Draußen sein. Das Oderbruch – ein sumpfiges Binnendelta der Oder – liegt in Brandenburg und Polen. Foto: Gunda Schwantjep

Leben fernab der Zivilisation Meine Hütte im Oderbruch

Sigrid Bellack
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Tagsüber teilte sie sich die Japanische Quitte mit den Bienen, nachts weckten efeuknabbernde Rehe unsere Autorin. Die Natur bot ihr stets Zuflucht – dann ist plötzlich alles anders.

Vor 200 Jahren wurde der amerikanische Philosoph Henry David Thoreau geboren. Er hatte bei Concord am Walden-See in Massachusetts eine Hütte errichtet. In dem Buch „Walden oder Leben in den Wäldern“ beschrieb er sein einfaches Dasein.

150 Jahre später ging ich – mitten in Berlin – manchmal zu Fuß zur Arbeit, nur um eine einzige Stunde am Tag für mich zu haben. Schließlich kündigte ich meinen Job, auch, weil mir mit 40 Jahren klar wurde, dass ich nur dieses eine Leben habe und dass ich nicht den Rest davon in geschlossenen Räumen verbringen wollte. Oder, wie Thoreau schrieb: „Es wäre kein schlechter Gedanke, mitten in unserer Zivilisation ein einfaches Grenzerleben zu führen, nur um zu erfahren, was die notwendigsten Lebensbedürfnisse sind.“

Dieses Abenteuer ohne Strom und fließend Wasser lebte ich 20 Jahre, „um nicht, wenn es ans Sterben ging, die Entdeckung machen zu müssen, nicht gelebt zu haben“.

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Meine Hütte am Wald liegt im Oderbruch, wo ich geboren wurde. Eigentlich wollte ich nach der Wende einen alten Zirkuswagen mit rundem Dach und stabilen Wänden – stattdessen überraschte mich mein Vater mit einem Duschwagen vom Bau. Damals standen diese rosafarbenen, mit einem kleinen Spitzdach versehenen Pappbauwagen überall herum. Inzwischen bin ich versöhnt: Das Metalldach ist überwuchert von Efeu, Rosen, Hopfen und Geißblatt, Rehe knabbern im Winter daran.

Eines Nachts erwachte ich, weil der Wagen bebte. Vor meinem Schlafzimmerfenster standen drei Rehe und bissen ins Efeu. Der Bock witterte nach allen Seiten. Ich hatte das Fenster geöffnet, wäre das Mückengitter nicht gewesen, hätte ich ihn beim Gehörn schütteln können.

Die Hütte liegt 70 Kilometer entfernt von Berlin, ich bin in gut zwei Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln dort. Im Sommer erwärmt die Sonne mein Heim so, dass ich nachts bei offenem Fenster schlafe. Im Mai und Juni höre ich die Nachtigallen, die bei uns „Sprosser“ heißen und nicht ganz so schluchzend singen; zusammen mit dem Duft des blühenden Akazienwaldes ist es ein Erlebnis.

Meine Ahnen bewachen mich aus den Bäumen

Draußen wird meine Hängematte von jahrzehntealten Fichten und jahrhundertealten Eichen beschützt. Erstere standen schon auf unserer alten Kuhweide, als ich in den 50er Jahren ein Kind war. Letztere reichen in Zeiten zurück, bevor mein Großvater hier Förster war und viele Eichen unter Naturschutz stellte. Manchmal denke ich, meine Ahnen sitzen in den Bäumen und haben ein Auge auf mich.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs befand sich hier die Front, zehntausende sowjetische und deutsche Soldaten starben; zwei Wochen später war Hitler tot. Nicht selten, dass man große Knochen findet. Der Ungeübte erkennt nicht sofort, ob Pferd, ob Mensch. Wie kann es sein, dass trotz so vieler Toter, die ja schreiend und jämmerlich gestorben sind, so viel Schönheit und Ruhe über der Landschaft liegt?

Einmal, im Frühherbst, ging ich den Höhenweg. Über der Oder war der Himmel indigofarben. Davor alte Pappeln, deren silbrige Blätter der Wind bewegte, und rote Hagebutten. Irgendwann in jenem Herbst sah ich dort riesige Gänseschwärme auf einem Feld sitzen, alle die Brust Richtung untergehender Sonne, den letzten wärmenden Strahlen zugewandt. Später fand ich in einer von meinem Vater aufgezeichneten Geschichte dasselbe Bild: dieses Feld, ebenfalls Gänse, 50 Jahre früher.

