Der Kilimandscharo ragt wie ein klotziger Wichtigtuer in der weiten Steppe heraus. Foto: imago/Xinhua
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Kilimandscharo "Wir Helden waren oben!"

Michael Schophaus
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Auf die Spitze des Kilimandscharo mit: Hämmern im Schädel, einem Dorf als Geleit und dem tapfersten „German Girl“.

Also, ich will jetzt nicht lange drum herumreden. Sagen Sie einfach Helden zu uns. Helden. Das reicht. Wir waren oben! Martina, Gabi, Heike, Christian, Klaus und ich schwindelschwacher Reinhold Messner. Alle kurz vorm Himmel, ja, Himmel. Wo dir die Saftschubsen im Flieger schon den ersten Drink aufs Beinkleid schütten.

Wir sind Afrika aufs Dach gestiegen, fast 5895 Meter hoch, haben glücklich in die Wolken gewürgt und mit dem Segen der Pharmaindustrie die Kopfschmerzen zum Teufel gejagt. Sprechen Sie mir bitte nach, K-i-l-i-m-a-n-d-s-c-h-a-r-o, das klingt ja wohl verwegener als eine Kohlenhalde im Ruhrgebiet, obwohl: Wenn du dann erst mal als Bottroper auf dem Gipfel stehst und deine Blutkörperchen in der Todeszone nach Sauerstoff brüllen, siehst du auch bloß noch Staub und Dreck und schwatte Steine. Wie in Oberhausen-Sterkrade.

Doch sonst nur Stolz. Nur Freude. Nur Staunen über die Kraft, den Willen, dem Kotzen zu trotzen und mit deinen teuren Stinkstiefeln einen Berg erklommen zu haben, der kein Berg ist, sondern ein topografisches Ereignis. 60 Kilometer breit, so weit wie von Duisburg nach Dortmund. Der Kilimandscharo ragt wie ein klotziger Wichtigtuer in der weiten Steppe heraus; wenn er in Köln stünde, könntest du ihn im Flugzeug bereits von Hamburg aus sehen.

Ich glaube, als Hemingway ihn erblickte und ihn nicht – wie wir Helden – schaffte, fing er aus Verzweiflung das Saufen an, was bei ihm bekanntlich mit einer Ladung Schrot im Hirn endete. Vermutlich hat er nicht mal den Gipfel gesehen, weil er so häufig verhüllt ist.

"Das verzeihe ich dir nie"

Ich hatte die Reise meiner damaligen Frau zum 50. Geburtstag geschenkt. Irgendwie hatte ich das Gefühl, sie musste sich zwingen, sich ganz ganz doll darüber zu freuen. Sie ertrug es auch mit gut geheuchelter Würde, dass ich mir ihren angeblichen Herzenswunsch einfach mal mitbescherte.

Außerdem diskutierten wir sehr ernsthaft Dinge, die unsere Kleiderfrage betrafen und probierten ausgerechnet an den heißesten Sommertagen menschenverachtend dicke Schlafsäcke aus, die sogar ein nacktes Frettchen zum Schwitzen gebracht hätten. In welche Wechselwäsche sollten wir blähen und wie eng durften die Maschen bei den Socken sein?

Glauben Sie mir, dies wurden bei uns existenzielle Fragen. Dass meine völlig überrumpelte Ex-Gattin darüberhinaus auch noch mit einem ziemlich eingebildeten Piloten befreundet war, der früher oft die Route zum Kilimandscharo flog und dabei gelegentlich Särge mit sauerstoffverarmten Leichen mit nach Deutschland brachte, ließ die Sache für uns beziehungstechnisch nicht gerade einfacher erscheinen. „Das verzeihe ich dir nie“, sagte meine Ex-Frau, „mich da oben sterben zu lassen.“ Manchmal lächelte sie trotzdem, dann war sie noch viel hübscher als sonst.

Die im Sarg wollten auch

Irgendwann standen wir vor dem Berg der Berge. Ich wunderte mich überhaupt nicht mehr, dass sich Hemingway erschossen hatte. Er lag vor uns wie ein wütender Auswurf Gottes, so still und erhaben, als würde man sich beim Besteigen bereits mit dem ersten Schritt an ihm vergehen.

Lange zögerte ich, das Hotel mit seinem hellen, warmen Garten zu verlassen und mich stattdessen in Zelte zu zwängen, die so stickig waren, dass du eigentlich nur draußen atmen konntest; wenn draußen genug Luft und nicht jedes Schuhebinden ein ungeheuerlicher Kraftakt gewesen wäre. Auch überlegte ich mir, mich spontan dem Studium der Ornithologie zu widmen, um eine Ausrede fürs Bleiben zu haben und so seltene Vögel wie den Weißscheitelwürger oder Zwergbienenfresser zu beobachten.

Es half alles nichts. Bezahlt ist bezahlt. Ich musste rauf. Wir mussten rauf. Von Kenia aus, die Rongai-Route, schön, nicht überlaufen. Was 15 000 Menschen im Jahr können, können wir schließlich auch. Wollen wollen aber fast doppelt so viele und, wie gesagt, die im Sarg: wollten auch.

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