Das Unvorstellbare bauen

Sara Seddon Kilbinger
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Gebäude des Architekten Norman Foster prägen die Metropolen – bald auch in China und Kasachstan

Lord Norman Foster ist so etwas wie eine britische Institution. Der Architekt ist für Londoner Bauprojekte wie das Britische Museum und das Hauptquartier des Versicherers Swiss Re – auch die Gewürzgurke genannt – ebenso bekannt wie für die neue Kuppel des Reichstags in Berlin. Jetzt ist der 70-Jährige auch in China aktiv. Hier entwirft er ein neues Terminal für Pekings International Airport.

Das Projekt ist Teil der Baumaßnahmen anlässlich der Olympischen Spiele in Chinas Hauptstadt im Jahr 2008. Foster hat sich für ein Drachendesign entschieden – ganz nach dem Vorbild der traditionellen chinesischen Kostüme.

Das elegante Terminalgebäude wird sagenhafte 3,25 Kilometer lang und 785 Meter breit. „Das Projekt ist eine echte Herausforderung, vor allem wegen seiner Größe und des Zeitplans. Mit traditionellen Rot- und Goldtönen setzen wir auf sehr erfrischende Farben. Das belebt das ganze Gebäude“, sagt Lord Foster.

Die Arbeiten sollen bis Ende 2007 abgeschlossen sein, nach nicht einmal vier Jahren Bauzeit. Laut Foster arbeiten 40000 Menschen an dem Gebäudekomplex, auf einer „24-Stunden-Baustelle und sieben Tage die Woche“. Die chinesische Regierung wird umgerechnet 2,4 Milliarden Euro für das Projekt ausgeben. Der neue Terminalbereich wird die bestehende östliche Startbahn mit einer noch zu bauenden dritten Startbahn verbinden. Fosters 1967 gegründetes Architekturbüro Foster & Partner berücksichtigt dabei auch das Klima: Mit riesigen nach Südost ausgerichteten Dachfenstern fängt das Gebäude die Morgensonne ein.

Foster, der im englischen Manchester aufwuchs, hatte schon immer eine Schwäche für Architektur. „Als Jugendlicher radelte ich durch die Gegend, um mir Bauwerke anzuschauen, ob es Baumwollmühlen in Lancashire oder Radioteleskope in Cheshire waren“, sagt er. Nach einem Studium an Manchesters Schule für Architektur und Stadtplanung erhielt er ein Stipendium für ein Masterstudium an der amerikanischen Yale-Universität.

„Amerika und Yale, wohl in dieser Reihenfolge, haben mich enorm geprägt“, sagt der 70-Jährige. „Davor war meine Ausbildung sehr traditionell und auf die Mechanik der Architektur beschränkt. In Yale wurde alles hinterfragt – das war eine unheimlich erfrischende Arbeitsumgebung.“ Winston Churchill sagte: „Wir formen unsere Gebäude, und danach formen sie uns.“ Ein erfolgreiches Bauwerk muss laut Lord Foster Geist und Vorstellung beleben – aber auch die Neugier anregen. „So ist etwa Le Corbusiers Kapelle in Ronchamp ein geistig sehr bewegendes Bauwerk“, sagt er.

Foster weiß auch, dass viele seiner eigenen Werke längst zu Reisezielen geworden sind, dazu gehört auch die Berliner Reichstagskuppel. „Dank verschiedener Projekte zu verschiedenen Zeiten lassen sich neue Denkmuster ausprobieren. Ein Projekt hat immer das Potenzial, über seine reine Zweckbestimmung hinaus zu einem Symbol zu werden“, sagt der Architekt.

Für Sara Fox, Bauchefin bei der britischen Sparte des Züricher Rückversicherers Swiss Re, ist Foster einer der genauesten und zielstrebigsten Menschen, denen sie begegnet ist. Für die Schweizer Gesellschaft hat Lord Foster einen beachtlichen Büroturm in London gebaut, der eben wegen seiner eigenwilligen Form die Gewürzgurke genannt wird. „Er weiß genau, was er will. Das macht ihn zwar manchmal etwas schwierig, dafür funktionieren seine Entwürfe immer“, sagt Sara Fox. Sie fügt hinzu, dass Swiss Re jederzeit wieder mit Foster arbeiten würde, wenn sich eine Gelegenheit dazu ergäbe.

„Unser Turm ist ein fantastisches Gebäude und ist inzwischen zu einem Londoner Wahrzeichen geworden.“ Dabei hatte auch die Gewürzgurke ihre Probleme: Das Gebäude kam Anfang April in die Schlagzeilen, als sich eine Glasscheibe löste und auf den darunter gelegenen Fußgängerbereich krachte – ohne allerdings jemanden zu verletzen. Schuld war ein fehlerhafter Metallrahmen. Derzeit tauscht Swiss Re sämtliche Fensterrahmen des Gebäudes aus.

Der Architekt, der inzwischen durch mehr als 500 Projekte in 45 Ländern seine Spuren in den Metropolen der Welt hinterlassen hat, stößt auch auf Kritik. Man wirft ihm vor, er wolle die Welt ganz nach seinen Vorstellungen neu gestalten und ihm gingen langsam die kreativen Kräfte aus. Doch selbst einige Schnitzer – wie etwa die zu stark schaukelnde und erst nach Nachbesserungen begehbare Londoner Millennium Bridge – haben seinen Ruf als führender Stadt-Designer Europas nicht beschädigen können.

Wie viele Architekten liebt Lord Foster Herausforderungen. Sein Büro arbeitet derzeit am „Palast des Friedens“ im kasachischen Astana, der im kommenden Juni fertig werden soll. Das feindliche Klima war eine „besondere Schwierigkeit“, sagt Foster. Während es im achtmonatigen Winter Temperaturen bis zu minus 40 Grad Celsius gibt, steigt das Thermometer im Sommer leicht auf brütende 40 Grad. Die 62 Meter hohe Pyramide soll ein Zentrum für religiöse Annäherung werden und der Förderung von Vertrauen und Gleichheit dienen. Die Kosten trägt Kasachstans Regierung.

Andere Projekte, an denen Foster gerade arbeitet, sind unter anderen der kostspielige Neubau des Londoner Wembley-Stadiums und das Museum of Fine Arts in Boston.

Für Lord Foster besteht die Aufgabe eines Architekten darin, die Grenzen auszutesten und zu erweitern. „Es gibt fast so viele Vorstellungen von Architektur wie Architekten. Immer existiert auch eine soziale Seite, die diktiert, dass unsere Gebäude den Anforderungen der Menschen gerecht werden sollen. Einige dieser Anforderungen lassen sich nicht beziffern – aber wir wissen zum Beispiel, dass es angenehmer in Gebäuden mit viel Tageslicht ist. Ich glaube, dass unsere Gebäude eine sehr starke Persönlichkeit haben, und die ist jedes Mal anders.“ Letztlich besteht Architektur für Foster darin, die vorgefassten Meinungen der Menschen zu widerlegen. „Die Idee ist, dass man am Ende für etwas Gefallen findet, von dessen Machbarkeit man vorher noch nicht einmal träumen konnte“, sagt er.

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