Ganz verzichtbar werden Geldautomaten wohl nicht. Aber viele Bankgeschäfte lassen sich schon heute übers Smartphone abwickeln. Foto: xixinxing - Fotoliap

Banken entdecken die Fintechs Berlin - Finanzmetropole der Zukunft?

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Geld abheben mit einem Klick, Erspartes anlegen mit einem Wisch. Finanz-Start-ups machen Banken mächtig Dampf. Aus Berlin kommen besonders viele.

Frankfurt, Berlin oder München? Die Chefs von Weltsparen standen vor zwei Jahren vor einer schwierigen Entscheidung. Sie wollten gemeinsam ein Finanz-Start-up gründen – so weit, so klar. Nur die Frage nach dem Hauptsitz diskutierten sie intensiv. „München fiel schnell raus“, sagt Gründer Tamaz Georgadze. Auch wenn seine beiden Mitstreiter zu dem Zeitpunkt noch in München wohnten, war klar: Dort sind die Gehälter zu hoch, die Wohnungen zu teuer. Frankfurt am Main kam schon eher infrage. Doch dort fehlte ihnen der Gründergeist. Außerdem sagt Georgadze: „Direkt in der Nähe der Banken zu sitzen, bringt nicht unbedingt einen Vorteil.“ Im Gegenteil. Zwischen den Banktürmen könne ein kleines Start-up schnell untergehen. Blieb also: Berlin.

Hier ist Weltsparen nicht allein. In den vergangenen Jahren hat die Hauptstadt etliche junge Firmen aus der Finanzbranche angezogen. Mittlerweile gibt es in Berlin mehr Finanz-Start-ups als in Frankfurt – und das obwohl die Stadt am Main die Bankenmetropole Deutschlands ist. Wichtiger als die physische Nähe zu den Banken ist den sogenannten Fintechs – kurz für Financial Services und Technology –, geeignetes Personal zu finden. Und Programmierer, die einem eine App oder einen Onlinedienst aufbauen, bekommt man in Berlin deutlich leichter als in Frankfurt. Zwar braucht ein Fintech auch Banker und Finanzprofis. Wer bei einem Start-up arbeiten will, hat meist auch Lust auf Berlin.

Günstige Mieten sind nur ein Faktor von vielen

Dass Berlin sich als „Fintech-Hub“ herausbildet – als Zentrum der deutschen Fintech-Szene –, liegt aber auch daran, dass ein paar von ihnen hier bereits sehr erfolgreich sind. Als Vorzeige-Fintech gilt derzeit etwa Number26 – eine Firma, die ein Girokonto rein fürs Smartphone entwickelt hat. Nach eigenen Angaben haben die Berliner in weniger als einem Jahr 90.000 Kunden gewonnen und beschäftigen 80 Mitarbeiter. Einer der Geldgeber ist US-Investor Peter Thiel, Mitgründer des Bezahldienstes Paypal und einer der ersten Finanziers des sozialen Netzwerkes Facebook. Auch Weltsparen wird häufig als Vorbild genannt, wenn es um Berliner Fintechs geht: Über die Plattform können Anleger ihr Erspartes als Festgeld zu hohen Zinsen europaweit anlegen. Erst im Sommer pumpten Geldgeber, darunter der russische Milliardär Yuri Milner, 20 Millionen Euro in das Geschäftsmodell. Die Reihe lässt sich beinah beliebig fortsetzen.

Gleichzeitig gibt es mit Finleap bereits einen sogenannten Company Builder in der Stadt, der auf Finanz-Start-ups spezialisiert ist. Er finanziert die Firmen in der frühen Phase und unterstützt sie mit Know-how. Gerade bei Fintechs ist das wichtig: Schließlich müssen auch sie sich an die Regulierung halten – und diese erst mal verstehen. Auch das Marketing funktioniere in der Finanzbranche anders als bei einem Start-up, das einen Onlineshop betreibt, sagt Ramin Niroumand, einer der Gründer von Finleap.

Banken können Fintechs nicht mehr ignorieren

Berlin als Standort schätzt er nicht nur aufgrund der Gründerszene und der günstigen Mieten – sondern auch aufgrund der Nähe zur Politik. Denn die wird für Gründer wichtiger. Als junge Firmen kämpfen sie dafür, dass auch ihre Sichtweise bei der Gesetzgebung berücksichtigt wird. Und ihre Sichtweise ist dabei nicht immer im Interesse der großen Konzerne.

So hat sich Finleap zum Beispiel über den IT-Verband Bitkom bei der Umsetzung der Kontorichtlinie der EU in nationales Recht eingeschaltet. Die Richtlinie soll es Bankkunden unter anderem erleichtern, mit ihrem Konto zu einem anderen Institut zu wechseln. Ein erster Gesetzentwurf der Bundesregierung sah allerdings vor, dass bei der Kontoeröffnung eine physische Unterschrift auf Papier vorgelegt werden muss – was den digitalen Kontowechsel unmöglich gemacht hätte. Auf Druck der Start-ups hat die Bundesregierung schließlich nachgebessert: Nun soll man das Konto auch per Tan-Eingabe online wechseln können.

