Den Traum, Geisha zu werden, haben heutzutage nur noch wenige Frauen in Japan. Das liegt auch an der harten Ausbildung. Fukuhiro hat sie auf sich genommen. Foto: Daniel Fernandez-Camposp

Unterwegs in Kyoto Sie ist eine der letzten Geishas

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Sie gelten als Ikonen Japans, als Inbegriff von Weiblichkeit. Doch die Zahl der Geishas nimmt weiter ab: Fukuhiro ist eine der letzten ihrer Zunft.

Fukuhiro ist eine junge Frau Mitte 20 in Kyoto. Sie hat ein Facebookprofil, geht ins Sportstudio, mag Kinobesuche und Lieder der japanischen Gruppe One Ok Rock.

Und doch lebt Fukuhiro in einer anderen Welt als ihre Altersgenossinnen. Ihr Tag ist geprägt von Ritualen und Vorschriften. „Zu McDonald’s darf ich nicht, in den Supermarkt auch nicht“, sagt sie. „Zu vulgär.“

Wenn sie ausgeht, trägt sie eine 5000 Euro teure Perücke aus schwarzem Echthaar, ein schneeweiß geschminktes Gesicht und einen doppelt gewundenen Kimono. Fukuhiro ist eine Geisha, eine der letzten ihrer Zunft.

In den 1920er Jahren soll es bis zu 80 000 „Personen der Künste“, so die wörtliche Übersetzung, in Japan gegeben haben. Heute verdienen nur noch 186 Frauen ihr Geld als Unterhalterinnen auf dem Gebiet der Tanz-, Musik- und Dichtkunst, erklärte die Kyoto Traditional Musical Art Foundation jüngst.

In besonderen Vierteln, die Hanamachi heißen, leben Geishas wie Fukuhiro in Okiyas – Wohnhäusern nur für sie und ihre Angestellten. Pergamentlampions mit den Symbolen des Ortsteils kennzeichnen diese Gebäude. Das Zentrum der Geisha-Kultur lag und liegt in Kyoto, der alten japanischen Kaiserstadt, die bis zum vollständigen Umzug des Hofs 1868 nach Tokio auch der kulturelle Mittelpunkt des Landes war. Kyoto ist der einzige Ort der Welt, wo man bis heute jeden Abend Geishas auf der Straße begegnet.

Fukuhiro sitzt an einem Tisch im Ryokan Yoshida Sanso, einem traditionellen Hotel mit sattgrünem Garten und mehreren Zedernholzgebäuden. Darin liegen Tatamimatten, Schiebetüren trennen die Zimmer. Der Besucher zieht am Eingang seine Schuhe aus und erhält Pantoffeln. Grüner Tee dampft in einer Kanne auf dem Tisch. Später wird Fukuhiro einen Geschäftsmann aus diesem Hotel zum Essen begleiten.

Ihr Vater war schockiert

Sie sitzt am äußersten Stuhlrand, wie auf dem Sprung. Der dick gebundene Knoten um den Kimono, der Obi heißt, strafft ihre Figur. Sie legt die Hände in den Schoß und erzählt, wie schockiert ihr Vater war, als er erfuhr, dass sie Geisha werden wollte. „Warum nur?“, fragte er.

An dieser Stelle muss Fukuhiro einmal ausholen. Bei Ausländern kursiert die Vorstellung, es sei eine Form von Edelprostitution. Als Mitte des 18. Jahrhunderts die ersten Geishas auftauchten, setzten die Kurtisanen Kyotos jedoch per Gesetz durch, dass ihren Konkurrentinnen sexuelle Dienstleistungen untersagt wurden.

„Wie der Gangster von Chicago und der englische Gentleman ist die Geisha eine Ikone ihres Landes“, schrieb der niederländische Schriftsteller Ian Buruma 1985. „Sie entspricht der idealisierten Vorstellung von Weiblichkeit, indem sie Verhaltensweisen stilisiert.“ Sex gehört nicht dazu. Wenn eine Geisha doch mit einem Kunden schläft, tut sie dies auf jeden Fall sehr diskret, um ihren Ruf nicht zu ruinieren.

Die eigentliche Tätigkeit einer Geisha ist die einer gut bezahlten Gesellschaftsdame. Sie unterhält Männer bei Abendessen, auf Partys und Cocktailempfängen, sie animiert zu Trinkspielen, um die Kunden in eine hoffentlich spendable Laune zu versetzen, und meistert mindestens die Shamisen, eine dreiseitige Langhalslaute, die wie eine komplizierte Ukulele aussieht und sich wie eine leise Westerngitarre anhört.

