Das Leben als Clip. Funda nimmt gern auf, was sie gerade tut. Egal, ob sie in der Berliner U-Bahn rappt oder auf einem Wettbewerb singt. Fotos: privatp

Jugendliche Träume Klick mich zum Star

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Youtube bietet völlig neue Wege für eine Karriere. Musik aufnehmen, Video hochladen – fertig! Wie Funda aus Hosenfeld ins Fernsehen kam.

Funda Demirezen, 18 Jahre alt, angelt mit der Zange ein paar Salatblätter aus der Schale und schiebt sie in das Fladenbrot. „2,50 Euro“, sagt sie. Doch während Funda die Bestellungen im „Antalya Kebabhaus“ ihrer Eltern in Hosenfeld abfertigt, einem Ort mit einer Kirche, einer Tankstelle und einer freiwilligen Feuerwehr, 30 Autominuten entfernt von Fulda, der neuntgrößten Stadt Hessens, denkt sie an eine ganz andere Welt. An eine, die unberechenbarer ist als ein Imbiss: In dieser Welt warten keine Gäste auf Funda. Sie kann keine Preise bestimmen und auch nicht den Gegenwert ihrer Leistung. Das machen andere. Fundas Traumwelt heißt Youtube.

Im Internet ist Funda ein kleiner Star. Ihr beliebtestes Video erhielt 347 000 Klicks. Das sind beinahe 75-mal so viele wie Hosenfeld Einwohner hat. In dem Video singt sie eine Coverversion von Demi Lovatos Song „Give your Heart a Break“. Funda hat eine schöne Stimme und vor der Kamera inszeniert sie sich wie eine Sängerin im Fernsehen. Nahaufnahme ihres Gesichts mit den großen getuschten Mandelaugen und ihrer mit Gloss benetzten Lippen, ihre Hand klopft den Takt am Mikrofon mit. „FundaDemirezen“, so wie sie heißt auch ihr Youtube-Kanal. Aktuell haben ihn 21 800 Menschen abonniert. Insgesamt kommt sie auf mehr als vier Millionen Klicks für alle Videos, die sie von sich online gestellt hat. Und seit kurzem kennen sie auch die Zuschauer im Fernsehen. Wenigstens in der Türkei. Vor einem Monat hat Funda es in der türkischen Ausgabe der Castingshow „The Voice“ in das Team von Sängerin Hadise geschafft.

Im „Antalya“-Imbiss öffnet sich die Tür. Der Rentner Willi, ein Stammkunde, tritt vor den Tresen:

„Na, Funda. Geht’s gut?!“

„Hallo Willi, jaa. Muss ja.“

„Singste schon beim Bohlen?“

„Nee, den mag ich nicht.“

Funda trägt hochhackige Schuhe und ein enges Kleid. Bei „Deutschland sucht den Superstar“ mit Dieter Bohlen, sagt sie, zähle nur die Show, aber der Gesang überhaupt nichts. Deswegen hat sie den Weg über das Internet eingeschlagen. „Da kannst du machen, was du willst. Ich möchte allen zeigen, was ich kann!“ Ins Internet geht es leichter als ins Fernsehen. Um auf Youtube Videos einzustellen, muss niemand bei einem Vorentscheid sein Talent unter Beweis stellen.

Jeder, so zumindest denken viele Jugendliche, kann heute im Internet zum Star und Unternehmer werden. Jeder, der eine Kamera besitzt, kann diese größte Bühne der Welt betreten. Youtube ist eine gigantische Castingshow. Nur Juroren sind nicht Dieter Bohlen und Co., sondern die Zuschauer. „Das Netz ist der wichtigste Tummelplatz für Musik“, sagt Julian Krohn, Talentscout bei Universal Music. „Wenn wir nach neuen Bands oder Künstlern suchen, ist das Internet unsere erste Anlaufstelle. Weil man dort das Feedback der Fans gleich sehen kann und einen visuellen Eindruck bekommt. Das bietet keine Demo-CD.“

Das deutsche Komiker- und Sängertrio Y-Titty arbeitet mittlerweile mit Universal Music und ist einst durch Youtube berühmt geworden. Mit 15 Jahren haben die drei Freunde Matthias, Philipp und Oguz ihr erstes Video hochgeladen. Heute sind sie Anfang 20 und ihr Youtube-Kanal ist mit mehr als einer Million Fans der erfolgreichste in Deutschland. Sie leben davon. Diese Art von Karriere gab es vor zehn Jahren noch nicht. Aber für die in den 90er Jahren geborenen Jugendlichen wie Funda fühlt es sich an, als gäbe es Youtube schon immer.

