Ein Airbus A330 der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin. Foto: dpap

Insolvente Fluggesellschaft Air Berlin soll zu großen Teilen an die Lufthansa gehen

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Laut Reuters habe der Gläubigerausschuss am Donnerstagabend entschieden, die Gespräche exklusiv mit der Lufthansa fortzusetzen.

Die insolvente Airline Air Berlin soll zu großen Teilen an die Lufthansa gehen. Diese Entscheidung habe der Gläubigerausschuss am Donnerstag getroffen, erfuhr Reuters von zwei mit den Gesprächen vertrauten Personen. Mit der Lufthansa werde exklusiv bis zum 12. Oktober weiterverhandelt.

Mit der Entscheidung des Aufsichtsrates am kommenden Montag ist das Kapitel Air Berlin noch lange nicht bewältigt. Dann wird sich die Lage nicht sofort klären ist Lufthansa-Chef Carsten Spohr überzeugt. Vermutlich werden sich die Verkäufe von Unternehmensteilen durch den Insolvenzverwalter ist zum Jahresende hinzuziehen. „Allerdings gehe ich von einem Marktaustritt von Air Berlin aus“, sagte Spohr am Mittwochabend in Frankfurt. Die Lufthansa würde für ihre Tochter Eurowings gerne neben den von Air Berlin samt Piloten und Flugbegleitern bereits seit Frühjahr gemieteten 38 Maschinen weitere 20 bis 40 Jets übernehmen. Allerdings hat sie keine Langstrecken-Jets im Blick. Dafür habe man im laufenden Insolvenzverfahren von Air Berlin nicht geboten.

Zugleich betont Spohr, dass Lufthansa bei seinen Wachstumsplänen nicht auf einen Zuschlag bei Air Berlin angewiesen sei. „Wir können um 20 bis 40 Maschinen bei Eurowings auch aus eigener Kraft wachsen. So stark ist Eurowings nicht von der Air Berlin-Entscheidung abhängig. Wir werden den Raum im Markt in jedem Fall nutzen“. Ab Sommer 2018 will Eurowings dann auch von Berlin aus - wie im Winter schon von Düsseldorf und München - Langstreckenziele anfliegen. Gedacht ist offenbar zunächst an New York.

3000 neue Arbeitsplätze?

Spohr geht es im Ringen um Air Berlin vor allem darum, die 38 gemieteten Maschinen für Eurowings endgültig zu sichern. Sollte sein Unternehmen den Zuschlag für bis zu knapp 80 Maschinen bekommen, würden viele Arbeitsplätze bei Air Berlin gerettet. Generell rechnet er durch die Entwicklung in der Hauptstadt bei Lufthansa und vor allem bei Eurowings mit bis 3.000 neuen Arbeitsplätzen.

Spohr ist überzeugt, dass das Kartellamt bei einem Zuschlag für Lufthansa keine Bedenken haben wird. Mit den dann maximal knapp 80 Air Berlin-Jets sei Eurowings dann aber an der Grenze des Machbaren. „Viel mehr ist kartellrechtlich nicht drin“, sagt Spohr.
Er bestreitet, dass Lufthansa in Deutschland ein Monopol hat. „Derzeit haben wir einen Marktanteil von 34 Prozent, Air Berlin kommt auf 14. Davon werden wir maximal die Hälfte zu uns holen. Das ist im Bereich, der ungefährlich ist.“ Zudem weist Spohr darauf hin, dass die Hälfte der Lufthansa-Passagiere in Deutschland Umsteiger seien, die über München oder Frankfurt ins Ausland fliegen. „Die sind kartellrechtlich herauszunehmen“.

Insgesamt seien nach und von Deutschland 160 Gesellschaften unterwegs. Mit 118 habe dabei ein irischer Billigflieger - Ryanair - die meisten Monopolstrecken, behauptet Spohr. Lufthansa selbst habe in Deutschland nur ein Monopol zwischen Frankfurt und Hamburg, wobei es anderen Airlines unbenommen sei, auch diese Strecke zu fliegen.

„2018 bekommen wir fast jede Woche ein neues Flugzeug“

Generell muss die Konsolidierung in Europa auch nach Air Berlin nach Ansicht von Spohr weitergehen. „Das ist die am stärksten zersplitterte Branche“. Dabei will Lufthansa weiter eine wichtige Rolle spielen. Wo lässt Spohr offen. Aber natürlich denkt auch er an die Diskussion um Alitalia. Lufthansa selbst sieht er für diesen Prozess gut aufgestellt. „Wir setzen wieder Branchentrends“. Nach 2015 und 2016 erwartet er auch 2017 ein neues Rekordjahr. „Das Jahr läuft noch deutlich besser als die beiden vorigen Rekordjahre.“ 2016 hatte Lufthansa einen Netto-Gewinn von 1,8 Milliarden Euro verbucht, das erste Halbjahr 2017 war mit einem Betriebsgewinn von einer Milliarde und einem Netto-Gewinn von 672 Millionen das beste in der Lufthansa-Geschichte.

Dazu beigetragen hat nach Ansicht von Spohr auch die Einigung mit der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit. Bis Ende September sollen die Verträge endgültig unterschrieben werden. Zugleich nimmt die Lufthansa die Piloten-Ausbildung für alle Konzern-Gesellschaften wieder auf. „Wir brauchen 300 bis 400 Piloten pro Jahr“. Allein Eurowings sucht derzeit 200 Flugzeugführer und 600 Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter. Dafür gebe es aktuell 1.000 Bewerbungen. Daneben investiert Lufthansa verstärkt in neue Flugzeuge. Allein in diesem Jahr seien, so Spohr, 40 Maschinen in Dienst gestellt worden, so viele wie zuvor in einem Jahr. „2018 bekommen wir fast jede Woche ein neues Flugzeug“.

Aus Luftfahrtkreisen sickerte am Donnerstag zudem durch, dass Lufthansa auf Air Berlin-Passagiere, die Flüge vor der Eröffnung des Insolvenzverfahrens gebucht haben und die deshalb beim Ausfall der Flüge nicht mit einer Entschädigung rechnen können, mit günstigen Angeboten zugehen könnte. Zugleich könnten sich Lufthansa und Eurowings um Air Berlin-Gäste kümmern, die im Ausland aber gestrandet sind, weil ihr Rückflug mit Air Berlin wegen der Insolvenz gestrichen ist.

Chinesischer Unternehmer Pang reicht Angebot nach

Auch der chinesische Betreiber des Flughafens Parchim, Jonathan Pang, hat ein Angebot abgegeben. Rechtsanwalt Helmut Naujoks als Vertreter des chinesischen Logistik-Unternehmens LinkGlobal in Deutschland bestätigte, Pang habe am Donnerstag eine bindende Offerte nachgereicht. Der Unternehmer hatte in der vergangenen Woche eine Fristverlängerung beantragt. Diese war Naujoks zufolge bis zum 21. September - vor der Sitzung des Gläubigerausschusses - gewährt worden.

Der Anwalt hatte Pangs Bitte damit begründet, dass es längere Zeit dauere, um die Vertragsunterlagen ins Chinesische zu übersetzen. Zu Details des Angebots äußerte sich Naujoks nicht. Dem Vernehmen nach soll Pang 600 Millionen Euro für Air Berlin bieten. Er wolle zudem alle rund 8000 Mitarbeiter übernehmen. Ein Sprecher von Air Berlin verwies auf Aussagen des Unternehmens vom vorigen Freitag, wonach es keine Fristverlängerung geben sollte. (mit dpa, Reuters)

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