Der Shinto-Schrein Fushimi Inari-Taishax zählt zu den Hauptsehenswürdigkeiten in Kyoto. Foto: Daniel Fernandez-Camposp

Vor 100 Jahren war der Beruf für Frauen die einzige Möglichkeit, die soziale Leiter nach oben zu klettern. Mädchen aus armen Landarbeiterfamilien wurden bereits im Kindesalter an Okiyas verkauft, damit sie nach jahrelanger harter Ausbildung in der Gesellschaft von Adligen und Industriellen verkehren konnten.

Der Traum, eine Geisha zu werden, hat sich für viele Japanerinnen abgenutzt. Zu anstrengend ist die Ausbildung, und vor allen Dingen haben Frauen heute andere und lukrativere Möglichkeiten, aufzusteigen. Inzwischen arbeiten sie in Chefetagen von Banken, Versicherungen, in der Politik. Fukuhiro hätte Medizin, Jura oder Biologie studieren können. Ihr Vater wollte sie vor der kräftezehrenden – manche würden sagen unzeitgemäßen – Ausbildung beschützen. Denn nachmittags, wenn ihre Schule zu Ende geht, helfen Maikos, Geishas in Ausbildung, bis in den frühen Morgen in den Teehäusern aus, wo die Frauen ihre Kunden empfangen.

Bis drei Uhr morgens arbeiten, um acht Uhr wieder aufstehen. Fukuhiro wollte trotzdem nicht auf ihren Vater hören. Sie schüttelt den Kopf, als sie sich daran erinnert. Bläst ganz leicht die Backen auf, kaut auf einem langen „Hmm“ herum, ein beinahe unmerkliches Zeichen, dass sie jetzt mal ihre Meinung sagen muss, und man erkennt unter der perfekten Maskenfassade den Trotz eines Mädchens.

In Kyoto ist sie aufgewachsen, in einem Viertel nahe des modernen Hauptbahnhofs, wo Touristen erst einmal von den Funktionsbauten irritiert sind. Hannover? Birmingham? Dort sieht es gar nicht viel anders aus. Die Ausländer fahren meist sofort auf die gegenüberliegende Seite des Flusses Kamo, wo die märchenhaften Tempel mit ihren schwungvollen Dächern stehen, grün, rot, orange, drum herum akkurat gestutzte Bäume, penibel gepflegte Rasen.

Als Kind begriff sie nicht, was hinter den Mauern vorging

Die Touristen spazieren durch Gion, das bekannteste Geisha-Viertel Japans. Kleine Kanäle, geduckte Häuser, heruntergelassene Rollos, Steinbrücken wie aus Spielzeugläden, alte Männer, die mit Fischabfällen Reiher füttern. Das hat auch Fukuhiro jeden Tag gesehen, ohne zu begreifen, welche Geschichte sich hinter den Mauern versteckte.

Bis ihre Familie in den Norden des Landes zog. Wenn sie zurückkam, um Verwandte zu besuchen, schlief sie bei einer Freundin. Deren Mutter betrieb ein Teehaus, in dem Geishas verkehrten. Abends sah sie den Frauen zu, wie sie Tee servierten. „Ich war fasziniert von ihren schillernden Kimonos.“

Fukuhiro entschied sich, wie diese Frauen Geisha zu werden. Gegen den Willen ihres Vaters zog sie nach dem Schulabschluss in ein Okiya im Stadtteil Miyagawacho ein. Sie schlief mit drei anderen Maikos auf einem Zimmer. Fernsehen wurde untersagt, Mobiltelefone waren verboten. Tagsüber besuchte sie die Schule, 14 Fächer standen auf dem Unterrichtsplan, Fukuhiro übte Flöte, Shamisen und Trommel.

Schlafen musste sie auf einem Holzblock: der Haare wegen

Abends schenkte sie Getränke aus und half in der Küche. Nachts musste sie lernen, wie man auf der Seite schläft, denn Maikos tragen im ersten Jahr eine aufwändige Frisur, die nicht verwuscheln darf. Deshalb legen die Mädchen ihren Kopf nachts auf einem Holzgestell ab. Wie es ihr dabei ging? Das gehöre eben zu der Ausbildung dazu, sagt Fukuhiro und lächelt. Sie findet diese Frage komisch.

Zwei Tage im Monat hatte sie frei. Taschengeld bekam sie vom Teehaus. Ob das für ein Kleid oder Modeschmuck reichte, Dinge, die viele Teenagermädchen sich eben manchmal wünschen? Fukuhiro zuckt mit den Schultern. „Ich hatte im Okiya doch alles, was ich brauchte“, sagt sie.

