Die Passagiere, die mit der "Lakanabe" über den knietiefen Fluss Tsiribihins fahren, lernen schnell Gelassenheit. Es gibt manches Malheur – und keine Toilette am Bord. Foto: Franz Lerchenmüller
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Madagaskar Und Gott strafte den Baobab

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Madagaskars Westen bereist selten ein Tourist – trotz Naturwunder und freundlicher Menschen. Mit den Ahnen sollte man sich jedoch gut stellen.

Der Himmel weint. Das ist eigentlich für diese Jahreszeit nicht vorgesehen – die Regenperiode sollte auf Madagaskar erst im November beginnen. Aber vorgestern ist in Miandrivazo der angesehene Geschäftsmann Rabuba gestorben, erzählt Steuermann Legai. Jetzt trauert die Erde, trauern die Ahnen im Jenseits, und so wundert es niemand, dass heute ein sanfter Regen niedergeht. Tabakfelder, Grasdachhütten, die steile Abbruchkante des Ufers – alles ist in mildes Grau getaucht.

Die Passagiere auf der „Lakanabe“ nehmen es gelassen. Die Menschen am Ufer winken ja trotzdem. Weiße Lemuren schwingen sich auch jetzt in den Jackfruchtbäumen geradezu tollkühn von Ast zu Ast. Und die Zebu-Buletten, die Köchin Baku auftischt, sorgen für einen geglückten kulinarischen Auftakt der Reise.

Gelegenheit, Gelassenheit zu lernen, haben die Gäste einige Male an diesem Tag. Gleich zu Beginn erfahren sie, dass es an Bord keine Toilette gebe, sondern alle zwei, drei Stunden eine Pinkelpause an Land. Der Steuermann wirft den Motor an und manövriert vorsichtig über den knietiefen Fluss Tsiribihina – um gleich gegen einen dicken Ast am Ufer zu donnern, so dass eine der tragenden Eisenstützen knickt. Kapitän Fafa, der 50-jährige Mitbesitzer der „Lakanabe“, besieht sich den Schaden kurz, schüttelt den Kopf – und schon macht sein Stirnrunzeln wieder dem gewohnt strahlenden Lächeln Platz. Auf Unwägbarkeiten haben sich die Reisenden jetzt eingestellt. Üblicherweise besuchen Ausländer auf Madagaskar die Königsstadt Ambohimanga nahe der Hauptstadt Antananarivo, die Strände auf Nosy Be und mindestens einen der vielen Nationalparks. Die sieben aber zieht es in den weniger bereisten Westen der Insel.

Zwei Tage und zwei Nächte wird die Flussfahrt bis nach Belo Tsiribihina dauern. Abends macht das Schiff an einer Sandbank fest. Die Männer bauen Zelte auf, an Bord kreist eine Flasche Rum, am Horizont spucken Buschfeuer rotglühende Lohe. Und Reiseführer Solo, gelernter Sportlehrer, erzählt von dem großen Fest, zu dem die 76 Angehörigen seiner Familie aus aller Welt anreisen, um die Ahnen aus ihren Gräbern zu holen, sie in Seidentücher zu wickeln, einmal durchs Dorf zu tragen und dann wieder zu begraben. Mit den Ahnen, dämmert es den Reisenden, sollte man es sich nicht verderben auf Madagaskar.

Am nächsten Morgen weitet sich der Fluss. Inseln aus Wasserhyazinthen treiben vorbei, ein Eisvogel schießt blau glitzernd über den Fluss, in rot gebänderten Felswänden hängen Kolonien von Flughunden wie schwarze Schimmelflecken.

Die Passagiere fläzen sich am Oberdeck in die Polstergarnitur, plaudern und grüßen zu den Kanus hinüber, die die „Lakanabe“ überholt. Meist sitzen ein oder zwei Touristen darin und lassen sich von Ruderern über den Fluss chauffieren. Natürlich haben sie größere Chancen, sich Krokodilen oder Lemuren unbemerkt zu nähern, doch Überraschungen bieten Fluss und Ufer schließlich auch den Motorisierten: ein Zikadengewitter, einen Flamingoschwarm, den rauschenden Wasserfall mit seiner wunderschönen Naturbadewanne, die die Dusche an Bord ersetzt. Bei einer Familie, die einen Lemuren als Haustier hält, deckt die Köchin sich frisch ein: frei laufende Hühner, garantiert biologisch ernährt.

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