Als Kleinod gilt der Bahnhof von Pinhão, mitten im Weinbaugebiet am Rio Douro. Die traditionellen Kacheln (Azulejos) erzählen die Geschichte der Region. Foto: LAIFp

Reise Portugal: Die Wiege der Melancholie

Thomas Feix
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Der Norden gilt als das historische Kernland Portugals. In privaten Herrenhäusern wird der Gast sehr persönlich umsorgt.

Dunkel ist der Norden, sagen sie. Ein dunkler Fleck im nationalen Bewusstsein. Weil alle immer nur auf den Süden starren. Dunkel, und unbekannt nicht allein bei denen, die nach Portugal kommen, auch den Portugiesen scheint es so. Merkwürdig. Dabei ist doch der Norden Portugals Geschichte, seine Identität.

Porto, zweite Stadt in der Rangfolge nach Lissabon. Hafenstadt, Industriestadt, Stadt des Verkehrs, des Handels und natürlich Namensgeberin des Landes. Porto ist für die Menschen hier die Hauptstadt. Hier werde das viele Geld verdient, das Lissabon mit beiden Händen über dem Land ausstreue, sagen sie im Norden.

Gewiss, in Porto gibt es reichlich Geschichte zu entdecken. Doch wer mehr über Portugals zivilisatorischen Ursprünge wissen wolle, müsse ins „Kernland“ fahren, sich etwa nach Guimarães aufmachen, hatte der Besucher gelesen, dem Geburtsort von Alfons I. (der Eroberer), erster König des Landes. Der hatte die Stadt 1140 zur ersten Hauptstadt des Landes gemacht. „Wiege Portugals“ nennt man sie.

Das vorherrschende Baumaterial in der Altstadt von Guimarães ist Granit, der im Norden des Landes überreichlich vorkommt. Gebäude für die Ewigkeit, Weltkulturerbe. Das alles überragende Kastell sollte Stadt und Kloster im 10. Jahrhundert vor den Normannen und den Mauren schützen. Antonio Salazar, der portugiesische Diktator, hat es in den Vierzigern des 20. Jahrhunderts wiederherstellen lassen, und so steht es seither an Ort und Stelle.

Das Nachtquartier liegt außerhalb von Guimarães. Paço de São Cipriano, einst ein Herrensitz, jetzt ein Hotelchen mit sieben Zimmern. Seit Mitte des 15. Jahrhunderts ist das Haus im Eigentum derselben Familie. Dona Maria Teresa de Morais Pimentel Seara Cardoso empfängt den Gast. Sie ist jenseits der 80, Witwe, weißhaarig, gebeugt und sagt zur Begrüßung: „Ich bin die Besitzerin.“ Von dem Moment an schweigt sie, und ihre Tochter übernimmt, Ana Isabel Sottomayor, mit einem Bürgerlichen verheiratet.

Ana führt durch Korridore, über Treppen, öffnet Türen und zeigt Räume mit Himmelbetten und bunten Holzmöbeln, während die Dona Blätter im Spinatbeet zupft und Lieder dazu singt. Die einzige Angestellte geht vorbei, ein stilles, schüchternes Mädchen.

Am Haus wird ständig repariert und gebaut, es ist eben alt. Das rote Ziegeldach biegt sich an vielen Stellen durch, manche der Türen hängen schief in den Angeln. Der Kamin im Empfangszimmer ist nach allen Seiten hin offen wie ein Lagerfeuer, schwere Säulen und Querträger aus Granit halten den Schlot. Aus Granitstein sind auch hier die Wände des Hauses, „50 Zentimeter dick“, sagt Ana.

Auf der Wiese hinterm Haus grasen braune Rinder. Ana sagt, manchmal lasse sie eines für den eigenen Bedarf schlachten. Der Hackbraten, den das Hausmädchen dann mache, habe ein unvergleichliches Aroma. Der 320 Hektar große Park wird von einer hohen, dick bemoosten Mauer umgeben, wie das Haus. Ana sagt, dass nicht nur in der Altstadt von Guimarães der Geist Portugals zu merken sei. Auch hier könne man ihn spüren.

Der Gast bleibt nur eine Nacht. Am Morgen bringt Ana ihn zur Bahn, die ins Cima-Corgo-Gebiet fährt, dorthin, wo es beste Trauben zur Herstellung des Portweins gibt. Der Zug fährt entlang des Douro, windet sich um die Berge, an deren terrassierten Hängen die Rebstöcke gepflanzt sind. Weiße Häuser gleiten vorbei, und Quintas, die Weingüter. Kein Windhauch, der Douro ist ganz glatt.

Zwischenstopp am Bahnhof der Stadt Pinhão. Ein kleines weißes, sauberes Gebäude, blauweiße Kacheln mit Szenen, auf denen Männer mit Körben zu sehen sind und Frauen bei der Weinlese. Ein Kleinod, das man gesehen haben muss.

Jenseits der Gleise liegt ein Weingut. Im Hof ein Laster, ein blitzender Tank hintendrauf. In den wird eben Wein aus großen Holzfässern gepumpt. Der Fremde wird neugierig. Alle Trauben sind von Hand verlesen, erfährt er. Nach der Pressung kommt der Saft in die Holzfässer und wird mit starkem Branntwein versetzt. Das hält die Gärung an, der Zucker bleibt erhalten. Nach einem halben Jahr bringt der Tankwagen das Gemisch nach Vila Nova de Gaia. Dort reift er dann zwei bis sechs Jahre, sehr gute Jahrgänge bis zu 40 Jahre.