Ich begann Blumen für die Städter zu pflücken

Lange ging ich zu Fuß immer wieder die historischen Pfade; die Frankfurter Straße, den alten Handelsweg durch den Wald, der an den Wallbergen und Slawenburgen aus dem siebten Jahrhundert vorbeiführt. Schneeglöckchenfelder, Lungenkraut, Maiglöckchen, Winterlinge, Schlüsselblumen im Frühling, dazwischen Morcheln, die seltenen Adonisröschen. Ein Friedhof bedeckt von blauen Cylla. Ich kannte eine im Krieg zerschossene alte Buche, auf der Schwarzstörche nisteten, die der Förster fürsorglich bewachte.

Ich begann, Blumen nicht mehr nur für mich zu pflücken, sondern für die Städter. Ich stellte sie in kräftigen Farben zusammen, lila Wiesensalbei und grüngelbe Wolfsmilch; gelber Raps und violetter Rittersporn; weiße Margeriten, roter Mohn und blaue Kornblumen. Manchmal nahm ich Gartenblumen dazu, orange Ringel- zu blauen Kornblumen, rosa Pfingstrosen oder gelbe Sonnenblumen zu lilablauem Ackerrittersporn, Lupinen zu Akeleien, Arme voll.

Später im Jahr rote Hagebutten und blaue Schlehen zu Zinnien, eine Explosion der Farben. Es gibt verfallende Höfe im Oderbruch, auf denen zu bestimmten Zeiten vor Jahrzehnten gepflanzte Stauden blühen. Ich kenne eine riesige, rosarot blühende Japanische Quitte, die außer mir und Millionen von Bienen niemand aufsucht.

Ich transportierte die gebundenen Sträuße in einem Korb im Zug, manchmal verkaufte ich sie schon dort, weil sie den Menschen gefielen. Und schmückte den Platz vor dem Weinladen in meinem Kiez mit käuflichen Blumenmeeren.

In einem Meer spiegelten sich die Kronen der Schwarzpappeln

Einmal sehe ich mich Ende der 90er im Winter den Oderdeich entlangradeln. Bei aller Tragik, die das Hochwasser für unsere Gegend fast gehabt hätte: Jenseits des Deiches war ein Meer, aus dem die Kronen alter Schwarzpappeln herausguckten, die sich im Wasser spiegelten. Ein anderes Mal gingen meine Freundin Gunda und ich den Deich entlang, die Mücken waren eine Plage. Plötzlich, ein Sägen!

Wir gingen dem Geräusch nach – und da waren sie, Biber, die angesichts der Wassermassen versuchten, ihre Dämme zu stärken, indem sie mit wahnsinnigem Tempo Bäume fällten.

Seit letztem Jahr habe ich ein Kajak – und ich wünsche mir noch einmal ein Sommerhochwasser, damit ich auf diesem „Meer“ über die Oderwiesen paddeln kann. Bis dahin fahre ich mein Boot mit Rad und Anhänger bis zu einer Lanke, die mit der Oder verbunden ist, und bei der nachts der Schäfer seine Herde lagert.

Die Lanke ist mein ganzes Glück. Im letzten Jahr sah ich eine brütende Wildgans, viele Enten, manche mit rotem Kopf. Schwäne führten ihre Jungen schwimmend spazieren, manchmal fischten Graureiher am Rand.

Kentern, paddeln, wieder kentern

Eines Tages hatte ich mein Boot mit einem Spanngurt festgemacht und kriegte ihn nicht auf. Um Hilfe angesprochene Fahrradfahrer auf dem Deich (Städter!) fragten: „Spanngurt?“, und ich konnte hören, dass ihnen ein solcher so fremd war wie mir. Also die ganzen drei Kilometer wieder zurück und mir ein für alle Mal erklären lassen, wie es geht. Als ich nach mehreren Anläufen dann das erste Mal das grüngelbe Einerkajak in die Lanke setzte, weinte ich, weil es nun endlich geklappt hatte. Es kam ein sehr dicker grüngelber Fisch gucken, was denn da für ein riesiger Rivale seine Kreise stört.

Irgendwann fiel mir leider mein Fernrohr hinein. Und anfangs plumpste auch ich beim Versuch, auszusteigen, gelegentlich ins Wasser. Nicht schlimm, es war Sommer, und die Lanke eignete sich schon in meiner Kindheit zum Baden.

Vor der großen Hitze im Juni war ich noch mal in der Alten Oder paddeln. Wieder kenterte ich, wieder füllte sich das Boot mit Wasser, wieder war ich nach der Anstrengung des Hinfahrens mit dem Rad schon erschöpft. Es kamen zufällig Radler vorbei, die ich um Hilfe bat.

Meine Dose zum Ausschöpfen war längst davongetrieben. Mit einem Schwamm saugte ich das Wasser raus, die Radler zogen das Boot von oben auf die Böschung. Ich habe ihnen gesagt, dass ich ja eigentlich nicht raus will, sondern lospaddeln.