Der Garten des Tempels Ginkaku Foto: Daniel Fernandez Camposp

Miyagawacho ist tagsüber ein ruhiges Viertel. In einige Gassen passen keine Autos, so schmal sind sie, Durchgänge führen zu engen Hinterhöfen, in denen Geschäfte filigrane Papierzeichnungen, Matchatee oder Süßigkeiten verkaufen. Selten hat ein Gebäude mehr als zwei Stockwerke. Ein Taxi fährt vor, drei Maikos in glänzenden Roben steigen ein. „Ich möchte gern ,La La Land‘ sehen“, sagt die eine. Die anderen zwei Mädchen lachen.

Hinter einem der Fenster hier sitzt Fukuhiro jeden Abend. Ins Kino darf sie nur, wenn sie nicht arbeitet und ungeschminkt ist – oder ein Kunde auf ihre Begleitung bei der Filmvorführung bestehen würde. Aber das wäre für den Geschäftsmann herausgeworfenes Geld. Eine Geisha rechnet pro Stunde ab, das fängt bei rund 200 US-Dollar an und kann bei 5000 pro Abend aufhören. Eine fürstliche Entlohnung nach fünf Jahren Entbehrungen. So lange dauerte Fukuhiros Ausbildung zur Unterhalterin.

1,5 Stunden, dauert das Make-up

Ihr Arbeitstag beginnt um 18 Uhr und endet gegen Mitternacht. Etwa eineinhalb Stunden vor ihrem ersten Termin verbringt sie damit, das Make-up aufzutragen. Sie mischt Wasser und ein spezielles Pulver zur kreideweißen Farbe, mit der sie ihr Gesicht, die Schultern und den oberen Teil des Rückens bemalt – alle Körperteile, die man sehen kann. Nur am Nacken lässt sie einen kleinen Teil frei. Für Japaner gilt das traditionell als das höchste aller erotischen Zeichen.

Anschließend schminkt sie sich die Lippen kirschrot. Im ersten Jahr darf eine Maiko nur die Unterlippe färben, ab dem zweiten Jahr auch die Oberlippe. Aber nicht den ganzen Mund, sondern so, dass es wie der Abdruck einer Kirsche aussieht. Anschließend zieht sich Fukuhiro die Augenbrauen nach, pudert die Wangen rosafarben, bindet sich den Kimono um und setzt die Perücke auf.

Nur zwei Läden in Kyoto fertigen die extravaganten Haarpyramiden an. Wie schwer die Perücke ist? „Etwas weniger als ein Kilo“, sagt Fukuhiro, die das blumentopfgroße Gespinst mit federleichter Eleganz trägt. Der Kopfschmuck verrutscht kein bisschen, selbst wenn sie sich verbeugt. Was sie oft tut. Wenn jemand den Raum betritt, ihn verlässt, ihr ein Kompliment macht, sie eines zurück gibt, wenn sie den Raum betritt, ihn verlässt.

Für Touristen ist es schwierig, eine echte Geisha zu treffen

Für Touristen ist es beinahe unmöglich, eine traditionelle Geisha zu treffen. In die Teehäuser dürfen Besucher nur, wenn sie die Empfehlung eines Stammgastes haben. Und selbst, wenn sie hineingelangen, taucht das nächste Problem auf: Geishas wissen alles über Teezeremonien, können jedoch keine Fremdsprache. Das steht nicht auf dem Lehrplan. Auch Fukuhiro kommuniziert über eine Dolmetscherin.

Die meisten Reisenden gehen deshalb zur Gion Corner, einem Informationszentrum, das von außen ein wenig wie eine große Schule aussieht. Jeden Nachmittag gibt es drinnen eine viertelstündige Tanzaufführung, ein Best-of der Geishatänze. Auf der Bühne tippeln die Frauen vor und zurück, beugen sich würdevoll nach links, nach rechts, in beiden Händen wedeln sie kunstvoll mit Fächern und verziehen dabei keine Miene.

Fukuhiro muss nun aufbrechen. Vermisst sie manchmal nicht das normale Leben? Die Geisha lächelt, ein wenig mitleidig, wie es scheint. „Sehen Sie, ich komme in so viele Restaurants oder Bars, die ich mir als normale Frau nie leisten könnte.“ Ihr Vater ist inzwischen stolz auf sie. Sie ist eine erfolgreiche Frau in einem seltenen Berufszweig geworden.

Das Leben als Geisha erfüllt sie, sagt sie. Nur eines könnte ihrer Karriere in die Quere kommen: die Liebe. Wenn sie einen Mann findet und heiratet, muss sie ihren Beruf aufgeben. Fukuhiro lächelt verschämt. „Noch ist da niemand.“

Sie träumt derweil von anderen Dingen. Reisen will sie. In Singapur und New York war sie bereits, als Geisha wurde sie für Messen gebucht, aber die Städte fand sie gar nicht so anders als die Megametropolen Japans. Die Landschaft Afrikas, die einzigartige Tierwelt dort, die würde sie gern sehen. Als Privatperson, ohne die Perücke im Handgepäck.

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