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Er solle auch Portugals älteste Stadt besuchen, hatte Ana gesagt. Ponte de Lima, weiter im Norden, mit einer Brücke aus der Römerzeit. Bis Braga fährt ein Zug, dann ein Bus. Es ist Abend und es regnet bei der Ankunft in Ponte de Lima. Schön wäre jetzt ein Bett. Der Calheiros, der Graf oben in den Bergen, habe Gästezimmer und vor allem eine gute Köchin, sagt eine Frau auf der Straße. Ein Taxi kurvt 20 Minuten in die Berge, durch drei, vier Dörfer. Dann eine Parkmauer, eine Einfahrt, dahinter eine Allee und ein großes Haus.

Ein Mann kommt die Treppe hinunter. Schlank, zurückgekämmtes Haar, sanfte Miene, Cordhose, Tweedsakko. Senhor Francisco de Calheiros e Menezes. Der Graf höchstselbst begrüßt nach Möglichkeit seine Gäste. Er sei allein im Haus, sagt er, Tochter und Sohn studierten im Ausland, die Frau sei für einige Zeit in Porto, Geschäfte. Sanft ist auch seine Stimme.

Er bittet ins Speisezimmer und fragt, wie es mit dem Hunger sei, und ob Huhn mit Bohnen und Reis konveniere, danach vielleicht Apfelkompott. Das Huhn sei frisch, sagt er, „heute Morgen pickte es noch hinterm Haus“. Die Bohnen seien aus dem eigenen Garten, nur der Reis komme aus dem Supermarkt. Dann nickt er einer kleinen Frau zu, die in der Küchentür steht. Sie dreht sich um, denn sie weiß Bescheid, der Gast wird essen.

Alt ist das Geschlecht der Calheiros, 600 Jahre mindestens. Das Haus gleicht einem Museum, und der Graf gibt gern den Museumsführer. Ein Rauchsalon mit Ledercouchgarnitur und Lüstern, eine Ahnengalerie aus verblassten Gemälden. Feuersteinpistolen und Hellebarden unter Glas, Banner und Standarten, und es gibt ein Zimmer mit Fotografien, von denen die jüngste bestimmt 60 Jahre alt ist. Sie erzählen die neuere Familiengeschichte.

Die ältere erzählt der Graf dann selbst, beim Dinner mit Porzellangeschirr und silbernem Besteck. Um Schlachten geht es, darum, dass ein Garcia Lopes de Calheiros die Eroberung von Tanger 1471 mitgemacht hat und dann Alfons V. half, die Spanier endgültig zu besiegen. Und als der Graf aufhört zu erzählen, ist es spät, Gast und Gastgeber sind längst im Privatkabinett bei Port, Zigarre und Kaminfeuerschein gelandet.

Am Vormittag ist der Regen fort, die Sonne ist da, und vom gräflichen Park aus unter Magnolien- und Eukalyptusbäumen ist das Limatal zu sehen. Platanen- und Kastanienwälder, Pinienhaine, Ölbaumplantagen und manchmal Palmen. Und Wein, viel Vinho Verde machen sie hier. Weit hinten der Atlantik, hinter der Gebirgskette.

Senhor Calheiros hat Blumen in die Kapelle gebracht. Er steht in der Gruft, betrachtet die Granitplatte, unter der die Eltern bestattet sind. Er wolle lieber unten auf dem städtischen Friedhof liegen, sagt er. Er hat wieder das Intensive im Blick und sagt nun, dass es mit dem Auto nur anderthalb Stunden bis Santiago de Compostela in Spanien sind.

Etwas melancholisch, nicht dunkel ist das Land hier, dämmert es dem Besucher. Dunkel, wie sie sagen, dunkel ist Portugals Norden wahrlich nicht.

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ANREISE

Air Berlin fliegt einmal täglich von Tegel über Palma de Mallorca nach Porto. Für August fanden wir als günstigsten Tarif 450 Euro.

UNTERKUNFT
Das Paço de São Cipriano in Guimarães wurde 1415 gebaut und 1982 letztmalig renoviert. Seit jeher dient es als Unterkunft für Reisende und Pilger. Ein Doppelzimmer mit Frühstück: 110 Euro bei Direktbuchung im Internet unter: www.pacoscipriano.com

Für fünf Euro bekommen Besucher eine Führung über das Anwesen.

Das Paço de Calheiros des gleichnamigen Grafen ist typisch für die Minho-Architektur des Nordens. Doppelzimmer ab 125 Euro mit Frühstück. Internet: www.pacodecalheiros.com

VERANSTALTER
Der Vinho Verde ist das Markenzeichen der Provinz Minho. Portugalspezialist Olimar bietet dazu die Mietwagenrundreise „Weine des Nordens“ an. Sieben Übernachtungen im Doppelzimmer mit Frühstück, Mietwagen ab 501 Euro (ab Porto). www.olimar.com

LITERATUR

Bernd Lübbers: Individuelles Reisen durch den Norden Portugals. Books on Demand, 2. Auflage November 2009, 80 Seiten, 9,90 Euro

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