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Reiseliteratur In die Ferne lesen
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Fermor hatte wenig zu verlieren, aber eine Welt zu gewinnen

Corto Maltese. Hugo Pratt, Schreiber & Leser, 143 Seiten, 29,80 Euro. Cover: promop

DIE ZET DER GABEN, PATRICK LEIGH FERMOR

Die Reise begann, als er 18 war, und für seine Leser blieb sie unvollendet, da Sir Patrick Leigh Fermor 2011 im Alter von 96 Jahren starb. Nur als Fragment erschien kurz nach seinem Tod „Die unterbrochene Reise“, das letzte von insgesamt drei Büchern, in denen der Brite seine Wanderungen im Europa der Vorkriegszeit schilderte. Auch die ersten beiden Teile brachte Fermor lange nach der eigentlichen Reise zu Papier, und genau das macht „Die Zeit der Gaben“ (1977) und „Zwischen Wäldern und Wasser“ (1986) so reizvoll: Was er mit dem Erlebnishunger des noch ganz jungen Mannes aufsog und jahrzehntelang im Herzen bewegte, schrieb Fermor als gereifter Autor in einer stilistischen Meisterschaft nieder, die ihn zum Genreklassiker des britischen „travel writing“ machte.

Mit 18 bestieg Fermor 1933 ein Schiff nach Holland, um quer durch Europa bis nach Konstantinopel zu wandern, und sein Rucksack enthielt nicht viel mehr als ein paar Notizbücher und einen Band Horaz. Kurz zuvor war er von der Schule geflogen, sein letztes Zeugnis charakterisierte ihn als eine „gefährliche Mischung aus Fein- und Leichtsinn“. Ideale Reisebedingungen also: Fermor hatte wenig zu verlieren, aber eine Welt zu gewinnen. Eine Welt zudem, die bald im Feuersturm des Zweiten Weltkriegs untergehen würde, weshalb der Kontinent, den Fermor beschreibt, aus heutiger Sicht wie ein verlorenes Märchenreich wirkt. Insbesondere Deutschland ist in seiner Schilderung kaum wiederzuerkennen. Studenten schmettern hier in dunklen Bierkellern romantische Lieder, empfindsame Aristokraten deklamieren die Dichtung des klassischen Altertums, und hinter jedem dichten Eichenwald taucht ein neues Märchenschloss auf, in dem der junge Wanderer Obdach, Gespräch und Gesellschaft findet. Dass Hitler seit einem Jahr an der Macht ist, wird gelegentlich spürbar, aber noch ist das wundersame Provinzreich jener Jahre eine aus heutiger Sicht so gänzlich fremde Welt, dass deutsche Leser „Die Zeit der Gaben“ nur mit ungläubigem Staunen lesen können.

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