Vor dem Abschluss. Im kalabrischen Locri läuft seit April 2010 der Prozess gegen Giovanni Strangio, den mutmaßlichen Drahtzieher der Duisburger Mafiamorde vom August 2007. Die Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Haft für Strangio. Archivfoto: Franco Cufari/dpap

Prozess um Mafia-Massaker Blutrache, Pulverstaub und Videos

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Vier Jahre nach dem Mafia-Massaker von Duisburg steht das Urteil gegen den Hauptverdächtigen bevor.

Es ist der 15. August 2007, 2.24 Uhr. In Duisburg ist die Truppe des italienischen Lokals „Da Bruno“ mit der Arbeit und mit einer kleinen Volljährigkeitsfeier der besonderen Art fertig. Die sechs Männer im Alter von 17 bis 39 Jahren steigen in ihre beiden Autos – da krachen Schüsse wie aus Maschinenpistolen. 54 Kugeln wird die Polizei später auflesen. Fünf der Männer sterben sofort, der sechste auf dem Weg ins Krankenhaus. Und schon wenige Stunden später spricht ein erschrocken aufwachendes Deutschland über das schlimmste Mafia-Verbrechen, das je nördlich der Alpen geschah.

Knapp vier Jahre nach dem Massaker steht in Locri, an der Spitze des italienischen Stiefels, der Prozess gegen den Hauptverdächtigen vor dem Abschluss. Das Urteil erster Instanz wird für Anfang Juli erwartet, und während die Staatsanwaltschaft nicht im Geringsten daran zweifelt, dass der heute 32-jährige Giovanni Strangio die Tat organisiert und begangen hat, fordert die Verteidigung einen umfassenden Freispruch. „Mein Mandant ist kein Massenmörder; seit seinem 18. Lebensjahr arbeitet er redlich in Deutschland“, sagt Carlo Taormina, einer der gefragtesten und umstrittensten Star-Anwälte Italiens, der sich von der Familie Strangio hat anwerben lassen.

Giovanni Strangio steht nicht als Einziger vor Gericht; die Antimafia-Staatsanwaltschaft in Kalabrien will in einem Geflecht mehrerer gleichzeitiger Prozesse die gesamte Familienfehde aufarbeiten, in der das Massaker von Duisburg nur den Höhepunkt bildet. Es ist die Geschichte einer Blutrache. Sie spielt im kalabrischen San Luca, einem äußerlich unwirtlichen Bergdorf, das in Wahrheit aber die Zentrale und der Bezugspunkt einer der mächtigsten Mafiabanden der Welt ist: der ’Ndrangheta.

Offen tobt die Fehde zwischen den Familienclans der Nirta-Strangio und der Pelle-Vottari seit 1991. An die 20 Personen, mal von der einen, danach wieder von der anderen Seite, sind umgebracht worden, etliche weitere Mordversuche scheiterten. Hinter den Bluttaten, so erklären die Staatsanwälte, stehe die Rivalität um Einflusszonen, um Millionen- oder gar Milliardengewinne im Rauschgifthandel mit Südamerika, den die ’Ndrangheta europaweit fast monopolartig kontrolliert. Duisburg war demnach die Antwort der Nirta-Strangio auf den Mord an einer ihrer Ehefrauen, verübt acht Monate zuvor durch die Pelle-Vottari. Und weil die Rivalen – des Symbolwerts wegen – am Weihnachtstag geschossen hatten, mordeten die Nirta-Strangio an einem ebenso symbolstarken Datum zurück: Der 15. August ist einer den zentralen Feiertage Italiens.

Das Lokal „Da Bruno“ in Duisburg, auch wenn der Inhaber Strangio hieß, gehörte zum Clan Pelle-Vottari. Und nicht nur das: Just in der Stunde vor dem Massaker hatten diese Mafiosi den 18. Geburtstag eines ihrer Angestellten genutzt, um ihn rituell in die ’Ndrangheta aufzunehmen.

Ermittler in Deutschland und Italien sind sich darin einig, dass das „Da Bruno“ eine getarnte Zelle der Mafia war – eines von 61 Restaurants in Deutschland, die laut Bundeskriminalamt den beiden Clans aus San Luca gehören. Giovanni Strangio selbst betrieb zwei Pizzerien im niederrheinischen Kaarst.

In ähnlicher Weise, also hinter Restaurants oder Boutiquen, verbergen sich laut BKA auf deutschem Boden mehr als 200 italienische Mafia-Clans mit etwa 900 Mitgliedern. Deutschland gilt nicht nur als „Ruhe- und Rückzugsraum“, sondern auch als idealer Ort, einige jener Euro-Milliarden zu „waschen“, die aus illegalen Geschäften stammen, für die Italien allein mittlerweile zu klein – und zu stark überwacht – ist. Und im Hinterzimmer des „Da Bruno“ wurde ein neues Gewehr gefunden: Die Pelle-Vottari bewaffneten sich weiter für den Krieg gegen die Nirta-Strangio.

Dem – so die Anklage – kam Giovanni Strangio in jener Augustnacht vor vier Jahren zuvor. Es halfen ihm laut Staatsanwaltschaft zwei nahe Verwandte: die Brüder Giuseppe (38) und Sebastiano Nirta (40), von denen Fingerabdrücke und DNA-Spuren in jener Düsseldorfer Wohnung gefunden wurden, die Strangio als eine Art „Hauptquartier“ genutzt haben soll. Die Mörder bedienten sich seltener Waffen: zweier halbautomatischer Beretta-Pistolen mit der Bezeichnung 93/R, von denen es nur ein paar hundert auf der Welt gibt – und die ausschließlich für offiziellen Polizei- oder Militärgebrauch gefertigt wurden.

Nach der Tat flohen die Mörder mit einem angemieteten Renault Clio, den die Polizei drei Monate später im belgischen Gent sicherstellte – mit verräterischen Resten von Pulverstaub. Die drei Strangio-Nirta saßen in diesem Auto; das beweisen DNA-Spuren. Die Frage ist nur: War dieser Clio wirklich am Tatort, so wie es die Staatsanwaltschaft behauptet? Oder sind – so stellt es die Verteidigung dar – die von den deutschen Ermittlern gelieferten Videos einer Überwachungskamera viel zu unscharf, als dass sie irgendetwas beweisen könnten? Kann man aus grobkörnig gefilmten, grau verrauschten Lichtreflexen auf etwas, das so aussieht wie ein hinterer Kotflügel, zweifelsfrei auf die Identität eines Autos schließen?

Belastbare Zeugenaussagen gibt es wenige, schließlich geschah das Massaker um halb drei Uhr nachts. Giovanni Strangio bezeichnete sich vor Gericht als komplett unschuldig; für die Tatnacht allerdings hat er kein Alibi.

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