Helfer bringen eine Frau in Huachipa über eine völlig überschwemmte Straße. Foto: rtr
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Überschwemmungen in Peru Stündlich kommen neue Hiobsbotschaften

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Schwere Überschwemmungen kosten in Peru mindestens 72 Menschen das Leben, Hunderttausende sind betroffen – und es regnet immer noch weiter.

Wie ein Gespenst wirkt der Körper, der aus dem braunen Schlamm emporsteigt. Das Video lässt den Betrachter erschauern, zeigt es doch die ganze Wucht der Katastrophe. Evangelina Chamorro (32) hat überlebt. Nicht einmal Knochenbrüche trug die Peruanerin davon, dafür aber einen Schock. Mehr als 50 Meter wurde sie von einer Schlammlawine mitgerissen. Und mit ihr Steine, Felsbrocken, Holz, Metall und eben auch Menschen. Unter den Toten, die die Lawine im Ortsteil Punta Hermosa in der Hauptstadt Lima forderte, war auch ein sechsjähriges Mädchen.

„Evangelia ist ein bisschen verwirrt, aber ihr geht es den Umständen entsprechend gut. Sie wird sich erholen, sie ist eine Kriegerin“, sagte die peruanische Gesundheitsministerin Patricia García, die ans Krankenbett Chamorros eilte. Chamorros verzweifelter Kampf gegen die Fluten ist inzwischen zum Sinnbild für die Katastrophe in Peru geworden.

Rund 572 000 Menschen sind von den schweren Überschwemmungen betroffen, die mehrere Städte heimgesucht haben. Das Video, das Chamorro in der Schlammlawine zeigte, ging inzwischen um die Welt. Der Schrecken in Peru nimmt aber kein Ende. Nahezu stündliche treffen neue Hiobsbotschaften ein: Mal ist es eine Brücke, die einstürzt, dann versagt die Trinkwasserversorgung, schließlich verschwinden ganze Straßenzüge im Wasser und dann kostet ein neuer Erdrutsch wieder sieben Menschen das Leben. TV-Bilder zeigen wie Menschen per Seilwinde aus ihren Häusern befreit werden, weil aus Straßen reißende Flüsse geworden sind.

Die Regierung will 720 Millionen Euro Hilfsgelder zahlen

Bislang sind bereits 72 Tote gezählt, die Zeitungen des Landes rechnen allerdings mit höheren Zahlen, wenn das Wasser und der Schlamm erst einmal abgeflossen ist. Ministerpräsident Fernando Zavala teilte mit, dass für 811 der mehr als 2800 peruanischen Bezirke der Notstand gelte. „Es ist ohne Zweifel eine schwierige Situation“, sagte Präsident Pedro Pablo Kuczynski. Peru habe aber die nötigen Mittel, um der Lage Herr zu werden. Die Regierung kündigte an, umgerechnet etwa 720 Millionen Euro Hilfsgelder zum Wiederaufbau bereitzustellen. Mehrere Oppositionspolitiker riefen den Präsidenten auf, einen landesweiten Notstand auszurufen.

Obendrein widersprechen sich die Behörden: Präsident Kuczynski rief am Samstagabend seine Landsleute zur Ruhe auf, dementierte Meldungen über einen Stopp der Trinkwasserlieferungen. Minuten zuvor hatte eine andere Behörde aber genau dies angekündigt. „Glauben Sie solche Meldungen nicht, das ist nicht wahr“, beschwor Kuczynski seine Landsleute.

Heftige Regenfälle führen in Peru besonders leicht zu Erdrutschen, weil es in dem südamerikanischen Andenland viele baumarme Bergregionen und sandige Gebiete gibt, die kaum Wasser aufnehmen können. Besonders gefährdet sind die Menschen in Perus Armenvierteln, deren Hütten kaum Schutz bieten.

Ein Bewohner der Stadt Trujillo kämpft gegen die Wassermassen. Foto: AFP
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Angesichts der aktuellen katastrophalen Auswirkungen der heftigen Regenfälle ist in Peru wieder mal eine hitzige Debatte entbrannt, ob der Klimawandel oder ein Klimaphänomen schuld an den Wassermassen ist. „El Niño costero“ (Der Küstenjunge) nennen Meteorologen das Phänomen, angelehnt an „El Nino“, das Südamerika alle Jahre wieder heftige Regenfälle beschert. So schlimm wie diesmal sei es allerdings seit 1960 nicht mehr gewesen, behaupten peruanische Medien. Der betroffenen Bevölkerung ist es im Zweifelsfalle egal, ob ein Klimawandel oder Klimaphänomen ihre Häuser, ihre Kinder oder ihre Dörfer hinweg gespült hat.

Herzergreifend ist auch der Hilferuf eines chilenischen Vaters, der versucht, seine Töchter aus Peru zurückzuholen. Sie gehören zu einer Gruppe von 52 Chilenen, die in Pirua komplett von der Außenwelt abgeschlossen sind. „Meine Töchter haben inzwischen alles Geld verbraucht, und wir haben keine Mittel, um sie zurück nach Hause zu holen“, sagt Adolfo Rebolledo und vergießt im chilenischen Fernsehen bittere Tränen. Er bittet um Hilfe, damit die Kinder zurückgeholt werden können.

Perus Fußball-Nationaltrainer Ricardo Gareca zeigt sich schockiert. Wenige Tage vor dem wichtigen WM-Qualifikationsspiel in Venezuela schickte der Argentinier via Video-Botschaft eine Solidaritätsbotschaft an die Opfer der Katastrophe. Aus Deutschland kommt erste Hilfe. Das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat stellte 30000 Euro Soforthilfe zur Verfügung. Perus Außenministerium beginnt, die internationale Hilfe zu koordinieren. Unter dem Hashtag „PeruTeNecesita („Peru braucht Dich“) versucht das Land, sich selbst zu helfen.

Immerhin blickt „PPK“, wie der Präsident in Peru genannt wird, schon wieder nach vorne: Peru brauche so etwas wie einen Marshall-Plan, den Europa nach dem Krieg gehabt hätte, um den Wiederaufbau voranzutreiben, schlägt er vor. In ein paar Tagen will Kuczynski eine Kommission vorstellen, die sich mit der Rekonstruktion der betroffenen Städte befasst. Allerdings sind erneut heftige Regenfälle angesagt. Es könnte sein, dass sich der Albtraum noch weiter hinzieht. mit AFP

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