„Das ist nur ein Hobby“, sagt der Vater von Funda. „Ohne Schule, ohne Ausbildung geht heute gar nichts. Funda weiß das. Ne, Funda?“ Er steht neben ihr im Dönerladen und schaut sie nicht an, während er das sagt. Funda weiß, dass seine Worte als Ermahnung gedacht sind. Sie hat für ihren Erfolg als Sängerin auf Youtube vor einem Jahr die Schule abgebrochen. Schlecht war sie nicht, in Mathe und Deutsch hatte sie eine Drei, in Musik eine Eins. Sie sollte das Fachabitur in Wirtschaft und Verwaltung machen, was ihr später einen Bürojob in der Gemeinde versprach.

Fundas Zukunftstraum sieht anders aus. Für sie ist das Videoportal nicht nur ein Zeitvertreib, sondern eine Verheißung, so wie der Kaninchenbau, durch den sich „Alice im Wunderland“ in eine Welt voller Abenteuer stürzte. Raus aus der Einöde, rein in ein Land unbegrenzter Möglichkeiten. „In Hosenfeld gibt es ja nichts“, sagt Funda. Zu Hause gab es Zoff deswegen. Sie konnte bei den Eltern ein Ultimatum rausschlagen: „Wenn ich es in einem Jahr nicht geschafft habe, muss ich wieder zur Schule.“ Jetzt drängt die Zeit und auch die Konkurrenz.

Unter dem Suchbegriff „mein erstes Video“ erscheinen auf Youtube rund 75 000 Treffer allein in diesem Jahr. Laut einer Studie der Universität Leipzig nutzen 93 Prozent der 12- bis 19-Jährigen Youtube aus Interesse an Musik. 38 Prozent von ihnen bezeichnen sich als Musikschaffende: Sie spielen E-Gitarre, legen als DJs auf oder singen. Nicht alle spielen ein Instrument im klassischen Sinn. Für manche ist das Instrument der Computer. Sie machen Samplings, Remixe und schneiden Videos. So wie Funda, die kein Studio hat. Mikrofon, Kamera und Computer reichen aus. Produziert wird in ihrem Kinderzimmer und am Computer ihrer Eltern.

Drei Autominuten entfernt vom Dönerladen lebt Funda mit den Eltern und Geschwistern in einem Einfamilienhaus. Das Dachzimmer hat sechs Quadratmeter, einen pinkfarbenen Teppich und pinkfarbene Vasen. Neben dem Kleiderschrank stehen Pumps in allerlei Farben aufgereiht wie eine Armada zum Angriff. Sie teilt sich das Zimmer mit ihrer 19 Jahre alten Schwester. Wenn Funda nicht im Imbiss aushilft, dreht sie zu Hause Videos. Im Moment sitzt sie im Wohnzimmer am Computer ihrer Eltern. Sie loggt sich in die sozialen Netzwerke ein und klickt sich durch die Kommentare und Direktnachrichten.

Einer fragt: „Ist Funda und Fulda das Gleiche?“

Funda tippt: „Nee, eigentlich nicht.“

Er: „Blöde Zicke.“

Sie: „Nee, auch nicht.“

Funda hat zwei Facebook-Konten, eine Facebook-Fanpage und Dutzende neue Freundschaftsanfragen. Sie muss sich um ihre Zuschauer kümmern und auch blöde Kommentare gefallen lassen. „Das darf man nicht an sich heranlassen“, sagt sie. „Wie im normalen Leben muss man lernen, mit Kritik oder Beleidigungen umzugehen.“ Sie klingt in diesem Moment ziemlich erwachsen, nicht wie ein Mädchen, das einfach so die Schule abgebrochen hat.

