto der Zukunft muss aus Deutschland kommen“, sagte der frühere Wirtschaftsminister. Dabei gehe es aber auch um mehr als Autos. „Es geht um Mobilitätskonzepte.“

Elektromobilität steht erst am Anfang

Der Außenminister lehnt mit deutlichen Worten auch den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor ab. „Das ist die falsche Fragestellung.“ Auch mit Fahrverboten komme man nicht weiter, sie wären zudem höchst unsozial, weil sie Menschen treffen würden, die ein Auto brauchen, weil sie sich die hohen Mieten und Immobilienpreise in den Städten und auch ein neues, emissionsärmeres Fahrzeug nicht leisten könnten. Strikte Vorgaben der Politik dürfe es nicht geben. „Wir brauchen einen technologieoffenen Wettbewerb“, sagte Gabriel. Wobei er aber dem Elektroantrieb große Chancen gibt. Im Gegensatz zum Kongress-Mitveranstalter IG Metall sprach er sich aber gegen die Einführung einer „blauen Plakette“ für besonders saubere Autos aus. Das berge Risiken und würde die Verunsicherung der Kunden weiter steigern.

Bei der Elektromobilität steht die Branche nach den Worten von Audi-Chef Stadler erst am Anfang. Es würden aber „gigantische Beträge“ investiert. „Wir sind mit Vollgas in die richtige Richtung unterwegs.“ 2025 werde das Angebot von Audi zu 30 Prozent aus E-Autos bestehen. Nach Angaben von VDA-Präsident Wissmann geben deutsche Hersteller bis 2020 rund 40 Milliarden Euro für die Entwicklung und die Produktion neuer E-Autos aus. Stadler räumte ein, dass die Manager durch die Diesel-Krise „sehr demütig“ geworden seien. Trotzdem müsse man sich jetzt technologieoffen auf die weitere Entwicklung konzentrieren, um auch den Beschäftigten Sicherheit zu geben. Audi hatte jüngst im Kontext des Diesel-Skandals fast den kompletten Vorstand umgebaut, gegen Führungsmitglieder ermittelt die Staatsanwaltschaft. Berichten zufolge belasten Zeugen auch Stadler.

Dessen Forderung nach Technologieoffenheit schlossen sich auf dem IAA- Kongress auch die Betriebsratschefs Brecht und Dietrich-Stephan an. Mahle-Chef Schieder zufolge gehen auch die Zulieferer das Thema Elektromobilität beherzt an. Allerdings sei auch „jedes Gramm CO2, das wir aus dem Verbrennungsmotor herausholen, ein Beitrag zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens“.

Nach Überzeugung von IG Metall- Chef Hofmann müssen sich die deutschen Autofirmen wandeln, vom Fahrzeug-Hersteller zum Anbieter und Dienstleister von Mobilität, um Klima und Umwelt zu schützen, aber auch um die Arbeitsplätze in der Branche zu sichern. Dabei müsse auch die Politik ihren Beitrag leisten, etwa beim Ausbau der Stromnetze, der Speicher-Möglichkeiten und der Lade-Infrastruktur für Elektrofahrzeuge. Mit Blick auf den Wandel bei den Arbeitsplätzen in der Branche sei Unterstützung der Politik notwendig. „Auf den Transformationsprozess sind wir überhaupt nicht vorbereitet.“ Noch nie hat es nach Ansicht von Hofmann eine ähnliche Veränderung in der Automobilindustrie gegeben. Die ist nach Ansicht von Gabriel nur mit den Beschäftigten zu bewältigen. „Sie“, sagt der Außenminister in Frankfurt, „sind die Lösung für die Herausforderungen der Branche“.

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