Model Adwoa Aboah führt Mode von Christian Dior vor Foto: Rich Fury/ AFPp

Bodyshaming Durch dick und dünn

Ann-Kathrin Riedl Grit Thönnissen
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Bodyshaming ist das Thema einer neuen Dokumentation, aber auch Models äußern sich dazu.

Wenn Frauen mit Frauen über Frauen reden, kommen oft komische Sachen dabei heraus. "Hast du abgenommen? Du siehst gut aus. So passt dein kleiner Kopf besser zu deinem Körper." Solche nett gemeinten Sätze vergisst man nicht.

Viele Frauen brauchen für solche Nettigkeiten gar kein Gegenüber, das erledigen sie im Zwiegespräch mit sich selbst. Aber es scheint immer mehr Frauen zu geben, die dieses Kreisen um sich selbst als Zeitverschwendung empfinden und öffentlich über das Thema Bodyshaming reden.

Die Australierin Taryn Brumfitt stellte zwei Fotos von sich ins Internet. Auf dem ersten ist sie mit Bodybuilderfigur im goldenen Bikini zu sehen, auf dem zweiten nackt, mit ein paar Kilo mehr und viel zufriedener. Die Bilder wurden 100 Millionen Mal geklickt, Grund genug für Brumfitt, einen Film zu machen, warum so viele Frauen sich nicht mit ihrem Körper anfreunden können. Sie fragt Frauen auf der Straße, wie sie ihren Körper finden. Die häufigste Antwort: "Zu fett."

Über Bodyshaming eine Dokumentation zu drehen, ist eine gute Idee. Es gäbe eine Menge zu berichten. Taryn Brumfitt hat Frauen getroffen, die erzählen, warum sie ihren Körper lieben. Viel spannender wäre es gewesen, mehr über die Auswirkungen und Ursachen des Selbsthasses zu erfahren und was das zum Beispiel mit Sex zu tun hat, der uns die ganze Zeit von überallher entgegenschreit.

So wie in einer völlig ernstgemeinten Pressemitteilung eines deutschen Dating-Portals, die den Körper einer Frau zu einem Ersatzteillager macht, aus dem man sich nur bedienen muss, um die perfekte Frau zusammenzubasteln: "Wieso sollte Mann auf Beine, Brüste oder Hintern fixiert sein, wenn Mann alles haben kann. Eine Umfrage hat ergeben, aus welchen Regionen welche Körperteile einer Frau stammen müssen, um die perfekte Frau zu kreieren", heißt es da. Sie hätte die Augen von Ungarn, ein tschechisches Gesicht, einen finnischen Hintern, dänische Brüste, Schweizer Hände, polnische Beine und spanische Lippen. Das ist unfassbar geschmacklos und sexistisch und es zeigt, wie einfach es ist, Frauen zu Objekten zu machen.

Wie es ist, kategorisiert und für nicht gut genug gehalten zu werden, kennt das Model Adwoa Aboah ganz genau. Zu dunkel die Haut, zu speziell die Gesichtszüge, zu kleingewachsen der Körper. Ihr Gewicht war wohl das Einzige, wofür Adwoa Aboah nicht kritisiert wurde, als sie ins Modelbusiness einstieg.

Schon seit ihrer frühen Jugend hatte sie mit Depressionen zu kämpfen gehabt, nun kamen ständige Kritik von Model-Agenten und der Druck ausbleibender Jobs hinzu. Mit der Modewelt hatte Aboah angeschlagen eine Arena betreten, in der es selbst gefestigte Charaktere schwer haben. Erst mit Hilfe von Therapien gelang es ihr, die Depression zu überwinden. Sie rasierte sich ihre Haare, die sie zuvor in stundenlangen Sitzungen chemisch glätten ließ, um wie die anderen Models auszusehen.

Nach einer Therapiesitzung in einer Frauengruppe fasste sie die Idee zu "Gurls Talk", einer Webseite, die Anlaufstelle für Frauen sein sollte, um sich offen über psychische Probleme und die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper auszutauschen. Adwoa Aboah wurde zur Aktivistin. Damit ist sie nicht allein.

Eine neue Generation von Models macht neuerdings auch abseits des Laufstegs von sich reden und prangert die Schönheitsstandards der Branche an. Ausgerechnet sie, die bis vor Kurzem eher als Teil des Problems galten. Doch in Zeiten von sozialen Netzwerken bleiben Models nicht mehr länger stumm und anonym, sie erheben ihre Stimme und werden dafür gefeiert. Adwoa Aboahs Projekt gelangte in die Medien, mit ihrer Karriere ging es schlagartig bergauf. Chanel, Calvin Klein und andere Modehäuser schmückten sich mit dem Model mit der positiven "Message".

Das singende Alibi. Beth Ditto sang Ende beim Finale von "GNTM" zwischen lauter dünnen Mädchen Foto: Andre Havergo/ Imagop

Models mit Geschichte liegen derzeit im Trend. Wie ehrlich diese Offenheit ist, ist fraglich, und längst ist sie noch nicht überall in der Branche angekommen. Das dänische Model Ulrikke Høyer sorgte im vergangenen Monat für Aufsehen, als sie auf der Fotoplattform Instagram ein Bild ihres Körpers in Unterwäsche postete und darunter beschrieb, wie sie zu einer Modenschau der Marke Louis Vuitton eingeflogen wurde, nur damit ihr vor Ort eine Casting-Direktorin eine 24-stündige Wasserdiät verordnete und sie schlussendlich kurz vor der Show doch wieder nach Hause schickte. Die Modebranche sei sadistisch, schallte es aus den sozialen Netzwerken zurück.

Nach jeder derartigen Enthüllung beschäftigt sich die Modewelt einige Tage lang hysterisch mit sich selbst. Bevor Botschaften wie die von Adwoa Aboah wirklich eingesickert sind, wird es aber wohl noch länger dauern. Bei "Germany's Next Topmodel" gewinnt jedenfalls auch in der 13. Staffel diejenige, die den klassischen Schönheitsstandards am besten entspricht. Da nützt es auch nichts, wenn die füllige Beth Ditto als Alibi für mehr Toleranz auftritt.

Der Film "Embrace. Du bist schön" von Taryn Brumfitt ist auf DVD erschienen, um 14 Euro, Majestic Collection

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