Der Föhn zaubert malerische Wolken in der Form von Linsen oder Mandeln an den Himmel, die auch Föhnfische genannt werden. Foto: Karl-Josef Hildenbrand /dpa
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Wind in München Der Föhn ist an allem schuld!

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Missrät der Schweinebraten oder sacken die Umfragewerte der CSU ab: Der Föhn ist Sündenbock für alles, was in Bayern schief läuft.

Einen guten Kunden hat er vergrault, den Pumuckel so beleidigt, dass der das Sprechen einstellt, der Beruhigungsschnaps hat nichts geholfen, außer, dass danach der Geldbeutel fehlte, und jetzt hat sich der Meister Eder auch noch in der Werkstatt eingeschlossen. Was für ein Tag!

„Ich hob’ heut an Kopf wie a Wasserfasserl“, sagt Schreinermeister Eder in der Serie von Ellis Kaut, als er endlich erkennt, wer schuld an seiner Pechsträhne ist: der Föhn.

Wie überhaupt alles, was schiefgeht in München, an diesem lauwarmen, trockenen Wind liegt. Eine geniale kollektive Ausrede hat sich die Stadt damit erschaffen: Missrät der Schweinebraten, steigt 1860 mal wieder ab, sacken die Umfragewerte der CSU unter die absolute Mehrheit – der Föhn, der hundsgemeine, war’s. Franz Beckenbauer schob tatsächlich einst eine Niederlage des FC Bayern gegen Hansa Rostock auf die Witterung.

Gern fällt den Münchnern das, wie dem Meister Eder, erst im Nachhinein ein. Und überprüfen, ob es nicht vielleicht gänzlich windstill war an jenem Tag, mag dann auch keiner mehr. Wann immer die Zugspitze zum Greifen nah scheint, – das Signal, dass „mir an saubern Föhn ham“– wird eine ganze Stadt zum Jammertal.

Föhn tritt meistens in der Alpenregion auf

Der bayerische Schriftsteller Ernst Hoferichter beschrieb den geföhnten Zustand einst so: „Der Leib wird zum biologischen Niemandsland und gibt den Weg frei für Schwindelgefühle, vibrierende Pulse, verkrampfte Muskeln und zuckende Nervenbündel. An den Gehirnkasten wird ein Brett genagelt; Häkelnadeln stechen an die Wände der Herzkammern, und in den Apotheken werden Antiföhntabletten zur Mangelware.“

Auch der Begriff stammt aus der Literatur: Friedrich Schiller brachte das Wort mit „Wilhelm Tell“ in den gesamtdeutschen Sprachgebrauch. Ursprünglich kommt es aus dem Latein „favonius“ und bedeutet „lauer Westwind“.

Der Föhn entsteht, wenn feuchte Luft an einem Gebirge aufsteigt, weil sie ein Druckgefälle auszugleichen sucht. Mit zunehmender Höhe kühlt die Luft herunter, regnet oder schneit ab, um schließlich als trockener, warmer Wind auf der anderen Seite des Berges ins Tal hinab zu den Menschen zu stürzen. Daher auch der Name „Fallwind“. Damit ein Gebirge vom Föhn erfasst wird, muss es so hoch sein, dass die Luft nicht problemlos darüberfließen kann und breit genug, dass sie es nicht einfach umströmt.

Meteorologisch passiert es nur zwei bis drei Mal im Monat, dass eine Luftmasse vom Gardasee die Alpen herüberkraxelt. Häufiger ist beispielsweise die Schweiz mit ihren vielen Bergen und Tälern betroffen. Auch die Innsbrucker könnten sich an jedem fünften Tag beschweren; das Geheule über den Föhn bleibt jedoch eine bayerische Eigenart.

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