Mit der linken Hand kämmt sich Funda durch die langen braunen Haare, mit der rechten scrollt sie zum nächsten Kommentar: „Tolle Gesangsstimme.“ Komplimente gibt es natürlich auch. Andere fragen: „Hast Du einen Freund?“ Oder: „Sind Deine Eltern geschieden?“ Funda antwortet jedem: „Hallo Süße :) ja, meine Eltern sind schon ewig geschieden.“ Die Nähe zu den Fans bringt Klicks und Kontakte außerhalb von Hosenfeld.

Mit 14 Jahren wurde Funda klar, dass sie die langweilige Welt von Hosenfeld verlassen kann, wenn sie ein Handyvideo von sich ins Netz stellt. Plötzlich kommentierten Freunde und Fremde, was sie da tat. Inzwischen schart sich eine kleine Fangemeinde um sie. Bewusst wurde ihr das bei ihrem ersten Fantreffen in der echten Welt. Über Youtube hatte sie ein paar Zuschauer zum „Meet and Greet“ auf den Berliner Alexanderplatz eingeladen. Etwa 20 Fans waren gekommen, zum Teil aus anderen Städten angereist, um Funda zu treffen. Sie schrieb ihre ersten Autogramme auf T-Shirts und in Bücher. „Die waren sausüß. Aber komisch war’s auch“, sagt sie über den Moment, als aus den Nutzernamen der virtuellen Welt plötzlich echte Menschen wurden.

Künstler, die wie Funda eine große Anzahl an Abonnenten haben, können sich als Partner bei Youtube bewerben und mit ihren selbst produzierten Videos Geld verdienen. Seit gut zwei Jahren macht Funda das nun. Wie viel sie bekommt, darf sie nicht verraten. So steht es in ihrem Vertrag. Sie spricht über ihre Einnahmen nicht einmal mit ihrer Freundin Alycia, die auch Youtuberin ist und mit der sie gemeinsame Videos dreht. Nur so viel: „Ich habe die Kamera und das Mikrofon davon gekauft.“ Das sind etwa 700 Euro. Noch ist es eher ein Taschengeld als ein wirkliches Einkommen wie bei den Jungs von Y-Titty.

Im letzten Jahr durften Funda und Alycia als Vorband von Y-Titty auf dem Videoday 2012, dem größten Event seiner Art in Europa, auftreten. Die Internetstars präsentieren sich live und nicht auf dem Bildschirm. Als Funda Y-Titty bei den Proben zugesehen hat, da wünschte sie sich, einmal ähnlich viel Geld über den Videokanal zu verdienen. Funda weiß, dass die Mehrheit der Fans wegen des Komikertrios in der Halle war. Aber immerhin: Sie stand zum ersten Mal auf einer richtigen Bühne. Auch davon gibt es natürlich ein Video auf ihrem Kanal.

Talentscouts der deutschen Ausgabe von „The Voice“ haben Funda auch schon kontaktiert. „Ist das echt oder Verarsche?“, fragte sie damals ihre Freundin Alycia. „Castingshows sind mittlerweile sehr offensiv im Umgang mit dem Netz, damit ihnen die Talente nicht entgehen“, sagt Julian Krohn von Universal Music. Die Jugendlichen interessierten sich schon noch für Fernsehen, „aber wenn sie Fernsehen schauen, sind sie parallel immer auch im Netz“.

Weltberühmt ist Funda in den letzten Monaten zwar nicht geworden, aber sie ist viel gereist, um gemeinsam mit Fans und anderen Youtubern Musik und Videos zu machen. Sie zählt die Städte auf: „Köln, Berlin, Bochum, Stuttgart, Karlsruhe, Frankfurt. Schon ’ne Menge.“

Funda ist auch zum Vorsingen bei der deutschen Version von „The Voice“ gefahren, bis in die Show hat sie es nicht geschafft. Dafür ist sie bereits in einem Kaufhaus aufgetreten oder war bei dem Privatsender „Show TV“ in der Türkei zu sehen. Der Fernsehkanal zeigte ihre Videos in einer Sendung, die regelmäßig neue Trends auf dem Videoportal vorstellt. Wenn man sich im Internet bewiesen hat, ist der Schritt ins Fernsehen leichter. Funda singt jetzt neben deutschen und englischen Songs auch türkische, in der Heimat ihrer Eltern erhält sie so mehr Aufmerksamkeit. In der Vorrunde von „The Voice“ ist sie da bereits.

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