Dabei profitieren die Gründer auch davon, dass in Berlin besonders viele Verbände sitzen. Und um die Fintechs buhlen mittlerweile gleich mehrere. So haben sowohl der Start-up-Verband als auch der Bitkom eine Fachgruppe für Fintechs eingerichtet. Selbst der Bankenverband, in dem Privatbanken wie die Deutsche Bank oder die Commerzbank organisiert sind, will demnächst Fintechs als außerordentliche Mitglieder aufnehmen. Denn die etablierten Banken haben nach langem Zögern erkannt, dass man die Fintechs nicht einfach ignorieren kann. Viele kooperieren mittlerweile mit den Start-ups.

Deutsche Bank kehrt zu ihren Wurzeln zurück

Foto: nullp

So arbeitet die Direktbank DKB mit Hauptsitz in Berlin zum Beispiel mit dem Berliner Start-up Cringle zusammen. Die Gründer um Joschka Friedag haben eine App entwickelt, mit der Freunde sich gegenseitig Geld überweisen können. Die DKB übernimmt für Cringle nun den Zahlungsverkehr im Hintergrund.

Ähnliches hat offenbar die Deutsche Bank vor. Das größte Geldhaus hierzulande hat erst kürzlich am Hackeschen Markt ein „Innovation Lab“ aufgemacht – und kehrt damit sozusagen zu seinen Wurzeln zurück: Das Institut wurde einst in Berlin gegründet. 145 Jahre später will die Bank nun gemeinsam mit Start-ups von dort aus an Innovationen fürs Privatkundengeschäft arbeiten. Die Commerzbank fördert Fintechs über eine separate Einheit, den Mainincubator: Über ihn stellt die Bank den Gründern Kapital und Know-how zur Verfügung. Der Inkubator sitzt zwar in Frankfurt – trotzdem kommen schon jetzt zwei der bislang vier darin geförderten Fintechs aus Berlin. Selbst kleinere Institute wollen in der Stadt mit Gründern aus der Finanzszene zusammenkommen. So hat die Berliner Volksbank kürzlich als eine der ersten Regionalbanken in Deutschland eine eigene Venture Capital Gesellschaft gegründet, die Finanz-Start-ups mit Risikokapital versorgen soll. 20 Millionen Euro hat das Institut dafür zunächst bereitgestellt. „Natürlich wollen wir daran verdienen. Wichtiger ist uns aber, mitzubekommen, welche Innovationen gerade entstehen, die unser Kerngeschäft betreffen“, sagt Geschäftsführer Andreas Laule.

Berlin konkurriert mit London und Luxemburg

Doch auch wenn die Banken in Berlin bereits viel tun, um enger mit den Fintechs zusammenzuarbeiten: Von der Stadt erhoffen sich viele der jungen Gründern mehr. Was in Berlin zum Beispiel fehle, sei eine zentrale Anlaufstelle für Fintechs, sagt Ramin Niroumand von Finleap. „Wir bekommen regelmäßig Anfragen von Investoren und Bankern, mit denen wir dann eine Start-up-Safari durch Berlin machen.“ Er mache das gerne – aber eigentlich sei das Aufgabe der Wirtschaftsförderung.

Zumal Berlin als Hauptstadt der Fintechs längst nicht mehr nur mit Frankfurt konkurriert. Es geht vielmehr darum, wer in Europa die Führungsrolle übernimmt. „Berlin konkurriert mit London, Luxemburg und Dublin“, sagt Tamaz Georgadze von Weltsparen. In diesen drei Städten haben es Gründer aus der Finanzbranche allein schon deshalb leichter, weil die Regulierung etwas lockerer ist.

Briten wollen massiv investieren

Die Wirtschaftsförderer kontern die Kritik. „Wir haben in diesem Jahr mehrere Banken auf ihrem Weg nach Berlin begleitet und sie hier mit Fintech-Startups vernetzt“, sagt Stefan Franzke, einer der beiden Geschäftsführer beim landeseigenen Wirtschaftsförderer Berlin Partner. Zudem bringe man Gründer auf Reisen mit internationalen Investoren zusammen. „In diesem Jahr waren unter anderem New York, Tel Aviv, aber auch der Finanzplatz London Ziele, die wir besucht haben.“ Die Entwicklung bei den Fintechs in der Stadt sei enorm. „Die Fintech-Branche in Berlin zieht ganz klar an.“

Ob diese Erkenntnis allein reicht, um Berlin als Finanzzentrum der Zukunft zu gestalten, ist fraglich. Der britische Premierminister David Cameron zum Beispiel hat die Förderung der Londoner Fintechs längst zur Chefsache erklärt. Bis 2020 will er acht Milliarden Pfund für die Branche aufbringen. Solche Versprechen gibt es in Berlin noch lange nicht.

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