Der zweite Anlauf ging dann so: Wir hatten beim Paddelkurs auch gelernt, wie man im Boot sitzend eine Böschung runtersaust. Leider kam ich schief auf – wieder ins Wasser, wieder Boot ausschöpfen. Beim dritten Mal schließlich gelang es. Leider fiel mir nach ein paar Metern auf, dass auch mein Hut abhandengekommen war, und ohne Hut kein Paddeln!

Da kam er plötzlich angeschwommen und ich konnte, pitschnass wie Hut und ich waren, sehr angenehm zwei Stunden fahren. Ich hatte, als ich abends den Wetterbericht sah, alles richtig gemacht: mich nur im Wasser und im Halbschatten der Alten Oder aufgehalten.

Ein türkisfarbener Blitz fährt ins Wasser

Ein Erlebnis der besonderen Art ist diese Alte Oder. Nach der Eindeichung im 18. Jahrhundert und der Urbarmachung des Oderbruchs blieb sie als einer der alten Arme übrig. Am ehesten erinnert sie an den Spreewald. Mein allererster Eindruck war ein türkisfarbener Blitz, der aus dem Halbdunkel ins Wasser fuhr – ein Eisvogel.

Teilweise paddelt es sich leicht, wo der Fluss durch Bäume geschirmt wird, dort wachsen keine Pflanzen im Wasser. Wo aber volle Sonneneinstrahlung ist, wuchert über den Sommer alles zu, mit gelben und weißen Seerosen, mit Schilf, mit Iris. Kleine, wie mit Zellstoff umhüllte Päckchen schwimmen im Wasser. Sie werden von weißen Seerosen in mohnähnlichen Kapseln gebildet, treiben ein Stückchen und sinken dann in den Schlamm, um zu neuen Seerosen zu werden.

Ich habe große Inseln mit Brunnenkresse gefunden, die als Salat oder Pesto gut schmeckt. Zum Abendessen kann man Tee aus Wasserminze machen. Pfeilkraut, Wasserlinsen liegen grüntüpfelig in weiten Flächen über dem Wasser.

Manchmal ruhen unter einem große Baumstämme, und je nach Wasserstand muss man das Boot drüberhieven. Umgekehrt duckt man sich ab und an unter gefallenen oder vom Biber umgesägten Veteranen, ebenso wie unter stillgelegten eisernen kleinen Brücken. Wird sie noch halten oder über mir zusammenbrechen, genau während ich durchfahre?

Unerwarteter Männerbesuch bei Nacht

Meine Freundin Gisela und ich haben übrigens mal vom Oderdeich aus einen Widder beobachten können, der – gesenkter Kopf, Anlauf – ein Bäumchen attackierte. Rumms, zurück, wieder Anlauf, Hörner gesenkt, ran an den Baum. Wir lagen mittlerweile auf dem Deich und lachten Tränen. Beim 15. Mal hörten wir auf zu zählen und verbuchten es in unserer Chronologie unter der Sparte „männlich-seltsam“, die ohnehin schon gut gefüllt war.

Der Widder und seine uns unverständliche Raserei erinnert mich an ebenso unverständliche unerwartete Männerbesuche an meiner Hütte. Eines Abends saß ich bereits im Nachthemd im Bett und las. Da schob sich außen ein Gesicht dicht ans Fenster, es war stockschwarze Nacht und hinter meiner Hütte nur der Wald.

Da man in so einer Lage mit Ängstlichkeit nicht weiterkommt, öffnete ich das Fenster und fragte durch das Mückengitter, wer denn der Mann sei. Er stellte sich ohne Namen als Schulfreund vor. Ich fragte einfach, ob er sich nicht zivilisiert tagsüber mal zum Kaffee einfinden könne.

Das Oderbruch gilt als endemisches Zeckengebiet. Entgegen den Aussagen meiner Neurologin Ende der 90er Jahre, der Körper würde auch allein damit fertig, habe ich heute eine Multiple Sklerose oder wenigstens eine Lähmung von etwas Ähnlichem. Ich bin der festen Überzeugung, dass meine massiven neurologischen Ausfälle mit den vielen hundert Zeckenbissen im Laufe der letzten 30 Jahre zusammenhängen. Ich versuche, die Krankheit anzunehmen. Was jedoch in Jahrzehnten meine Leidenschaft war, spazieren, wandern, bei jedem Wetter – das geht nun nicht mehr.

Die Autorin hat noch in weiteren Hütten, fernab der Zivilisation, gelebt. Ihre Erinnerungen daran hat sie auf ihrem Blog festgehalten.

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