Vom Junkie-Darsteller zum Sozialarbeiter. „Früher war hier Endstation.“ Thomas Haustein am Bahnhof Zoo, dem Schauplatz der Geschichte um Christiane F. Foto: MikeWolffp
Vom Filmidol zum Drogenberater Thomas vom Bahnhof Zoo
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Schlaflose Nächte? Die kennt er als Vater

Thomas Haustein am Bahnhof Zoo. Er hat den Detlef in "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" gespielt und ist heute Drogenberater in Berlin. Foto: Mike Wolffp

Bei seiner Arbeit bietet Thomas Haustein denen, die seine Hilfe brauchen, Einzelgespräche an und leitet eine Gruppe. Er geht in Gefängnisse, spricht mit Häftlingen, die wegen ihrer Sucht straffällig geworden sind. In Schulen redet er vor Klassen oder mit Lehrern, die sich Sorgen um einen der Jugendlichen machen. Thomas Haustein ist für eine liberalere Drogenpolitik, eine kontrollierte Abgabe wie in den Niederlanden. „Konsumiert wird eh“, sagt er. „Und wir sehen doch, dass eine repressive Drogenpolitik nicht funktioniert.“

Wichtig ist ihm, Menschen nicht zu maßregeln, nicht zu verurteilen. Er möchte mit ihnen herausfinden, warum sie Drogen nehmen. Er berate ja nicht nur Junkies, sondern auch erfolgreiche Akademiker, Richter, die nach einem stressigen Tag ihren Rotwein brauchen. Ohne den sie nicht abschalten können. „Der eine will sich mal gar nicht spüren, der andere will sich mal stärker, besser, selbstbewusster fühlen“, sagt er. „Manche Gründe dafür sind schon in der Kindheit angelegt.“

Besonders schwer sei oft die Arbeit mit Angehörigen. Da sei so viel Angst im Spiel, und die Frage nach Verantwortung und Schuld: Wie konnte ich das bei meinem Kind nicht sehen? Was habe ich falsch gemacht?

Er wusste, sein Sohn wird seine Grenzen testen

Solch schlaflose Nächte kennt auch Haustein. An diesem Morgen am Bahnhof Zoo ist er müde. Sein Sohn ist am Abend zuvor 21 geworden. Hat das gefeiert. Als der so alt war wie er, als er den drogenabhängigen Detlef spielte, oder mit Freunden im Keller LSD nahm, machte sich der Vater Sorgen. Er wusste, sein Sohn wird seine Grenzen auch testen, sie übertreten wollen. Wie er es anderen als Suchtberater empfiehlt, beobachtete er behutsam, setzte ihn aber nicht mit zu vielen Fragen unter Druck, hielt es aus, wenn er abgewiesen wurde.

Gleichzeitig war sein Job ein Fluch. Er kannte so viele Geschichten von jungen Menschen, die nicht gut ausgingen. Einmal hatte Haustein einen Klienten, der sich Heroin in den Oberschenkel spritzte, weil die Arme schon zu vernarbt waren. Über seinem Knie bildete sich ein Abszess, der langsam den Oberschenkelknochen zerfraß. Nach zehn Monaten mussten die Ärzte ihm das Bein amputieren. Er saß im Rollstuhl, wie die Frau da drüben, in dem pinken Jogginganzug. Nur war Hausteins Klient erst 18.

Thomas Haustein wusste immer, wie es enden kann

In einem anderen Fall, den er nie vergessen wird, entschied sich ein „bildhübsches Mädchen“ gegen die Drogen, die Arbeit auf dem Strich, machte eine Entgiftung. Sie wurde rückfällig und starb an der ersten Dosis, die zu stark war. „Ich weiß, wie schnell es gehen kann“, sagt Thomas Haustein. „Und wie es enden kann.“

Das war auch ein Grund, weswegen das Buch und der Film über Christiane F. damals so einschlugen: Er zeigte der Elterngeneration eine Welt, die sie sich nie so hätten vorstellen können. Versetzte sie in Panik. Thomas Haustein konnte sich immer alles vorstellen.

Mittlerweile hat sein Sohn seine wilde Phase hinter sich, die beiden wohnen heute zusammen. Einmal haben sie den Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gemeinsam geschaut. „Er hat sich damit aber nicht so wohlgefühlt“, sagt Thomas Haustein. Die Detlef-Rolle habe nicht zu der des väterlichen Helden gepasst.

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