In die Fresse. Wer ohne Körperspannung auf die Welle trifft, wird von ihr abgewatscht. Foto: Algarve Surf Photo (instagram/algarvesurfphoto.com)p

Surfen in Portugal Ich war noch niemals auf Hawaii

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Die besten Wellenreiter treffen sich an der Algarve. Ein Möchtegernsurfchick will ihn auch spüren, den Kick, von dem alle reden. Sie bekommt die Nasenspülung ihres Lebens.

Ich falle. Und diese scheiß Welle verschlingt mich. Das ist der Moment, in dem man auf keinen Fall in Panik geraten darf. Weil die Welle sowieso stärker ist, totaler Kontrollverlust. Ich schleudere durchs Wasser, irgendein Körperteil schleift am Boden des kalten Atlantiks vor diesem Strand an der Algarve, die Leine des Boards zieht mich in irgendeine und alle Richtungen. Ich schleudere durch diese Gewalt von Wasser wie der unwichtigste Klumpen Fleischmasse auf diesem Planeten. Für wie viele Sekunden, Minuten, Leben? Egal.

Dann spuckt mich das Wasser wieder aus. Einfach so. Es wollte mich töten. Die Welle lacht mich aus. Ich hasse das Meer.

Um mich herum sieht es aus, als sei nichts passiert. Links und rechts ragen große, schwarze Felsen aus dem smaragdgrünen Wasser, das von da oben, wo die kleine Straße von der Steilküste an den Strand führt, noch so friedlich glitzerte.

Tag eins des Plans, Surfen lernen in Portugal. Der coolste Sport von allen, in dem kleinen Land am Westzipfel von Europa, das sich in den letzten zehn Jahren zu einem der angesagtesten Surfspots der Welt emporgeschwungen hat. Portugal ist in der Szene bedeutender als Südafrika, Tahiti oder Fidschi. Hier werden Weltmeister gekürt. Hier surfen die Besten.

Ich bin unverheiratet, und ich stand noch nie auf einem Brett

Schuld ist vor allem der Nazaré Canyon, ein über 230 Kilometer langer Tiefseegraben, bis 5000 Meter abwärts, der den Erdboden spaltet – schnurgerade im Winkel von ziemlich genau 90 Grad zum portugiesischen Festland. Er endet vor Nazaré, einer kleinen Fischerstadt, die niemand kannte, bis die Lebensmüden kamen. Wenn im wilden Atlantik die Seestürme toben, bricht hier die größte Welle, die je ein Mensch gesurft hat. 2011 bezwang der Big-Wave-Surfer Garrett McNamara das 24-Meter-Monster. Donnernde Naturgewalt vor einer mittelalterlichen Festung mit rotem Leuchtturm. Surfer wie McNamara fühlen sich nur am Leben, wenn sie es für den Kick des Wellenreitens riskieren. Was ist los mit denen? Seefahrer gaben diesem Teil des Atlantiks schon im 18. Jahrhundert einen Namen: die Sandbank, die Witwen macht.

Ich bin unverheiratet. Und ich stand noch nie auf einem Brett. Surfen lernen sei eine Lebensaufgabe, las ich in einem Magazin im Flieger nach Faro, Hauptstadt der Algarve. McNamara fing mit elf Jahren an zu surfen. Ich bin 33 und habe drei Tage Zeit. Das Standardangebot der Surfschule. Täglich drei Stunden Gruppenunterricht bei Hugo, der aussieht, wie Surflehrer eben aussehen: Die tätowierte Haut rostbraun, die Haarspitzen zeugen vom Rest einer Blondierung, in den Ohren diese Scheiben, die sich manche Menschen in die Läppchen pressen lassen.

Da stehe ich nun mit vier anderen Möchtegernsurfchicks im geliehenen Wetsuit an einem fast menschenleeren Strand – und mache Gymnastik. Der Himmel ist stahlgrau an diesem Morgen, mein Atem schwer von den drei Runden, die ich gerade durch den Sand joggen musste.

Jeder, der das Gefühl kennt, beschreibt es als unbeschreiblich

Surfen ist der härteste Sport der Welt. Man braucht Ausdauer, Kraft und Koordinationsvermögen. Es ist ratsam, sich vor dem Trip in die Freiheit fit zu machen. Schwimmen, Klimmzüge, so was. Ich wusste das. Ich habe nichts davon getan, die letzten vier Jahre nicht, das Dehnen schmerzt. „Relax!“, schreit Hugo gegen den Wind. Das soll schließlich Spaß machen. „You’re here on holidays! If you’re not having fun, you won’t make it!“, brüllt er in meine Richtung. „I am relaxed!“, brülle ich zurück. Da fängt es an zu regnen.

Eigentlich auch egal, woher das Wasser kommt, denke ich, während Hugo uns endlich die Grundlagen des Wellenreitens erklärt. Der Wind hat die wenigen Körperteile, die nicht von Neopren umschlossen sind, runtergekühlt.

Dass uns jeder hier von Weitem als blutige Anfänger erkennt, garantiert das neongelbe Shirt, das wir über den Wetsuit ziehen mussten. „Freeride“ steht drauf. Der Loserstempel. Ist auch schon egal, bei diesem Brett, das Hugo mir in den Arm gedrückt hat. Das ist kein Brett, sondern ein ganzer platt gepresster Baum. Mehr Fläche schafft mehr Auftrieb, mehr Balance. Die gepolsterten Kanten sollen verhindern, dass ich jemanden damit erschlage. Oder schlimmer noch, mich selbst.

Jeder, der das Gefühl kennt, beschreibt es als unbeschreiblich. Als würde man fliegen, maximales Glück, maximal frei. Plattitüden. Und da ist immer dieses Funkeln in den Augen. Das sagt, dass die Plattitüden wahr sind. Das Funkeln lässt mich nicht los, ich muss es haben.

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