Marina Abramovic Foto: (c) Paola + Murray
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Interview mit Marina Abramovic "Mit 70 muss man den Bullshit reduzieren"
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Ich kann keine Gemälde schicken, darum schicke ich mich selbst

Marina Abramovic vor Bildern ihrer Performance "Art must be beautiful". Foto:Jorge Zapata/ picture alliance / dpa
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Nach Ihrem Auszug wurden Sie zur Nomadin.

Nachdem ich mit Ende 20 Ulay getroffen hatte…

… den aus Deutschland stammenden Künstler, mit dem Sie die nächsten 13 Jahre zusammen Performances machten…

… haben wir fünf Jahre lang im Auto gelebt. Wir sind in die Wüste gefahren, auch zu den Aborigines gereist, nach Indien.

Bis heute sind Sie nonstop unterwegs, in Brasilien, Argentinien, London, China. Reisen Sie so gerne?

Die Frage stellt sich mir gar nicht. Weil ich die Arbeit bin. Ich kann keine Gemälde schicken, also schicke ich mich selbst. Als ich in Jugoslawien lebte, habe ich davon geträumt, rauszukommen, die Welt zu sehen. Wenn hier jetzt ein Raumschiff stünde, das in eine andere Galaxie fliegt – ich würde sofort einsteigen. Ich bin so neugierig! Im letzten Jahr war ich, glaube ich, nicht mehr als 20 Tage in New York. Am Flughafen muss ich manchmal überlegen: Wo kommt mein Koffer jetzt her? Ich weiß nicht, ob ich noch anders leben könnte. Außerdem habe ich keinen Mann, keine Familie, bin völlig frei.

Wollten Sie nie Kinder haben?

Nein. Nie. Ich habe drei Mal abgetrieben, weil ich überzeugt war, dass es ein Desaster für meine Arbeit wäre. Man hat nur so und so viel Energie in seinem Körper, und die hätte ich teilen müssen. Das ist meiner Ansicht nach der Grund, warum Frauen in der Kunstwelt nicht so erfolgreich sind wie Männer. Es gibt jede Menge talentierter Frauen. Warum übernehmen die Männer die wichtigen Positionen? Ganz einfach: Liebe, Familie, Kinder – all das will eine Frau nicht opfern.

Sie waren in jungen Jahren schon so entschlossen?

Ja. Insbesondere, weil ich selber eine so schreckliche Kindheit hatte. Ich wollte nicht Mutter sein, auf keinen Fall. Meine Studenten sind meine Kinder. Ich glaube ans Unterrichten, ich liebe es.

Mit Ihrer Retrospektive im MoMA 2010 hat sich Ihr Leben komplett verändert.

Als ich in den 70er Jahren mit Performances anfing, dachten wir bei 30 Zuschauern, wow, das ist echt ’ne Menge. 200, 250 – mein Gott, unglaublich! Und ins MoMA kamen 750 000! Mein Publikum hat sich radikal geändert. Es ist nicht mehr unbedingt ein Kunstpublikum, es sind Bauern, Hausfrauen, Kinder, Politiker, Leute mit allen möglichen Berufen. Das Publikum ist zu meiner Arbeit geworden. Ich stelle mich nicht vorne hin und performe etwas, sondern gebe den Leuten die Instrumente an die Hand, dass sie das selbst tun.

Und wie soll das funktionieren?

Wie ein gut organisiertes Konzert. Normalerweise kommen die Leute, gucken sich etwas an, gehen wieder. Aber im 21. Jahrhundert haben sie keine Lust mehr, sich Sachen anzugucken, sie wollen Teil von etwas sein, eine Erfahrung machen. Eine Verbindung zu anderen Menschen spüren.

Zeit spielt eine zentrale Rolle in Ihrer Arbeit. Haben Sie bei den Auftritten nicht das Gefühl, dass sie ganz langsam vergeht?

In dem Moment, in dem du bei einer Performance denkst: Wie lang muss ich noch, hast du verloren. Dann ist deine Konzentration weg. Und das spüren die Zuschauer sofort, die sind wie Hunde: Sie schnuppern Angst, sie schnuppern Zweifel.

Bei Ihren Aktionen sind Sie immer wieder bis an die Grenzen gegangen, haben sich von Ihrem Publikum malträtieren lassen, haben sich selbst geschlagen, fast die Haare ausgerissen.

Das ist der Unterschied zwischen Theater und Performance: Im Theater ist das Blut Ketchup, bei der Performance ist es echt.

Sie leben in New York, in einer Stadt von atemberaubendem Tempo – aber bei Ihrer Ausstellung im MoMA saßen Sie den ganzen Tag lang still.

Das war das Schwerste, was ich je gemacht habe, darauf habe ich mich ein Jahr lang vorbereitet. Die Leute verstehen ja nicht, was das bedeutet, sich drei Monate lang nicht zu rühren. Das ist die Hölle. Ich musste vorher meinen gesamten Stoffwechsel umstellen. Also: nur noch abends Wasser trinken, um tagsüber nicht aufs Klo zu müssen, kein Mittagessen, nur ein sehr frühes Frühstück, und beim vegetarischen Abendessen ging es ausschließlich um Nährstoffe. An all das musste ich meinen Körper gewöhnen. Und ich war 62, das war echt hart.

Für Ihre Kunst fasten Sie auch?

Ja, regelmäßig, das ist mein Hausputz. Unser Zuhause machen wir dauernd sauber, unseren Körper nicht. Dabei ist er das wirklich wichtige Zuhause. Fünf, sechs Tage lang trinke ich nur Wasser, esse nicht, schreibe nichts, mache nichts.

Sie wirken 20 Jahre jünger, als Sie sind. Dabei haben Sie Ihrem Körper viel Gewalt angetan.

Mein Arzt sagt, dass mein Blut, selbst meine Innereien viel jünger sind. Ich glaube, das liegt daran, dass ich das Leben so liebe, Menschen liebe. Meine Mutter war eine total aktive Frau. Mit 62 ist sie in Rente gegangen und später einen schrecklichen Tod gestorben: mit 86, totale Demenz. Sie war von völliger Aktivität auf Null gegangen. Ich werde bei der Arbeit sterben, nicht, während ich vor dem dämlichen Fernseher sitze. Das ist es, was die Leute umbringt, die Rente.

Die Neugier als Jungbrunnen?

Der einzige Mensch, den ich kenne, der noch verrückter war als ich und den ich aus ganzem Herzen bewundere, ist Susan Sontag. Sie war unglaublich, ging in die abgefahrensten Bars, fuhr nach New Jersey, um sich irgendeine Punkband anzuhören. Sie wusste genau, was in der Welt vor sich geht. Ich gehe nachts nicht aus, ich liebe den Morgen.

Es heißt, Sie trinken nicht mal Alkohol?

Nie. Ich mag den Geschmack und Geruch nicht. Mein Problem ist Schokolade, nicht Alkohol. Keine gute Schokolade, sondern schlechte, mit ganz viel Zucker und Kakaobutter und allem.

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